Wie habt ihr die Frühgeburt verarbeitet?

Hallo ihr Lieben,

ich habe eine völlig unerwartete Frühgeburt und traumatische Monate mit unserem Baby im KH hinter mir. Unser Kind hat schwere Komplikationen erlitten deren Konsequenzen für das weitere Leben noch nicht absehbar sind. Eine Behinderung oder zumindest starke Beeinträchtigungen sind sehr wahrscheinlich.

Inzwischen sind wir zuhause und leben abgesehen von den wöchentlichen therapeutischen Maßnahmen für unser Baby ein normales Familienleben. Im Alltag komme ich gut zurecht und das Baby macht mich sehr glücklich. :)

Trotzdem kommen so langsam die Erfahrungen des letzten Jahres in mir hoch und ich spüre so viel Wut, Verzweiflung, Angst, Frust über das was ausgerechnet unserem Kind und uns widerfahren ist.

Ich trauere um die letzten Monate der Schwangerschaft, die ich nie erleben werde, um den Geburtsvorbereitungskurs, den ich nie machen konnte, um das Warten auf die Geburt, um ein Wochenbett, was ich nie hatte, um pure Freude nach der Geburt statt Angst um das Leben des Babys.
Ich trauere um eine normale Babyzeit ohne dauernde Kontrolltermine deren Befunde jederzeit zu einer Not-OP führen könnten. Ich trauere um die belanglosen Gespräche mit anderen Müttern, die ich nach den Erlebnissen nicht mehr führen kann, weil mir Sorgen vor der nächsten Impfung so lächerlich erscheinen, wenn das Kind kerngesund ist.
Ich trauere um die nächste Schwangerschaft, die wahrscheinlich nicht mehr möglich ist und wenn doch sehr von Ängste belastet sein wird. Ich trauere um meinen Lebensplan, der immer viele Kinder vorgesehen hat.
Ich trauere um die bedingungslose Freude, die ich früher empfand, wenn eine Freundin glücklich ihre Schwangerschaft verkündet und das Baby dann "einfach so gesund" geboren wird, die jetzt purem Neid gewichen ist.

Ich weiß aus Gesprächen mit anderen Eltern im KH das ich nicht alleine mit diesen Gefühlen bin. Aber wie habt ihr gelernt damit zu leben?
Wird es irgendwann besser?

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Da ich meine Tochter durch diese Zeit begleitet habe, meine Antwort vorab: Ja, es wird definitiv besser und man kann es abhaken.
Nur stichwortartig den Weg meiner Tochter: "Ausfluss" ab der 23. Woche stelllte sich 2 Wo später als Fruchtwasserabgang heraus, drohende FG, stationär in Level 1 Klinik für 4 Wochen, dann heimatnahe Verlegung und Spontangeburt von Leonie Ende 29. Woche, 980 Gramm und 34 cm. Zuerst alles ganz gut, dann Feststellung der unausgereiften Hüften. Nach 3 Monaten Neo folgten 2 Jahre mit insgesamt 8 Operationen mit mehreren Hüftgipsen, Schienen, KG usw. Die kleine Maus war soo unendlich tapfer und durchstand alles lachend und fröhlich, egal, welche Viren sie sich in den Krankenhäusern auch noch einfing, Rota, Noro - alles dabei, jedesmal tagelang isoliert im Zimmer mit Mama.
Meine Tochter kam kaum zum Nachdenken vor lauter KrHsAufenthalten, jede Impfung beförderte Leonie ins KrHs mit massivem Erbrechen, bis die Kinderärztin endlich die Portionen halbierte. Dann war's gut. Bis zur Kitazeit war endlich alles überstanden.
Heute ist Leonie 14 Jahre alt, vollkommen gesund, gescheit und ein tolles Mädchen - wenn auch mitten in der Pubertät#schwitz
Ein zweites Kind wollten die Eltern nicht mehr aufgrund dieser Erfahrungen - und wenn man beim Frühchenfest des Kinderkrankenhauses vor einem ausgestellten Inkubator steht mit einem Püppchen drin, dann kommt schon noch was hoch, was einen schlucken lässt, aber es wird überlagert von tiefer Dankbarkeit.
Was meiner Tochter half? Stur nach vorne schauen, ohne immer und immer wieder daran zu denken, was man alles nicht erleben konnte. Ihr fehlte ja alles wie Dir auch. Sie knuddelte dann ihre Maus und war sehr dankbar für sie - es hätte auch ganz anders kommen können.
Alles Gute für Dich.
LG Moni

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Du packst in Deinen letzten Absatz perfekt das was ich sagen wollte #pro

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Hallo,

vorab: Es tut mir leid, dass du eine so unerwartete, traumatische Frühgeburt hattest, die mit Komplikationen und wahrscheinlich langfristigen Konsequenzen einher ging.

