Leben mit Baby

Individueller Schlafbedarf: Was heißt beim Baby „durchschlafen“?

Einen Traum teilen wohl alle frischgebackenen Eltern: dass ihr Baby bitte bald durchschlafen möge. Denn der Alltag mit Baby ist oft so anstrengend, dass sie schnell am Ende ihrer Kräfte sind, wenn sie auch nachts nicht zur Ruhe kommen. Übrigens ist das Thema Schlaf für Mütter in der Regel ein noch größeres als für Väter, wie eine aktuelle Studie nahelegt. Forscher haben nämlich herausgefunden, dass Frauen mit Kindern im Haushalt eher selten ausreichend Schlaf bekommen und sie sich auch tagsüber in der Regel müder fühlen als Kinderlose. Das ist natürlich noch kein wirklich überraschendes Ergebnis. Die Studienergebnisse zeigten aber auch, dass Kinder im Haushalt zwar den Schlaf der Mütter verkürzten, hingegen keinen Einfluss darauf hatten, wie lange die Männer schliefen. Mama wacht und Papa schnarcht? Vielleicht etwas gestrig. Aber eine Tendenz zum schlechteren Schlaf der Mutter gibt es natürlich schon – etwa durch nächtliches Stillen und hormonelle Besonderheiten. Doch in vielen Fällen klingt das Wort "Durchschlafen" sicher sowohl für Mütter als auch für Väter schon bald wie ein schöner Traum. Und weckt so manch unrealistische Erwartung. „Durchschlafen bedeutet nicht, dass ein Kind schon zehn oder zwölf Stunden am Stück schläft, das ist die Ausnahme. Es bedeutet, dass ein Baby sechs bis acht Stunden schläft“, betont Diplom-Psychologe Dr. Jörn Borke, Leiter der Babysprechstunde am Institut für Psychologie der Universität Osnabrück, in der Eltern u.a. zu Schlafproblemen ihrer Babys beraten werden. Das heißt: Wird ein Säugling um 20 Uhr abends schlafen gelegt, kann er zwischen zwei und vier Uhr nachts schon ausgeruht sein: „Finn wacht momentan jede Nacht gegen zwei Uhr auf und schläft dann zwei geschlagene Stunden lang nicht mehr ein. Er wirkt auch überhaupt nicht müde“, beschreibt eine Mutter dieses Problem in einem Onlineforum für Eltern.

Schlaf für das Baby: Sanfte Umverteilung der Schlafzeiten

„In so einem Fall können Eltern einige Tage lang ein Schlaftagebuch führen und den durchschnittlichen Schlafbedarf ihres Kindes über 24 Stunden ermitteln“, rät Dr. Borke im urbia-Gespräch, „denn der individuelle Schlafbedarf von Babys kann sehr unterschiedlich sein.“ Der Schweizer Entwicklungsforscher Prof. Remo H. Largo ermittelte hier eine Spannbreite zwischen zwölf und 20 Stunden in den ersten Lebensmonaten. Mithilfe des Schlaftagebuchs können Eltern dann die Schlafzeiten ihres Kindes umverteilen. „Sie können ihr Kind abends später hinlegen, damit es morgens später aufwacht. Sie können auch versuchen, es tagsüber kürzer schlafen zu lassen, damit es nachts insgesamt länger schläft“, so Elternberater Borke. Wichtig ist auch, dass dem Baby nachts keine Abwechslung geboten wird, sondern das Licht gedämpft bleibt und die Eltern leise sprechen. So lernt das Kind mit der Zeit, dass die Nacht Ruhe und Stille bedeutet.

Schlafen Flaschenbabys besser durch?

Doch viele Eltern können auch von einem Baby, das nachts sechs Stunden am Stück schläft, nur träumen. „Meine Maus ist elf Monate alt und wird noch gestillt. Sie möchte aber momentan jede Stunde trinken, früher war es nur alle drei Stunden. Ich gehe auf dem Zahnfleisch, ich kann nicht mehr! Soll ich abstillen und ihr abends Schmelzflocken geben?“, fragt eine übermüdete Mutter in einem Onlineforum. Zwar machen manche Eltern tatsächlich die Erfahrung, dass ihr Baby mit stärkehaltiger Flaschennahrung (ab Typ 1) nachts weniger oft aufwacht. Doch das muss nicht funktionieren. Studien konnten keinen Zusammenhang zwischen der Aufwachhäufigkeit von Babys und der Art oder Menge der Nahrung nachweisen.

