Schuluntersuchungsfrust - Handicap meiner Tochter

Hallo!
Ich muss mir einfach mal meinen Frust von der Seele schreiben, der immer wieder hochkommt, obwohl die Schuluntersuchung meiner Tochter schon im November war.
Zur Info: meine Tochter hat eine zum Glück recht schwach ausgeprägte, aber eben dennoch vorhandene spastische Hemiparese auf der rechten Seite. Nachts trägt sie eine Lagerungsschiene,tagsüber hat sie glücklicherweise keine Orthese mehr, sondern seit gut einem Jahr ein Stimulationsgerät, das sie beim Gehen unterstützt. Wohl bedingt durch die Hemiparese ist sie Linkshänderin, kommt damit gut zurecht und ist mit dieser Seite auch sehr geschickt. Die rechte Hand ist schon lange nicht mehr gefaustet, sondern wird viel benutzt, wenn auch eben mehr als Halte- und Hilfshand.
Nun zum Problem: bei der Schuluntersuchung habe ich ihr Handicap natürlich angegeben und damit ging die Schublade der Amtsärztin offensichtlich auf. Ich hatte das Gefühl, dass meine Tochter fast darauf reduziert wurde. Da gab es dann so Sätze wie "Die Fausthaltung wäre ja ganz eindeutig zu sehen" (völliger Quatsch), "Sie hat ja eindeutig koordinative Defizite" (merkwürdig, dass die Physiotherapeutin das ganz anders sieht), "Schleife binden kann sie ja sicher nicht" (doch kann sie sehr wohl!), "Sie hätte ja auch Förderbedarf, aber das kann die KITA ja gar nicht leisten" (sie kommt dort bestens ohne Förderung zurecht und entwickelt sich toll). Ich war da schon irritiert, habe es aber vielleicht in dem Moment gar nicht richtig geschnallt. Die Sprache kam auch auf die mögliche Befreiung von der Benotung des Sportunterrichts. Ich habe ausdrücklich gesagt, dass ich das erstmal auf mich zukommen lassen möchte, zumal in den ersten beiden Jahren ja eh noch nicht benotet wird und man für die Benotung keinen besonderen Antrag stellen muss, und dass sie das nicht auf den Bogen schreiben muss. Aber sie hat es dennoch drauf geschrieben und ihr damit den Stempel verpasst. Erst zu Hause habe ich dann gesehen, dass sie auch nur "Einschulung unter Berücksichtigung des Förderbedarfs" angekreuzt hat.
Ich finde es schlichtweg zum K..., dass Kinder so abgestempelt und damit erst behindert gemacht werden, obwohl sie wie meine Tochter nur ein kleines Handicap haben, das sie im Alltag fast gar nicht einschränkt.
Im Gespräch mit den beiden betreuenden Physiotherapeutinnen und unserer Kinderärztin stimmten diese mir zum Glück alle zu, dass meine Tochter fit ist und die Beurteilung so nicht ganz richtig ist. Wir unternehmen alles für unsere Tochter, was nötig ist, aber ich sehe es nicht ein, dass sie noch behinderter gemacht wird als sie ist.
Kann mich hier irgendjemand verstehen?
Ich werde auf jeden Fall noch das Gespräch mit der Schulleiterin suchen, denn bislang muss sie nach der Rückmeldung denken, dass unsere Tochter ein halbes Inklusionskind ist, und ich möchte, dass sie erstmal ganz normal aufgenommen wird, ohne Stempel oder Sonderstatus!
Puh, lang geworden...
Freue mich über aufmunternde Worte!
Grüße JUJO

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Hallo!

Nun ja, bei uns kommt KEIN Kind vom Amtsarzt mit nicht mindestens einem "bis dahin unerkannten" Handicap davon. Ob es Sprache, Fein-/Grobmotorik, Verhalten während der Untersuchung, Sehfehler etc. Bein meinem Sohn konnte sie "leider" nichts feststellen, außer dass er zu groß wäre für sein Alter #klatsch - was natürlich stimmt, aber leider irreparabel ist.
Normalerweise interessiert es bei uns die Lehrerinnen nur mäßig bis gar nicht, weil die sich selber ein Bild machen müssen. Ist das Handicap hinderlich genug müssen halt Maßnahmen ergriffen werden. Fördermaßnahmen sind halt recht individuell, wenn sie helfen sollen. Was sollte denn die Schule überhaupt für Fördermaßnahmen bieten?!