Ich hatte "das Glück", schon viele Wochen mit dem Bewusstsein zu leben, dass es zu einer Frühgeburt kommen kann und konnte mich entsprechend vorbereiten (Geburt dann bei 31+5).

Trotzdem kann ich vieles nachvollziehen, was du schreibst:

Auch ich hätte gerne den Geburtsvorbereitungskurs gemacht, zu dem ich schon angemeldet war und dort nette Kontakte zu anderen Schwangeren geknüpft.

Auch ich hätte gerne ein gemütliches Wochenbett gehabt, statt jeden Tag zur Kinderklinik zu hetzen und immer Angst vor etwaigen Komplikationen zu haben.

Auch ich hätte gerne eine entspanntere Babyzeit, ohne ständig zu hinterfragen, ob sich meine Tochter auch wirklich normal entwickelt.

Ich glaube aber dennoch, dass ich die Frühgeburt gut verarbeiten konnte. Mir half es, sehr viel darüber zu reden. Außerdem glaube ich fest daran, dass so eine Frühgeburt auch etwas ganz Besonderes ist, was die Familie sehr eng zusammen schweißen kann. Ich bin so stolz auf mein Baby ,was es alles gemeistert hat und das lässt mich die Strapazen zwar nicht vergessen, aber doch in einem anderen Licht sehen.

Ich wünsche dir, dass auch du bald deinen Frieden damit finden kannst. Du hattest vielleicht kein schönes Wochenbett und hast keine sorglos Babyzeit, aber dafür warst und bist du stark für dein kleines Kämpferlein.

Alles Gute!

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Ich kann dir leider keinen Tipp geben. Mir geht es ähnlich. Ich bin manchmal so hilflos. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich eine Woche nach der Geburt Corona positiv getestet wurde und für 14 Tage von der Maus getrennt wurde. Danach durfte ich nur in Schutzkleidung hin. Wie ich das hasste!
Mir zieht es auch irgendwie den Boden weg

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Hallo Anderling,

ich kann dich gut verstehen. Mir geht es ähnlich, wenn auch unsere Situation nicht so dramatisch war. Geboren wurde sie bei 33+1 nach einer Woche Krankenhausaufenthalt mit starken Blutungen - der Wochenfluss war nichts dagegen. Dann eine weitere Woche erst auf der Frühchen-, dann der Säuglingsstation. Glücklicherweise hat sie von Anfang an keine medizinische Hilfe gebraucht und wir konnten schnell entlassen werden.

Aber, ich trauere stark um die letzten Wochen der Schwangerschaft. Wenn ich Schwangere sehe, bin ich den Tränen nah. Ich trauere auch um das Wochenbett, weil es dank Krankenhaus und direktem Umzug danach (der sollte ja noch in der Schwangerschaft sein) einfach keins gab. Dann die ständige Angst, ob noch was schlimmes kommt.

Morgen wird sie 8 Wochen alt und erst jetzt beginnt langsam das was ich mir unter kuscheligem Wochenbett vorgestellt habe und die Angst weicht allmählich.

Ich denke, es wird mit der Zeit besser.

Ich wünsche euch alles Liebe und Gute.

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Hallo,

es tut mir sehr leid dass Du die Frühgeburt nicht gut verarbeiten konntest.

Ich bin vom Charkter her eher jemand dessen Glas halb voll ist, Gedanken an wie toll die Schangerschaft noch hätte sein können und den Babyvorbereitungskurs den ich verpasst habe etc kenne ich ehrlich gar nicht. Es ist wie es ist und machen wir das Beste draus.

Wir hatten in der Klinik damals, wir waren ja fast ein halbes Jahr stationär, eine tolle Seelsorgerin und tolle Pflegekräfte die das Aufarbeiten eigentlich von Anfang an begleitet haben. Ich habe Glück dass eine Bekannte in einer Klinik als Elternbegleiterin arbeitet, mir ihr habe ich einige gute Gespräche noch führen können.

