Leben mit Baby

Das ganze Leben ändert sich

Wie schön, nach zehn Monaten Schwangerschaft endlich das eigene Baby im Arm zu halten. So lange hat man sich auf diesen Moment gefreut und darauf, mit dem kleinen Nachwuchs zu Hause anzukommen. Alles ist schon lange vorbereitet: das Kinderzimmer, erste Spielsachen, Babyklamotten und man selber, so glauben die meisten Frauen, ist es auch. Vorbereitet auf das neue Leben mit Kind. Doch was man trotz bester Informationen noch nicht wissen konnte ist, wie es sich wirklich anfühlt, nun rund um die Uhr für ein Baby verantwortlich zu sein. Manche Tage bestehen gefühlt nur aus Schreien, Wickeln, Füttern und Nächten, die mit Schlafen nichts mehr zu tun haben. Der nur allzu oft gehörte Satz „Mit einem Kind ändert sich dein ganzes Leben, nichts ist mehr so wie es vorher war“ ist nun fühlbar Realität.

Viele brauchen etwas Zeit, um sich an diese Realität zu gewöhnen. Eigentlich wäre Frau nach der Schwangerschaft, einer anstrengenden Geburt und all den körperlichen Strapazen ja auch das erste Mal im Leben wirklich reif für eine Kur. Ausgerechnet dann ist sie aber im 24-Stunden-Einsatzdienst. Es beginnt die Zeit der Fremdbestimmung und oft auch des Schlafmangels. Da ist es bei all der Mutterliebe und dem Wunschkind doch nur menschlich, wenn ab und an auch mal negative Gefühle und Gedanken aufkommen.

Mombie – wenn aus Mama ein Zombie wird

Noch immer spukt durch unsere Köpfe ein kaum zu erreichendes Mutterbild: Eine glückliche Familienmanagerin, die ganz schnell wieder arbeitet, Haushalt und Kind unter einen Hut bekommt, immer gestylt und vor allem zufrieden und geduldig ist. Viele Mütter versuchen daher perfekt zu sein, und negative Gedanken und Gefühle rufen in ihnen ein schlechtes Gewissen hervor. Dabei haben Mütter das Recht, auch mal mit ihrer Rolle unzufrieden zu sein und das auch zu äußern. Denn nur, weil eine Frau ein Kind geboren hat, ist sie nicht von diesem Moment an nur noch Mutter. Sie bleibt ein ganz normaler Mensch, der auf Stress und vor allem auf eine komplett neue Lebenssituation ab und an gereizt reagiert. Ein schreiendes Baby, schmerzende Brüste, durchwachte Nächte, das Gefühl, eine Milchbar zu sein, dauerbeschäftigt zwischen Speibaby, vollen Windeln und Wäsche sowie die Tatsache, dass die eigene Körperpflege nur noch zwischen all dem in wenigen Minuten durchgehetzt wird – da kann man schon mal die Fassung verlieren.

„Mein Arbeitsalltag zeigt eindeutig, dass nicht immer nur Glückseligkeit bei den frisch gebackenen Mamis herrscht. Und das ist völlig normal. Das, was den meisten Müttern, gerade in den ersten Monaten, richtig zu schaffen macht, ist der Schlafmangel“, weiß die Augsburger Hebamme und zweifache Mutter Anne Tschauner. In 15 Jahren Praxis hat sie über 1.500 Babys auf die Welt geholfen und begleitet Mütter vor und nach der Geburt einige Monate lang. „Schlafmangel ist echte Folter für Körper und Psyche und bei Müttern oft der Ursprung aller negativen Gefühle. Hat man zu wenig Schlaf, fehlt einem die Kraft für den Alltag mit Baby, man reagiert schnell gereizt, manchmal sogar aggressiv und will verständlicherweise ab und an einfach nur mal seine Ruhe. Ein schreiendes Baby trifft eine gereizte, völlig übermüdete Mutter komplett anders als diejenige, die erholt und ausgeglichen in den Tag starten kann“, erklärt Anne Tschauner.