Kurze Schlafzeiten beim Baby sind angeboren

Es ist eher das Erbe aus alten Zeiten, das Babys dazu bringt, auch nachts öfters wach zu werden: „Durchschlafen ist nicht Teil der normalen Entwicklung von Kleinkindern“, betont Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster. „Der leichte Schlaf hat mit der Trinkbereitschaft zu tun. Zwischen drei und vier, dem Alter, in dem Kinder früher normalerweise abgestillt wurden, wird er von selbst fester“, so der Wissenschaftler von der Universität Heidelberg.

Swaddling – gepuckte Babys schlafen ruhiger

Schon unsere Vorfahren beobachteten: Eng in Tücher gewickelte Säuglinge schlafen ruhiger. In vielen Regionen der Erde ist das Einwickeln von Babys bis heute Alltag, etwa in China, Russland, Osteuropa oder Lateinamerika. Seit einigen Jahren wird auch in der westlichen Welt dieses „Pucken“ der Babys wieder entdeckt. Eine Studie am Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus, einem Lehrkrankenhaus der Berliner Charité, ergab 2009: Babys, die im für die Studie verwendeten Wickelkissen „Cosyme“ schliefen, das auch die Arme umschließt, wachten bis zur Hälfte seltener auf als Babys in einem herkömmlichen Schlafsack mit freien Ärmchen. Auch andere Studien hatten beobachtet, dass Babys durch das „Swaddling“ (engl. Einwickeln) ruhiger und insgesamt länger schlafen. Dabei wird der Anteil des sog. Non-REM-Schlafs (Tiefschlafphase) erhöht. Dass das Baby beim Swaddling immer in Rückenlage gelegt wird und sich nicht selbst umdrehen kann, soll zudem das Risiko des Plötzlichen Kindstods (SIDS) senken.

Pucken mit Maß

Doch ist das Swaddling unter Wissenschaftlern nicht unumstritten. Eine englische Studie von 2009 zeigte, dass es doch ein Risikofaktor für den Plötzlichen Kindstod sein kann: Die Gefahr der Überwärmung ist erhöht, vor allem, wenn das Baby einen fiebrigen Infekt hat. Einige Untersuchungen beobachteten auch ein erhöhtes Risiko für Hüftgelenksdysplasie, für Atemwegsinfekte sowie einen verzögerten Beginn des Krabbelns oder Laufens. Auch eine häufigere Abflachung des Hinterkopfs der Babys durch das lange Liegen in derselben Stellung wurde beobachtet. Gepuckte Babys haben außerdem weniger Körperkontakt zur Mutter, was deren Interaktion mit dem Baby erschwert. Eltern, die auf die Vorteile des Puckens nicht verzichten wollen, sollten ihr Baby nur nachts einwickeln (die Dauer also begrenzen) und es bei Infekten in einen leichten, regulären Schlafsack mit freien Armen stecken.

Einschlafen – ganz ohne Hilfe geht es nicht

Bevor sie aber ans Durchschlafen ihres Babys denken können, müssen viele Mütter und Väter ihr Kind überhaupt erst einmal zum Einschlafen bringen. Ihre Bemühungen treiben dabei gelegentlich seltsame Blüten. Da sieht man seufzende Mütter, die sich das Baby allabendlich zwei Stunden herumtragen. Oder hohläugige Väter, die im Auto einsame Runden drehen, weil das Baby nur im fahrenden Auto einschläft. „Go the fuck to sleep“ („Verdammte Scheiße, schlaf‘ ein!“) rief der US-Autor Adam Mansbach seiner kleinen Tochter eines Tages am Ende mit den Nerven zu – und machte daraus kurzerhand ein Buch mit gleichnamigem Titel, das zum Bestseller wurde.

Warum kommt das Baby nicht in den Schlaf?

Doch warum brauchen viele Babys beim Einschlafen so viel Unterstützung durch ihre Eltern, dass die manchmal an die Grenze ihrer Kräfte kommen? „Einzuschlafen, wenn es müde ist, ist für ein Kind im ersten Lebensjahr eine große regulatorische Herausforderung. Wie rasch dies einem Baby gelingt, ist auch ein wenig Glückssache für die Eltern. Es hängt von der Persönlichkeit und dem Temperament des Kindes ab. Manche Kinder brauchen viel Unterstützung beim Einschlafen, manche weniger“, erläutert Psychologe Dr. Borke. Doch Mütter und Väter sollten immer schauen, wie viel Unterstützung ihr Kind wirklich brauche. „Eltern müssen nicht in Extreme verfallen. Sie können auch mit sanften Methoden eine Veränderung herbei führen.