Ich würde an Deiner Stelle ganz entspannt mit der Situation umgehen. Normalerweise gibt es doch bei der Anmeldung noch ein Gespräch mit der Direktorin, wenn nicht dann versuche Du eines zu organisieren. Das Thema würde ich ansprechen und EUREN Standpunkt deutlich machen: solange unbeachtet mitlaufen lassen, wie es geht, wenn sich unüberwindbare Schwierigkeiten andeuten, dann gemeinsam weiter schauen.
Dann sollte die Direktorin Deine Tochter auch zu einer Lehrerin einteilen, die mit leichten Feinmotorik-Unzulänglichkeiten geduldig umgeht. Es gibt Lehrerinnen, die so tun als hätten sie nur Feinmechaniker-Kinder je gesehen und andere sehen es lockerer. Entsprechend können die mehr oder weniger motivierende Sprüche auf die Kinder loslassen.

LG, I.

2

Vielen Dank für deine Antwort! So werde ich es auch machen mit dem Gespräch mit der Schulleitung.
Heute habe ich bei der halbjährlichen Kontrolle nochmal mit dem Neurologen gesprochen und der hat meine Sichtweise auch nochmal bestätigt. Tat mir gut und ich gehe jetzt gelassen an das Gespräch mit der Schulleiterin.
Und du hast recht, bei vielen Kindern finden sie irgendwas...
Grüße Jujo

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Also ich denke solange die Ergebnisse der Schuluntersuchung nicht bedeuten, dass dein Kind auf eine Sonderschule muss, kann dir das eigentlich ziemlich egal sein. Hast du das Kind erst in einer ganz normalen Schule, mußt du alles andere eh mit Lehrern und Erziehern dort regeln. Also mach dich mal nicht verrückt. Wird schon alles klappen.

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Hallo!

Ich habe nicht geschaut, wo ihr wohnt...

Hier in NRW ist es seit diesem Jahr so, dass NUR Du die Feststellung auf Förderbedarf in Auftrag geben kannst. Ansonsten wird Dein Kind normal eingeschult, es hat für die ersten 2 Schuljahre 3 Jahre Zeit. Erst dann kann die Schule es in Auftrag geben...
Zumindest hat mir die Schule das so auf meine Frage erklärt, warum wir nur 2 Förderkinder in diesem Jahrgang haben (obwohl es bisher immer 6 bis 8 waren).

LG

Ach ja, mein Kind ist ein Förderkind und wird inklusiv beschult. Es hat weder einen Stempel auf der Stirn, noch steckt er in einer Schublade ;-)

6

Hallo!
Bei uns ist die Situation aber anders. Aus jetziger Sicht ist unsere Tochter vom Förderbedarf so weit weg wie jedes andere Kind vor der Einschulung auch.
Ich habe nichts gegen Förderkinder,sondern wehre mich dagegen, dass unsere Tochter allein wegen ihrer Diagnose (von der es eben sooo verschiedene Abstufungen gibt) in die Schublade gedrängt wird, die sie sehr viel mehr einschränken würde als ihr kleines körperliches Defizit. Die Amtsärztin hatte schlichtweg keine Ahnung und hat sie abgestempelt.
Ich habe auch koch mal mit dem Neurologen gesprochen, der uns seit langem betreut und er hält das für absoluten Quatsch, was sie da geschrieben hat. Sie würde nie im Leben eine Förderhilfe bekommen,weil sie sie schlichtweg nicht braucht! Klar, es könnten Probleme auftauchen, aber bis vielleicht auf den Sportunterricht, wonach es jetzt auch gerade nicht nach aussieht, hätte das nichts mit ihrem Handicap zu tun.
Alles Gute euch!
Grüße Jujo

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Mmh...eine Amtsärztin kann deine Tochter nicht behindert machen. Und einen Stempel kann sie ihr auch nicht verpassen. Also zumindest sind meine beiden Söhne mit sonderpädagogischen Förderbedarf und mit I-Kraft beschult und ich habe weder bisher bei ihnen einen Stempel entdecken können, noch stecken sie in einer Schublade.
Eine Amtsärztin kann höchstens ihre Meinung auf den Zettel schreiben. Nicht mehr und nicht weniger. Danach fragt dann aber auch absolut niemand mehr. Schon beim AOSF vor der Einschulung war dieser Zettel bei uns völlig unwichtig. Es gab wesentlich aussagekräftigere Gutachten.

Also ja, die Amtsärztin hat eben nur vermerkt, dass dein Kind eben eventuell einen Förderbedarf hat und dass das geprüft werden sollte. Das musst du aber nun mit der Schule klären.