Ich kann Dir nur empfehlen dir eine Seelsorgerin z.B. in der Frauenseelsorge oder eine Therapeutin oder so zu suchen und versuch Deine Erlebnisse und Gefühle aufzuarbeiten.

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Hallo
Ich kenne diese Gedanken sehr gut. Meine kleine kam bei 30+0. Seit der 23. Woche wusste ich schon das es nicht bis zum Schluss gehen würde, und trotzdem hat es mich eiskalt erwischt als es morgens hieß es gibt kein Frühstück da um elf der Kaiserschnitt gemacht wird. Ich hatte wirklich tolle Ärzte und Schwestern um mich. Sie haben mich gut vorbereitet. Trotzdem sieht man dann sein Kind und es ist nur haut und Knochen und so winzig. Ich habe die ersten 24 Stunden viel geweint. Zuerst hieß es sie hat nur Atemunterstützung. Nachts kam dann eine Schwester und teilte mir mit das sie jetzt beatmet wird weil sie sich so schwer getan hat. Ich fragte mich immer warum wir das durch machen müssen. Nach zwei Monaten durften wir endlich nach Hause. Ich dachte es wird dann besser. Aber leider hat es bei mir sehr lange gedauert. Meine kleine hat sich einfach langsam entwickelt. Und mit dieser Vorgeschichte habe ich mir immer so große Sorgen gemacht. Mittlerweile ist sie 20 Monate. Sie läuft immer noch nicht. Aber ich habe gelernt damit umzugehen. Dieser Teil gehört einfach zu dem Leben meiner Tochter. Und ich stehe mittlerweile auch über blöde Kommentare weil sie noch nicht laufen kann. Ich kann dir nur sagen es braucht Zeit. Aber es wird wirklich besser. LG

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Meine Maus, Notsectio bei 32 + 5, ist mitlerweile 14 Monate und ich hatte gehofft, das all das Erlebte nach über einem Jahr nicht mehr so weh tut. Die Bilder von Ihr auf der Neo kann ich mir bis heute nicht ansehen und ich mache mir viele Sorgen wegen Folgeschäden usw.
Meine FA sagte mir, ich soll mir professionelle Hilfe suchen, um die Zeit verarbeiten zu können. Leider habe ich bis jetzt noch niemandem gefunden.
Ich hoffe für dich, dass du irgendwann auch mal damit abschließen kannst und sende dir eine Umarmung.

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Meine Nichte ist auch ein Extremfrühchen (30+0 Notkaiserschnitt wg Hellp, Gewicht 1.000g) Alles was du schreibst, spiegelt die Emotionen meiner Schwester sehr gut wider. Sie hat ca. zwei Jahre nach der traumatischen Geburt eine Therapie gemacht. Das hat ihr sehr geholfen. Dennoch kam ein zweites Wunschkind nicht mehr in Frage. Die Angst es nochmal zu erleben war zu gross. Am meisten hasst meine Schwester die Aussage "sei doch froh, es ist doch alles gut gegangen". Körperliche "Beeinträchtigungen" wie bei euch gibt es zum Glück nicht.

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Meine Cousine kam in der 25. Woche zur Welt. Meine Tante meinte es wird mit der Zeit besser. Aber sie sagt auch, aufgrund dieser schweren zeit wird die kleine für immer ihr kleines nesthäkchen sein. Bei ihr war es zervixinsuffizienz, wegen der meine Cousine so früh geholt wurde, sie war viel zu schwach und hätte eine spontane Geburt nicht überlebt, es würde dann ein Notkaiserschnitt.

Ihr geht es heute blendend, meine Tante hat alles super verarbeitet, weil sie sich gesagt hat es ist eine Sache der Natur, sie war nicht schuld dran.
Das ist, denke ich, der springende Punkt oft kann man nichts dafür, aber macht sich als mutter/Eltern viel zu viele Vorwürfe, dass man es nicht geschafft hätte.

Meine Tante hat dann immer mit 2 Jahren Abstand noch 5 Kinder bekommen, die alle um den ET Rum spontan geboren wurden, es war nie wieder eine Frühgeburt.

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