Neugeborene Babys mögen’s einförmig

Wie aber kann so eine sanfte Veränderung aussehen? „Die Eltern können das Kind, das vielleicht bisher nur auf dem Arm eingeschlafen ist, zunächst etwas herumtragen, es aber dann wach hinlegen, es noch ein wenig streicheln und ihm etwas vorsingen“, so Borke. Natürlich müssten Eltern mit Protest des Babys rechnen, wenn sie das Einschlafritual plötzlich anders handhaben. „Sie müssen sich sogar anfangs oft auf noch anstrengendere Nächte einstellen, bis der Erfolg die Mühe schließlich belohnt.“ Dass ein Kind hier protestiere, sei ganz normal, Eltern sollten dies ruhig aushalten. „Wichtig ist, dass sie das Kind nicht allein lassen, also weiter tröstend auf es einwirken und einfach da sind.“

Auf die Dauer wird das Baby dann dem erliegen, was der Regensburger Psychologe und Schlafexperte Prof. Dr. Jürgen Zulley als „monotone Stimulation“ bezeichnet. Nämlich der absichtlich langweiligen Gleichförmigkeit und Verlässlichkeit eines Einschlafrituals. Hierzu gehören für Zulley zum Beispiel beruhigende, leise Wiegenlieder, aber „noch besser sind rhythmische Bewegungen wie bei der guten, alten Wiege. Viele Eltern benutzen einen Hüpfball, auf dem sie mit dem Kleinen sanft schaukeln“, so der Präsident der Deutschen Akademie für Gesundheit und Schlaf (DAGS).

Oft ist das Baby nicht müde genug

Wenn ein Kind aber trotz aller Hilfe durch die Eltern sehr lange zum Einschlafen braucht, ist es oft einfach nicht müde genug. „Auch hier hilft es, wenn Eltern einige Tage lang ein Schlaftagebuch für das Baby führen“, rät Dr. Borke. Eltern könnten diesen Gesamtschlafbedarf dann anders verteilen: das Kind also zum Beispiel abends später hinlegen, oder es tagsüber kürzer schlafen legen, damit es abends früher müde werde. „Wenn wir etwas am Schlafverhalten eines Kindes ändern wollen, dann müssen wir Geduld haben und während sieben bis 14 Tagen mit unseren Maßnahmen konsequent sein“, betont dazu Prof. Remo Largo. Denn so lange brauchten die Körperfunktionen des Kindes, um sich an den neuen Rhythmus anzupassen.

Wenn den Nachwuchs die Geduld verlässt

Doch manchmal schläft das Baby nicht ein, obwohl es sehr müde wirkt. Es sieht dann manchmal fast aus, als wehre sich der Nachwuchs gegen den Schlaf. Doch das täuscht: „Kein Säugling wehrt sich gegen das Einschlafen. Da er sich nicht vorstellen kann, gleich etwas zu verpassen, gibt es keinen Grund für ihn, irgendeine körperliche Notwendigkeit zu bekämpfen“, betont Kinderarzt Dr. Rüdiger Posth aus Bergisch Gladbach in seinem Beratungsforum. Das Problem sei ein anderes: „Für das Einschlafen braucht der Mensch ausreichende Müdigkeit. Die aber wird u. a. verursacht von dem Schlafhormon Melatonin. Im Gehirn müssen an bestimmten Rezeptoren genügend Empfängerstellen für dieses Hormon zur Verfügung stehen. Diese aber bilden sich erst im Laufe der ersten Lebensjahre heraus.“

Zu müde um einzuschlafen

Es könne daher passieren, dass ein Säugling nicht einschlafen kann, obwohl er ein dringendes Bedürfnis danach verspürt. „Und dann geht es ihm so wie uns Erwachsenen auch, wenn wir extrem müde sind, aber nicht einschlafen dürfen (z. B. während eines langweiligen Vortrags): Wir werden ganz rappelig und nervös.“ Posth empfiehlt hier „geduldiges Herumtragen, wie auch langes Am-Bett-Sitzen und Lieder-Singen.“ Auch Musik beruhige, und zwar durchaus nicht nur die langsamen Stücke. Mit der Zeit reife so das Schlafverhalten nach, wenn dies nicht ganz von allein im ersten Lebensjahr stattfinde.

Kleiner Kurs in Babysprache

Damit einem Baby die Augen zufallen, muss aber auch die „bilaterale Verständigung“ zwischen Kind und Eltern klappen. Sonst kann es passieren, dass das Baby zwar signalisiert: „Ich bin müde!“, aber die Eltern nicht passend darauf reagieren, weil sie die Anzeichen übersehen, oder glauben, es sei die falsche Uhrzeit zum Schlafen.

