Selbstständig machen mit Mode?

Hllo ihr alle,

ich bräuchte mal wieder einen Rat.

Ich habe einen kaufmännischen Beruf, mit welchem ich im Großen und Ganzen zufrieden bin.
Jedoch bekomme ich in der letzten Zeit immer öfter das Gefühl, dass es doch nicht schon alles gewesen sein kann. Ich würde gerne kreativer werden.
Ich habe erst kürzlich in einigen Zeitschriften gelesen, dass immer wieder junge Designer entdeckt werden, auf der Fashion Week und ähnlichen Veranstaltungen.
Manche sind erst Mitte 20 und haben schon so viel erreicht.
Erst jetzt ist erst wieder von einer jungen Deutsch-Vietnamesin die Rede, deren Kollektionen schon jetzt in vielen teuren Boutiquen weltweit hängen und sie hat das gleich nach ihrer Schule geschafft.
Wie machen die das?
Daher beschäftige ich mich in letzter Zeit häufig mit dem Gedanken, mir eventuell im Bereich Modedesign etwas aufzubauen.

Wisst Ihr, wie da die Chancen stehen?
Und was müsste ich tun, um meine Kollektion erfolgreich zu vermarkten? Wen sollte man kontaktieren?
Ist es unbedingt notwendig, eine Modeschule zu besuchen? Ich kann gut zeichnen und habe auch Erfahrung mit der Nähmaschine.

Danke für Eure Ratschläge

Cami

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Ui, da muss ich Dir aber gleich mal was schreiben.
Und das wird lang!!!

Sorry - hallo erstmal.

Also, zuerst einmal möchte ich Dich nicht runterziehen oder gar enttäuschen.
Aber ich möchte Dir einfach Ratschläge geben, die ich in meinem Beruf (ich BIN Modedesignerin) gelernt habe und erfahren musste.

Fakt ist, Du kannst nicht einfach alles hinschmeissen und verkünden "Hoppla, ich werde jetzt Modedesignerin!"

Es ist schwierig, und Du wirst nicht davon leben können.
Auch die ganzen "Glückspilze", von denen Du gelesen hast, haben viel Zeit und Geld investiert. Und was die Zukunft bringt, steht in den Sternen.

#klee1). Mode besteht nicht einfach nur aus schönen Zeichnungen oder Näharbeiten.

Ich habe mich damals nach dem Studium beworben, mit einer schönen Mappe, mit vielen tollen Zeichnungen. Ich wurde auch genommen, aber die Worte des Personalchefs und der Chefdesignerin habe ich noch heute im Kopf:
"Sie wissen, dass der Bereich Design nicht einmal 5% im Gesamtprozess ausmacht!"

Und so ist es.
Viele meiner Komilitoninnen haben sich nach kurzer Zeit anders orientiert, da sie im Kopf dieses "Lala-Land"-Gefühl a la GZSZ (mal über Nacht ein florierendes Atelier aufmachen) oder "Verliebt in Berlin" (mit einem Chefdesigner wie Hugo Haas um Schneiderpuppen herumstolzieren) hatten. Das ist aber die Industrie und sie wurden herb enttäuscht und kamen von ihren Wolken runter.

Man zeichnet am Anfang Kollektionen, legt Farben und Materialien und Zutaten fest.
Aber dann kommt nur noch andere Arbeit:
- Musterungsunterlagen erstellen
- Masstabellen/Schnittmuster erstellen
- Muster begutachten, anprobieren, ändern, kommentieren
- der gleiche Kladderadatsch mit Pre-Produktionsmustern, bevor die Hauptproduktion startet. Jeder Furz muss da freigegeben werden.
- häufig kommen mitten in der Produktion Probleme - das geht nicht, das geht nicht, hier ist ein Engpass, die Knöpfe gibt es nicht mehr, das kann man so nicht machen, etc etc pp.
- man muss knallhart Preise und Liefertermine verhandeln

Kreativität und ein eigener Geschmack sind wichtig, aber das ist nur ein Bruchteil...

