Erfahrungsbericht: Medikamentöser Abbruch (Früh-SS)

Ja, auch ich gehöre nun zu den Frauen, die diese Geschichte mit sich tragen. Und ich möchte sie teilen. Warum? Nicht um angefeindet zu werden, sondern um sich mitzuteilen. Die letzten zwei Wochen habe ich so viel nach Erfahrungen gesucht, aber nur wenig gefunden. Und die Beiträge, die man dann findet, enden in irgendwelchen Schuldzuweisungen. Daher kann ich verstehen, wenn die meisten es mit sich ausmachen. Aber ich möchte das gern teilen, damit andere in ähnlicher Situation sich vielleicht wiederfinden können.

Ich bin in einer glücklichen Beziehung seit über 4 Jahren, habe zwei gesunde Kinder.
Der kleine ist knapp 1,5 Jahre - der große schon etwas älter. Vor zwei Wochen habe ich, wie so oft, einen SS-Test gemacht. Sobald ich auch nur einen Tag überfällig bin, überkommt mich die Paranoia. Nach der letzten Schwangerschaft sind wir auf die Verhütung mit Kondom umgestiegen. Es ist günstig und wer hat mit frisch geborenem Baby auch endlosen Sex?! Die Methode hat funktioniert - zumindest bis Ende Dezember, denn mein Test vor zwei Wochen war positiv. Fuck. Wir haben am Abend viel gesprochen, grundsätzlich spricht nichts gegen ein drittes Kind - im Moment aber irgendwie schon. Daher die Entscheidung, diese Schwangerschaft nicht durchziehen zu können.

Da dann erstmal das Wochenende anstand, gab es in den 48h bereits viel Zeit zum Grübeln und Nachdenken. Ich habe mir die Entscheidung alles andere als leicht gemacht. Und ich verstehe auch niemanden, der mit sowas leichtfertig umgeht. Noch weniger, wenn man bereits Kinder hat und das "Ergebnis" dieser 10monatigen Prozedur direkt vor sich sehen kann. Am Montag dann zum Frauenarzt. Mir ging es so mies, dass ich mich selbst bei meiner Ärztin für meine Entscheidung entschuldigt habe. Dann hieß es: Beratungsgespräch. Es vergingen zwei Tage und ich saß vor einer Psychologin. Natürlich hat sie tief gebohrt, wollte wissen, was die Zeit für einen Unterschied macht etc. Es fiel mir so schwer, immer wieder mit den Tränen kämpfend, kam ich aber -wie auch die letzten Tage- bei jeder Vorstellung wieder auf's Selbe hinaus. Es geht gerade einfach nicht..
Nach 1,5 Stunden stand ich mit dem Beratungsschein und unter Tränen vor der Tür. Es müssen nun nochmal drei weitere Tage vergehen.

Meine Gedanken kreisten.Jeder sagt "Ihr entscheidet das gemeinsam"- NEIN! Es ist ein gemeinsames Beraten, wenn man den Partner hat, aber durchziehen muss es die Frau, allein. Ich setze mich auf den Stuhl, ich nehme eine Tablette - es ist mein Körper und mein Geist, der das zulässt, nicht der meines Partners. Bullshit, denke ich also.
Dann fragen dich Ärzte und Beratungsstelle "Wissen Sie schon, welche Methode Sie wählen?" WAS? Als wäre die Entscheidung, die man gerade gegen die Schwangerschaft trifft, nicht schon genug. Nein, man muss dann auch noch "wählen", wie man es machen "will".
Ich habe mich wirklich viel belesen. Die Option es medikamentös abzubrechen, schien mir sehr schnell näher zu sein als die des operativen Abbruchs. Ich will nicht 10 Minuten in den Tiefschlaf verfallen und dann aufwachen (neben anderen Frauen) und merken, dass man mir was "weg genommen" hat. Ich wollte es bewusst mitbekommen, vielleicht auch als Bestrafung. Sowohl die Beratungsstelle, als auch die Schwester beim Arzt rieten davon ab. Schließlich merkten alle, dass ich es mir nicht leicht mache. Aber so richtig wurde ich mit dem operativen Abbruch nicht warm.

Am Montag drauf dann das Vorgespräch mit dem Arzt. Dieser schaute nochmal im Ultraschall, ich war in der 5. Woche - ganz früh. Ich sah das kleine schwarze Loch und etwas helles innen. Ich wollte hinsehen, ich musste. Der Arzt sagte mir sehr wohl, dass es medikamentös geht. In diesem frühen Stadium würde mich nicht das erwarten, was man in den schlimmsten Berichten liest, so seine Worte. Und ich könnte sofort die erste Tablette nehmen. Ich ging nochmal vor die Tür und telefonierte kurz mit meinem Partner.