Neugeborene und Schlaf

Neugeborene sind etwa alle eineinhalb Stunden müde. Auch ältere Babys haben bestimmte Zeiten („Schlaffenster“), zu denen sie einschlafen können. Ist dieser Zeitpunkt überschritten, werden sie wieder munter, um nach 50 bis 60 Minuten erneut müde zu sein. Es hilft also, wenn Eltern diese Zeitfenster erkennen. Und dies sind die typischen Signale eines müden Babys: starrer Blick, Stirnrunzeln oder Grimassieren, Gähnen, Augen- oder Ohrenreiben, Weinen oder Quengeln, ruckartige Bewegungen, Ballen der Fäustchen, sich Steifmachen, weniger Bewegungen, Abwenden des Gesichts, kurzes und rhythmisches Saugen. Es gibt aber auch Babys, die erst im zweiten Anlauf (also im nächsten Zeitfenster) müde genug sind, um tatsächlich einzuschlafen. Hier müssen Eltern Erfahrungen mit ihrem Kind sammeln und ihren Beobachtungen vertrauen lernen.

Hat unser Kind eine Schlafstörung?

Doch wenn ihr Baby trotz aller Mühen weiterhin sechs Mal pro Nacht aufwacht oder sich abends nur mit zweistündigem Am-Bett-Sitzen zum Einschlafen bringen lässt, vermuten Eltern oft eine Schlafstörung. Doch können Babys wirklich schon Schlafstörungen haben? „Bei Babys unter sechs Monaten geht man davon aus, dass es natürliche und normale Anpassungsstörungen sind, wenn sie ein noch recht unregelmäßiges Schlafverhalten haben“, erläutert Dr. Borke von der Babysprechstunde an der Uni Osnabrück. Doch auch bei älteren Babys, die noch recht unruhig schliefen, gelte: „Meist geht es dem Kind ganz gut mit seinem Schlafverhalten, es sind eher die Eltern, die – durch Übermüdung – das Problem haben.“

Uralte Bedürfnisse in einer modernen Welt

Es sei daher hilfreicher, sich zu fragen: Was kann unser Kind in diesem Alter schon und was noch nicht – „also eher zu normalisieren, statt zu problematisieren“, so Borke. „In der westlichen Welt legen wir großen Wert auf Selbständigkeit bei unseren Kindern, auf einen eigenen Raum und ein eigenes Bett fürs Baby. Manchmal überschätzen wir dabei seine Fähigkeiten, selbständig einzuschlafen oder durchzuschlafen. Bei den Naturvölkern gilt es dagegen als normal, dass die Kinder nicht allein schlafen und nachts noch recht lange aufwachen und gestillt werden.“ Auch Kinderarzt und Buchautor Dr. Herbert Renz-Polster betont: „Wenn ein Kind darauf gepolt wäre, glücklich allein zu schlafen, hätte es im überwiegenden Teil der menschlichen Geschichte seine Kindheit nicht überlebt. Um sicher und geschützt zu sein, musste es die Nähe von Erwachsenen suchen und zur Not mit Nachdruck einfordern.“ Viele Babys schlafen daher ruhiger, wenn sie in einem Beistellbett („Babybalkon“) neben dem Elternbett liegen dürfen.

Wann endlich kommt er - der feste Schlafrhythmus?

Es kann also entlasten, zu starre Vorstellungen dazu, wie ein Baby schlafen sollte, loszulassen. Eltern sollten auch vorsichtig mit Aussagen ihrer eigenen Mütter oder von Freundinnen sein, in diesem Alter müsse das Baby aber doch „längst durchschlafen“. „Die Statistik sagt, dass die Hälfte aller Kinder in den ersten fünf Lebensjahren noch mindestens ein Mal pro Nacht aufwacht, ein Fünftel von ihnen sogar mehrfach. Bei Babys ist das natürlich noch viel häufiger der Fall“, betont Dr. Borke. Mütter und Väter müssen also Geduld haben, der Schlafrhythmus entwickelt sich – früher oder später - von selbst. „Eltern können diese natürliche Entwicklung aber unterstützen, indem sie dem Baby einen regelmäßigen, strukturieren Tagesablauf schaffen, immer wiederkehrende Dinge des Alltags zu festen Zeiten machen und ein Abendritual kreieren. Das Baby kennt dann die entsprechenden Signale und kann sich darauf einstellen.“

Wenn man aber durch das Schlafverhalten seines Nachwuchses physisch oder psychisch am Ende ist, muss Entlastung gefunden werden. Eltern sollten sich beim Ins-Bett-Bringen des Babys oder beim nächtlichen Aufstehen abwechseln, sich gegenseitig Auszeiten verschaffen, einen Babysitter (vielleicht die Oma) in Anspruch nehmen. Und natürlich können Eltern sich in diesem Fall Hilfe durch eine Beratungsstelle holen.

Service

Beratungsstellen, die Eltern bei unruhigem Babyschlaf beraten:
www.trostreich.de (nach Postleitzahlen).

Vermittlung von Kinderärzten mit schlafmedizinischer Ausbildung unter Telefon 0941/94 28 271.

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