Schlafmangel ist kein guter Begleiter

Setzt man sich mit dem Thema „Schlafmangel“ wissenschaftlich auseinander, wird einem schnell klar, warum Mütter manchmal einfach genervt sind, überreagieren und schlichtweg keine Lust mehr haben. Klinische Experimente haben gezeigt, dass schon nach einem Tag Schlafentzug Symptome wie Konzentrationsstörungen, Interesselosigkeit, Nervosität, Störungen des Gedächtnisses und Verminderung der Reaktionsgeschwindigkeit auftreten. Verlängert man den Schlafentzug, kommen noch Desorientierung und aggressives Verhalten hinzu. Langfristiger Schlafmangel kann sich sogar gesundheitlich auswirken. Kein Wunder also, wenn selbst die hilfreichen Mama-Hormone nicht immer für beste Laune ausreichen und aus Mama ein schlafwandelnder Zombie mit Augenringen wird.
„Hinzu kommt, dass manche Babys gerade in den ersten Monaten viel schreien und die Mütter immer wissen wollen, warum. Nur findet man nicht immer die Gründe beziehungsweise die Mama kennt das Kind noch nicht so lange, als dass sie jedes Bedürfnis erkennen könnte. Das erhöht bei den meisten Müttern den Stress ungemein. Alles wird ausprobiert, alles hinterfragt, alles dreht sich nur noch um die Bedürfnisse des Kindes. Dabei ist es vielleicht hilfreicher, die Dinge manchmal so anzunehmen wie sie nun mal sind. Der ganzen Situation auch Zeit geben – das nimmt den Druck“, so die Expertin.

Ein Austausch unter Gleichgesinnten bringt die gute Laune zurück

Zeit hat auch Martina K. gebraucht, deren Sohn inzwischen drei Jahre alt ist. Als wäre es gestern gewesen, erinnert sie sich an ihre Gefühle, die sie damals selbst erschreckten: „Der Kleine war gerade zwei Wochen alt, schrie am laufenden Band und ich war den ganzen Tag damit beschäftigt, ihn zu trösten, zu stillen und zu wickeln. Ich stand an unserem Fenster und schaute hinab auf die lebhafte Straßenkreuzung und dachte nur, wie frei all die Menschen dort unten waren. Sie konnten stundenlang irgendwo hin fahren, während ich nun hier stand und nichts anderes mehr machen konnte, als für mein Baby da zu sein.“ Das Schlimmste aber an diesen Gefühlen sei das schlechte Gewissen gewesen, das die damals 37-Jährige bei diesen Gedanken plagte. „Ich wollte einfach nur raus aus dieser Situation, mal irgendwas für eine halbe Stunde in Ruhe machen und frei entscheiden können anstatt im Minutentakt den Kleinen zu trösten, wobei ich nicht mal wusste, was er überhaupt hatte“, so Martina K.. Sie fühlte sich als Rabenmutter, traute sich zunächst nicht, diese unzufriedenen Gedanken zu äußern und kämpfte immer wieder mit dem Zwiespalt zwischen Frust und schlechtem Gewissen. Erst als sie sich einer Freundin, die schon zwei Kinder hatte, anvertraute, merkte sie, dass auch andere Mütter solche Gedanken hatten. Dass es normal ist und vor allem, dass das nur Phasen sind, die wieder vergehen.

Ja, ich darf auch einmal so denken

„Es hat ein wenig Zeit gebraucht, bis ich mich wieder gefunden habe. Bis ich verstanden habe, dass ich auch mal so denken darf, weil ich auch nur ein Mensch bin und dass ich mein Kind ja trotzdem über alles liebe. Und vor allem habe ich nach ein paar Monaten begriffen, warum andere Frauen noch ein zweites Kind bekommen: Weil solche Phasen vergehen, die Kinder einem so viel geben und man lernt, sich zwischendurch freie Zeiten für sich zu nehmen, um für das Kind wieder ausgeglichen und zufrieden zu sein.“ So wie Martina geht es vielen Frauen, bestätigt auch die Hebamme Anne Tschauner. In den letzten Jahren werden die Kurs-Angebote der Hebamme für frisch gebackene Mütter immer mehr in Anspruch genommen. Dabei geht es gar nicht vorrangig um Babymassage, Pekip oder Fenkid. Der wichtigste Punkt dabei sei der Austausch der Mütter untereinander. „Sie kommen oft müde und gestresst an und verlassen meine Kurse dann aber meist gut gelaunt und gelöst. Sie konnten sich austauschen, hören, dass es anderen Frauen genauso geht wie ihnen und lassen einfach mal Dampf ab. Das beruhigt und bringt nicht gerade selten alle Kursteilnehmerinnen wieder zum Lachen. Von anderen erzählt, hören sich die Baby-Geschichten nämlich urkomisch an – wenn man nicht selbst in der gleichen Situation stecken würde.“