#klee2) Kenntnisse

Man braucht super Kenntnisse mit Computerprogrammen (Illustrator, Freehand, Photoshop) und sollte auch im Stande sein, zumindest eine tabellarische Masstabelle anzulegen und eine klare Passform festzulegen.
Aber Schnittkenntnisse braucht man trotz allem unbedingt.
Ich kann nicht einfach nur ein hübsches Jäckchen zeichnen - ich muss mir im Kopf auch über die Verarbeitungsprozesse im Klaren sein. Manche Dinge funktionieren nicht so einfach.
Genauso ist es mit Stoffen - welche lassen sich kombinieren, welche nicht?
Versuche mal einen 100% Denim mit Seidenchiffon zu kombinieren - das Ergebnis wird nicht lange halten. #zitter

Im Studium wollte ich mal ein Jeansoberteil (Jacke) mit gestrickten Ärmeln kombinieren.
Nach 1x waschen hätte ich heulen können - die Stoffe haben sich so unterschiedlich verzogen (Krumpf) und die Strickwolle hat den hellen Denim so häßlich verfärbt,das es nur noch albern aussah.
Die ganze Arbeit für die Katz!
Aber die Lehrerin hat uns (ausser mir sind auch ein paar andere auf die Nase geflogen) mal absichtlich reintappen lassen und uns dann noch einmal nahegelegt, wie wichtig es ist, sich über die Stoffeigenschaften zu informieren, bevor man einfach drauflos-schaftelt.

Eine richtig gut sitzende und interessant gewaschene Jeans kann auch für uns in der Firma eine echte Doktorarbeit sein!

#klee 3) Schneller Ruhm

Es ist schon wahr - es gibt Talente, die über nacht plötzlich am Sternenhimmel sind.
Ich glaube, Dein Beispiel meint die junge Vietnamesin mit dem Label "Thu Thu", richtig?
Ich habe auch in den letzten Ausgaben über sie gelesen und finde ihre Entwürfe super, super, super.

Aber es gibt hier einige Punkte zu beachten:

a) sie hat bereits Bekanntes "neu aufleben lassen", dadurch dass sie eine Bikerjacke mit traditionellen wertvollen vietnamesischen Stoffen gefertigt hat.
Das ist die "Idee" - man braucht eine besondere Idee, um aufzufallen, etwas, das es noch nicht gibt.
b) lt ihrer Vita hat sie eine Weile bei MTV gejobbt und dort trugen auch schon Moderatoren ihre Entwürfe. Vitamin B, sage ich nur. Sie war zur richtigen Zeit am richtigen Ort
c) sie hat dies aber sicherlich nicht nebenher gemacht, sondern eine Menge Zeit, Geld, Nerven und Aufwand in die Sache gesteckt.

Im Moment ist sie "In" und ich wünsche ihr natürlich, dass es für sie so bleibt.
Aber es kann auch passieren, dass es irgendwann nachlässt, da stetig andere "neue Gesichter" nachrutschen.
Sie hat aber definitiv ein Studium in der Tasche, dazu Fleiß, Referenzen und Kenntnisse und ich denke daher, dass es für sie umso leichter sein wird, in einer rennomierten Firma unterzukommen, falls ihre Kollektion doch einmal nicht mehr so läuft, dass es zum Leben reicht.

Genauso ist es mit Firmen wie GG&L oder Liebeskind Berlin.
Sie waren plötzlich in aller Munde.

Ich verfolge auch gerne mal über Textilplattformen deren Vita - von GG&L weiß ich, dass der Vater einer der Designerinnen bereits mehrere (hochgenrige!!) Läden im Raum Frankfurt führt, mit edler und trendiger Designermode. Das junge GG&L Team hat damals einfach mal einige Protos in den Läden ausgestellt und diese waren ratzfatz verkauft.
Die Taschen mögen Geschmackssache sein (nicht jeder mag sie - ich schon), aber so einen "Typ Tasche" gab es einfach bis dato noch nicht.

--> Du siehst, hier herrschte auch eine zündende Idee und Vitamin B. Sie hatten schon einmal automatisch den Fuß in einem der rennomiertesten Geschäfte in Frankfurt drin, das ist einfach Glück!
Normal sind die Ladeninhaber oder deren Einkäufer sehr zimperlich, was neue Marken angeht und wollen erst einmal abwarten, ob und wie sich so ein Label hält und wie die Reklamationsquote, der Liefertermin ist, bevor sie sich darauf einlassen.

#klee 4) Finanzierung

Auch wenn ein Label wie z.B. Thu Thu oder GG&L schnell bekannt wird - die Einkäufer erwarten mindestens 2 durchdachte und piccobello verarbeitete Kollektionen im Jahr, die alle Wünsche erfüllen, termingerecht geliefert werden, sich gut abverkaufen und keine Reklamationen mit sich bringen.
Und das muss finanziert werden.

Wenn Du tatsächlich Kunden/Ladeneinkäufer hast, die sich für Deine Sachen interessieren, wirst Du irgendwann an den Punkt kommen, an dem Du nicht mehr selber alles am Esstisch nähen kannst.
Du brauchst Helfer, Stofflieferanten, Zulieferer, eventuell professionelle Schnittmacher, Lohnbetriebe oder gar Produzenten im Ausland.