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Hallo!
Dann hast du mich nicht richtig verstanden! Meine Tochter hat aus jetziger Sicht keinen Förderbedarf! Wenn sie ihn hätte, hätte ich auch nichts gegen ihre Einschätzung.
Aber nur weil sie ein bei ihr zum Glück sehr schwach ausgeprägtem Handicap hat, heißt das nicht, dass sie Probleme in der Schule hat und besondere Hilfe braucht.
Ich empfinde es schon als Abstempeln, wenn die Ärztin da so eib Fass aufmacht und auch solche Sätze wie "Schleife kann sie ja sicher nicht" fallen. Sie hat die Diagnose im U-Heft gelesen, von der sie schlichtweg keine Ahnung hatt und dann ging die Schublade auf. Meine Einschätzung hat mir übrigens auch unser Neurologe bestätigt.
Aber du hast Recht, ich werde den Rest mit der Schule klären.
Grüße Jujo

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Was ist denn so schlimm am I-Status? Mein Neffe ist I-Kind (moderater Kleinwuchs), das heißt doch nicht, dass er irgendwie negativ abgestempelt wird. Aber er ist eben, wie Deine Tochter, im Alltag FAST gar nicht eingeschränkt - sprich, an manchen Punkten eben doch. Wie sieht es z.B. mit Wandertagen oder Klassenfahrten aus, könnte Deine Tochter die ohne weiteres mitmachen oder wäre da irgend eine Form von Rücksichtnahme nötig?

Übrigens, Schulen freuen sich durchaus über "unkomplizierte" I-Kinder - die bringen staatliche Unterstützung und sind nicht so anstrengend wie z.B. Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten. Du mußt also keine Angst haben vor der Bezeichnung I-Kind.

Alles Gute!

9

Hallo!
Du hast mich falsch verstanden! Ich hätte nichts gegen einen I-Status, wenn er "berechtigt" wäre. Ist er aber bei meiner Tochter nicht. Wir würden ihn überhaupt nicht bekommen, sagen Physiotherapeuten und Neurologe auch.

Mich stört es, dass die Ärztin die Diagnose liest, die Schublade aufmacht und meine Tochter reinquetscht ohne sie individuell zu betrachten.

Aus heutiger Sicht wird sie alles mitmachen können! Wie bei jedem anderen Kind wird sich zeigen, was kommt. Aber bis dahin möchte ich einfach, dass sie ganz "normal" behandelt wird! Das ist doch wohl ihr gutes Recht!
Grüße Jujo

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Ihr gutes Recht ist es, bei eventuellem Unterstützungsbedarf Hilfe zu bekommen. Und ich habe nicht den Eindruck, dass mein Neffe nicht "normal" behandelt wird.

Wenn Du meinst, dass Deine Tochter wirklich keine Unterstützung braucht, prima, dann spart der Staat Geld. Aber sieh doch bitte nichts Negatives in der Haltung der Ärztin, die will Deinem Kind doch auch nichts Böses, sondern will ja eben gerade, DASS es zu seinem Recht kommt!

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Ich denke nicht, das "Einschulung unter Berücksichtigung des Förderbedarfs" ein negativen Stempel bedeutet. Es bedeutet nur, das in bestimmten Dingen auf das Handicap Deiner Tochter Rücksicht genommen werden muss.

Z.B. der Klassenraum: Ich könnte mir vorstellen, das es Deiner Tochter ein bißchen schwerer fallen wird, mehrmals am Tag zwei bis drei Stockwerke hoch und wieder 'runterzulaufen. Also kann die Schule schon vor der Einschulung berücksichtigen, das mindestens eine neue 1.Klasse besser im Erdgeschoss unterzubringen ist.

Und ja, ich vermute Deine Tochter wird als Inklusionskind geführt werden. Na und? Inklusionskind bedeutet für die Schule, das sie mehr Stunden bei einer Sonderpädagogin buchen kann. Die kann dann z.B. die Sportlehrer beraten, wie der Sportunterricht gestaltet werden kann, damit Deine Tochter mitmachen kann und nicht nur zuschaut. Und das ist doch ein Gewinn, oder?

Würde Deine Tochter mit überhaupt keinem 'Stempel' eingeschult werden, würde für sie genau die gleiche Messlatte gelten wie für ihre Mitschüler. Aber sie hat nunmal das Handicap, das sie im 400m Lauf vermutlich die Normzeit nicht einhalten könnte. Wäre es da nicht viel unfairer, sie würde (wenn auch erst in der 3. / 4. Klasse) eine 5 bekommen?

Grüsse
BiDi

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Du magst mit deiner Grundaussage Recht haben, aber es trifft nicht auf meine Tochter zu.

Sie kann mehrmals am Tag viele Treppen steigen, sie wandert mit uns, sie rennt und läuft, fährt Inliner, lernt gerade Fahrradfahren und Schwimmen, fährt Roller... Und sie wird auch den 1,5km langen Schulweg gehen!
Mich hat einfach geärgert, dass nur das angegebene Handicap gelesen wurde und meine Tochter nicht individuell betrachtet wurde.
Grüße Jujo

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