Zum Schmunzeln …

Dass jede Mutter mal keine Lust auf ihren Nachwuchs hat, zeigt auch Romi Lassallys Buch „1000 Beichten von ganz normalen Müttern“. Geheime Wünsche und Gedanken, Notlügen, Ausreden oder Erkenntnisse ganz normaler Mamas, die allesamt ihre Kinder über alles lieben, beweisen vor allem eines: Durch die Geburt ihres Kindes wird eine Frau nicht zum perfekten, fehlerfreien Wesen. Sie bleibt Mensch. Und das ist ermutigend wie witzig zugleich. Für alle Frauen, die mitten drin stecken, ihren Frust teilen und ihn zugleich mit Humor betrachten wollen, haben wir einige Beichten aus Romi Lassallys Buch zusammengetragen:

  • Mir hätte mal jemand sagen sollen, dass Kinder irgendwann auch durchschlafen. Die ersten paar Wochen zu Hause, zurück aus der Klinik, mit meinem ersten Baby waren eine Erfahrung, die ich nicht noch einmal brauche. Nie wieder.
  • Um zu Hause auch mal Zeit für mich zu haben, sage ich meinem Mann, dass ich aufs Klo muss, obwohl ich gar nicht muss. Ich schließe die Toilettentür ab und spiele ein paar Runden Kniffel auf dem Handy.
  • Wenn mein Mann duscht, drücke ich die Klospülung (in der Gästetoilette), weil ich es nicht ertragen kann, dass er Zeit für sich hat, ohne dass ihn die Kinder stören. Ich höre ihn schreien und weiß, dass er einen Schwall kaltes Wasser abkriegt. Dann muss ich lächeln.
  • Manchmal träume ich davon, mich scheiden zu lassen, dann hätte ich jedes zweite Wochenende frei.
  • Ich habe meinen Kindern immer noch nicht beigebracht, wie man die Uhr liest. So kann ich einfach immer behaupten, es wäre Schlafenszeit.
  • Wenn mich die Kinder so richtig nerven, setze ich mich am liebsten hin und blättere in Fotoalben. Dann sehe ich ihre süßen, lächelnden Gesichter und den ganzen Quatsch, den sie gemacht haben, und mein Herz wird weich. Ich sehe dann ein, dass auch diese Situation vorbeigeht und dass sie bald wieder meine kleinen Engel sein werden.

(Quelle: Romy Lassally: Ich habe meinen Kindern immer noch nicht beigebracht, wie man die Uhr liest. So kann ich einfach immer behaupten, es sei Schlafenszeit. 1000 Beichten von ganz normalen Müttern. MVG Verlag, München 2010.)

Wo gibt es Hilfe, wenn man an die Belastungsgrenze kommt

Eine gute Anlaufstelle für Frauen in den ersten Babymonaten ist sicherlich die Hebamme. Sie weiß oft Rat, kann eventuell mit kleinen psychischen und körperlichen Stärkungsmitteln helfen und wertvolle Tipps geben. Bei den meisten Frauen sind es nur kurze Phasen, tagesform- beziehungsweise nachtabhängige Momente, in denen sie genervt, wütend oder komplett erschöpft sind. Gespräche mit der Hebamme oder mit Gleichgesinnten können ebenso helfen wie ein Alltagshilfe und etwas Zeit für sich selbst. In einem intakten sozialen Umfeld ist beides meist kein Problem, so dass die Mutter ihr inneres Gleichgewicht wieder finden kann. Doch was, wenn Frau alleinerziehend ist? Wenn die Großeltern nicht um die Ecke wohnen und der Freudekreis keine Hilfe ist. Unbürokratische und praxiserprobte Hilfe bietet  z.B. die bundesweite Organisation wellcome – für das Abenteuer Familie. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin kommt ins Haus. Wie ein guter Engel wacht sie über den Schlaf des Babys, während die Mutter sich ausruht, begleitet beim Gang zum Kinderarzt, spielt mit dem Geschwisterkind, macht Einkäufe - und hört zu…
Mehr dazu unter www.wellcome-online.de

 

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