Und die wollen erst einmal eins: Kohle!

Und dafür brauchst Du zu Beginn einen Kredit (wenn Du nicht gerade einen reichen Mann hast oder von beruf Tochter bist). Und auch die Banken wollen das Konzept sehen, wollen Bestellungen und Aufträge sehen, bevor sie Dir das Geld geben.

Deswegen wäre ich hier sehr vorsichtig....

#klee 5) meine Erfahrungen

Ich arbeite nun seit 8 Jahren in der Industrie.
Ich habe gewiss auch mit dem Gedanken gespielt, aber ich habe lieber ein regelmässiges Einkommen. Da bin ich zu sehr Kopfmensch.

Ich möchte, wenn meine Kleine mal in den Kindergarten geht, unbedingt noch Weiterbildungen belegen, in puncto Modellschnitt.

Mir war immer klar, dass ich mal Familie haben will.
Wenn das soweit ist, hat man nicht mehr die Zeit, um bis nach Berlin oder London zu fahren, sich auf Fashion-Weeks herumzutreiben, auf Messen Kontakte knüpfen etc oder 70-Stunden-Wochen zu schieben, in denen man nur im Atelier sitzt.
ich habe auch viele "Selbstständige" kommen und gehen sehen. Erst jetzt habe ich eine Kollegin, die jetzt bei uns angefangen hat. Sie ist fleißig und klug - aber sie hatte zuvor einen eigenen Laden mit eigenen Entwürfen und Kreationen.
So schön diese auch waren, es hat ihr hinten und vorne nicht zum Leben gereicht.
Nun ist sie bei uns, stottert die letzten Kredite ab und will in der Industrie bleiben.

Ich werde auch dort bleiben, mir macht es Spaß und zudem passiert es immer wieder, dass man etwas dazulernt.

#klee 6) meine Tipps/Ideen für Dich

Du scheinst Spaß an der Mode zu haben und das ist gut so.

Bitte bleibe Deinem Job erst einmal treu.
Hedda Gabler's Rat finde ich z.B. schon einmal super: schau zu, ob Du in einer Modefirma an einen kaufmännischen Posten kommst.
Dann schnupperst Du schon mal die Luft und vielleicht (nur vielleicht) kannst/darfst Du auch mal einen Tipp bei einer Kollektion abgeben.

Wenn Du selber Ideen hast, ist es natürlich absolut in Ordnung, wenn Du diese auch zu Papier bringst oder schneiderst.
Besorge Dir gute Bücher über Modellschnitte (die Bücher von Teresa Gilweska haben sehr gute Kritiken bekommen!) oder noch besser - besuche Schnittkurse an der VHS oder einer Abendschule.
Oft werden diese über ein Wochenende gehalten, Kostenpunkt 50 - 80 €.
Man fängt normalerweise mit Röcken an und kann sich dann Kurs für Kurs auch an schwierigere Modelle wagen (Blusen, Jacken, Kleider...)

Lass Dich in guten Stoffgeschäften über die Qualität beraten und auch, ob der Stoff für Dein Vorhaben in Frage kommt und welche Nadel Du nehmen sollst.

Du kannst deine fertigen Objekte auf Plattformen wie Dawanda ausstellen.
Dort siehst Du das Feedback und das sind immer wieder kleine schöne "Ego-Booster".
(Ich werde demnächst auch einiges online stellen)

Ferner kannst Du auch einen Blog erstellen.
Du schreibst über Mode, Modestile,über Deine Projekte und kommst so in Kontakt mit anderen Bloggern.
Und wenn deine Entwürfe wirklich toll sind, dann werden auch andere neugierig und "bloggen" über Dich. Und wer weiß, was die Zukunft bringt, vielleicht kommt doch einmal etwas in ein Magazin oder so.

Nur versteife Dich nicht krampfhaft darauf, erfolgreich zu werden.

Du sollst Spaß daran haben und teilst die Freude mit anderen.
Auch ein Kompliment von anderen Bloggern, Facebookern, etc kann schon mal Balsam sein.

Sei ungezwungen und vielleicht kommt durch diese Kontakte doch mal etwas "Taschengeld" bei dir rein.
Betrachte das als Nebenhobby.