Ich bekam die erste Einnahme: 3 Tabletten Mifegyne. Die Schwester erklärte mir, dass erstmal nichts passiert. Vielleicht ein wenig Krämpfe im Unterleib, vielleicht auch leichte Blutungen.
Ich ging nach Hause. Es passierte, bis auf mensartiges UL-Ziehen, wirklich nichts. Zwei Tage später sollte ich dann wieder zum Arzt. Ich wünschte mir irgendwie, es würde vorher eine Blutung einsetzen. Ich wollte diesen ersten „Schock“ doch lieber Zuhause haben als in einer Praxis. Und am Mittwoch, zwei Stunden vor dem Arzttermin, bekam ich tatsächlich noch Zuhause ganz leichte Blutungen. Ich habe in dem Moment nochmal ganz klar realisiert und gemerkt, dass nun etwas im Körper passiert. Es war gut, diesen Moment Zuhause zu haben.
Beim Arzt angekommen bekam ich nun die zweite Einnahme – 3 Cytotec Tabletten, um den Muttermund zu öffnen. Man brachte mich in ein Zimmer, welches die nächsten 4 Stunden nur mir gehört. Mit so viel Freundlichkeit und Menschlichkeit, bei so einer Entscheidung, rechnet man einfach nicht. Ich bekam eine Decke und mir wurde gesagt, ich solle versuchen zu schlafen. In etwa 2h würde eine sehr starke Blutung einsetzen und ich würde es merken und schnell zur Toilette wollen. Dann saß ich da. Allein in einem Zimmer. Die Gedanken kreisend. Wie die letzten Tage auch beschäftigte mich die Frage „Werde ich es sehen? Werde ich etwas erkennen? Will ich was sehen? Was, wenn ich das nicht durchstehe?“. Es passierte nichts. 2h später, keine Blutung. Nach etwas über 3h ging ich zur Toilette. Ich hatte noch immer nicht den „angedrohten“ Blutsturz, hoffte aber auf ein „Wunder“, da ich ja nach 4h nach Hause wollte und dieses Kopfkino endlich beenden wollte.
Es kam eine ganz ganz leichte Blutung zum Vorschein. Wie es so ist, wischt man sich als Frau das ja dann ab. Beim Vorziehen des Toilettenpapiers sah ich dann etwas darauf, womit ich so nicht gerechnet habe. Ein kleiner Blutklumpen, daneben ein helles „Bläschen“, ähnlich einem Kern. Da war es nun. Meine größte Angst ist eingetreten – ich sehe es. In der 5. Woche erkennt man allerdings noch nichts, dennoch ist klar gewesen, was ich da in meiner Hand habe.
Ich begutachtete es für mehrere Minuten, verabschiedete mich. Entschuldigte mich. Ich mache das wieder gut, das weiß ich! Ich konnte es nicht runterspülen und wickelte es ohne groß Nachzudenken in mehr Toilettenpapier ein. Mit der Info an die Schwester, es sind noch immer keine Blutungen eingetreten, verließ ich die Toilette und etwa eine Stunde später auch die Praxis.
Am Tag danach, bei der Nachkontrolle, war meine Gebärmutter leer. Es ist abgegangen, sagte der Arzt. Ich weiß, ich hab es ja gesehen. Und entgegen aller Angst hat es mir sehr geholfen, dieser Moment.
Ich bekam weitere zwei Tabletten Cytotec für Zuhause, damit die Blutungen noch abgehen können. Die Tabletten haben dann auch gewirkt und mein Körper verabschiedete sich auch vom Rest in der Gebärmutter.

Jeder Körper ist anders, ebenso jede Psyche. Ich kann nur von mir sprechen und auch nur von meiner Frühschwangerschaft. Ich weiß, dass der emotionale Einbruch nochmal kommen wird. Aber es geht mir „okay“. Man sollte nicht immer den Horror-Geschichten im Netz glauben, sondern viel mehr auf sein Gefühl und vielleicht auch ein bisschen auf seine Ärzte hören. Ich wünsche allen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, viel Kraft und alles Liebe. Mein Ultraschall-Bild trage ich nun mit mir rum. Ich sehe es gern an und weiß, es kommt der Tag, an dem ich das wiedergutmachen kann. Ich muss. Ich will!

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Hallo, ich kann deine Geschichte so in etwa teilen..nur dass ich einen operativen Abbruch hatte...6te Woche...Fruchthöhle und Dottersack waren da...
und auch ich wollte "es wieder gut machen"...
Mein Baby ist nun einige Wochen alt...ich liebe es unendlich sehr....aber es heilt nicht meinen Schmerz und meine Wut für den Fehler den ich begangen habe....

...............

Wünsche dir alles Gute

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Hey, danke für deinen Kommentar
Mich würde interessieren, wenn ich fragen darf, wieso es für dich im Nachhinein ein Fehler war und wann es dir bewusst geworden ist bzw wie?

Herzlichen Glückwunsch auf jeden Fall zu deinem Baby :-)

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Hey, danke für deinen Kommentar
Mich würde interessieren, wenn ich fragen darf, wieso es für dich im Nachhinein ein Fehler war und wann es dir bewusst geworden ist bzw wie.

Herzlichen Glückwunsch auf jeden Fall zu deinem Baby :)

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Dankeschön.
Weil ich den Abbruch nicht machen wollte...
Wir hatten eine Verhütungspanne, und ich meine wirklich Panne, wir sind nicht dumm oder dämlich oder sonst was..!
Unser drittes Kind war erst 9 Wochen alt....
Auf dem Weg zur Klinik, als ich meine Kinder verabschiedete, ihnen in die Gesichter sah, war ich kurz davor mich zu übergeben...sowas schönes verwehre ich zu leben...
Nach dem Abbruch ging es mit mir psychisch zugrunde...
Hab ich verdient, ich weiß....
Und noch größer wurde die Sehnsucht zum Baby.....
Mein Mann war dann ca 6 Monate später einverstanden und wir probierten es. Ja und unser Baby ist da... der Schmerz aber auch.
Mein Mann allerdings möchte nichts mehr davon wissen. "Ist Vergangenheit und Haken dran "....

Naja...ich muss lernen damit zu leben...

Wünsche alles Gute

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Oh Mensch das tut mir richtig leid.
Hol dir bitte Hilfe dass du das aufarbeitest und mit einer neutralen Person mal all deine Gefühle und Gedanken durchgehen kannst.
Du solltest dich damit nicht bestrafen dich schlecht zu fühlen

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Lieben Dank für deinen Erfahrungsbericht. Ich sitze eben mit meiner Tochter beim Frauenarzt und wir warten darauf, dass die Tabletten wirken.

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