Ich habe mir nun auch einen wunderschönen Seidenstoff (mit Stiefmütterchen) aus den USA geordert, sauteuer, mein lieber Schwan, und will mir daraus eine Bluse schneidern (es gibt zu wenig schöne Blusen mit der Knopfleiste am Rücken!).
Wenn das schöne Stück fertig ist, will ich es auch mal in facebook etc reinposten - aber nur so zum Spaß.
Ich mache die Bluse eher deswegen, weil ich im Moment nirgends eine schöne Bluse sehe, die mir gefällt. Entweder gefällt mir der Schnitt nicht oder der Stoff ist nicht das Richtige.

LG und viel Spaß

Flamingoduck

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Wow. Das ist mal ein hilfreicher Beitrag. :-)

7

Hallo Flamingoduck,

danke für deine sehr informative Antwort.
Aber das was Du schreibst klingt sehr anstrengend und schwierig.

Meinst Du wirklich, dass man manchmal nicht einfach nur Glück braucht und schöne Kreationen dazu zeigen muss? Mir ist klar, dass man Kenntnisse braucht, aber ich habe schon ein paar Teile genäht und ich kann von mir sagen, dass sie schön geworden sind.

Ich wollte es eigentlich schon als Hauptjob machen und nicht als Hobby. #gruebel
Aber mit den Kosten, das macht mir schon Angst.

Aber danke Dir für Deine Tipps, ich lasse mir diese auch mal durch den Kopf gehen.

Liebe Grüße

Cami

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1

Hallo.

Ohne Dir zu nahe treten zu wollen ...

... ich gucke selten in VKs ... und war eben total erschrocken, dass dieser Beitrag von einer 33-Jährigen stammt, die über ein gewisses Maß an Lebenserfahrung verfügen sollte.
Ich habe echt gedacht, das Anliegen stammt von einer 18-Jährigen oder so.

Naivität kann charmant sein, im Business ist sie tödlich ... Du klingst wirklich wie die eine oder andere DSDS-Kandidatin, die sich in den Kopf gesetzt hat, singen zu können ... Du kannst gut zeichnen ... die bekommen auch einen CD-Player an.

Wenn Dich Mode so interessiert, dann versuche doch mit Deiner kaufmännischen Ausbildung im Modebereich unterzukommen ... im kaufmännischen Bereich eines Label, einer Zeitschrift, eines Konzerns etc.

LG

6

Danke für Deine Info, auch wenn sie z.T. sehr hart geschrieben ist.

Man hört doch immer wieder von neuen Designern, die vorher irgendetwas ganz anderes gemacht haben und plötzlich richtig Ruhm bekommen haben.
Wenn ich mir Mühe geben würde, dann könnte dies doch trotzdem klappen?

Dein Tip ist aber sehr gut, danke Dir, ich muss mich aber mal umsehen, da ich doch etwas ländlich wohne.

LG Cami

2

" Wisst Ihr, wie da die Chancen stehen?
Und was müsste ich tun, um meine Kollektion erfolgreich zu vermarkten? Wen sollte man kontaktieren?
Ist es unbedingt notwendig, eine Modeschule zu besuchen? Ich kann gut zeichnen und habe auch Erfahrung mit der Nähmaschine."

Solange Du da selber nicht die Kenntnisse hast, lass bitte die Finger davon. Ich glaube nicht, daß die Modewelt auf Dich wartet, Du hast keine Erfahrung, keine Ausbildung und absolut keine Ahnung, wie es da draußen aussieht!

LG

3

Deinen Wunsch nach mehr Kreativität und einer Herausforderung kann ich nachvollziehen. Aber auch ich glaube, dass die Modewelt ein hartes Pflaster ist, und ohne Beziehungen, Kohle und einem wirklich guten Händchen für Mode und das Business im Allgemeinen da nicht viel zu holen ist.

Muss es denn unbedingt Mode sein? Kreativität hat doch viele Gesichter und mit einer kaufmännischen Ausbildung hast du eine gute Basis für eine Vielzahl kreativer Berufe. Bau auf deinen Berufserfahrungen auf, anstatt komplett etwas Neues zu versuchen. Gibt es nicht noch andere Bereiche, die dich reizen könnten?

Was ist dir wichtig, wonach suchst du genau? Was sind deine Ziele?

10

Äh, wäre es nicht vernünftig, Ahnung von Mode und Modedesign zu haben, wenn man in diesem Bereich arbeiten möchte?? Es reicht ja nicht, für zuhause mal das eine oder andere Kleidchen zusamenn zu sticheln, man sollte auch Ahnung haben, wie dieser Markt überhaupt funktioniert, wo man Kunden herkriegt, mit welchen Margen man rechnen kann und wie groß die Chancen sind, überhaupt etwas zu verkaufen.

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