Jetzt ist es zu spät

Als ich in die 6. Klasse gekommen bin, habe ich mich schnell mit einem Mädchen angefreundet. Wir waren ständig zusammen, über Jahre hinweg die besten Freundinnen. Ich habe sie getröstet, wenn sie (mal wieder) Ärger mit ihrem Freund hatte, wir haben die Discos in der Gegend unsicher gemacht, zusammen gelacht und geweint, alle Geheimnisse geteilt.

Auf meiner Feier zu meinem 25. Geburtstag hat sie mich so sehr enttäuscht, daß ich den Kontakt abgebrochen habe. Ich möchte nicht näher darauf eingehen, was genau passiert ist. Nur soviel: Sie hätte die Gelegenheit gehabt, sich zu erklären, aber die hat sie ungenutzt verstreichen lassen.

Ein paar Jahre später hat sie mir noch ein Fotoalbum, was ich ihr mal geliehen hatte, zurückgeschickt. Dabei ein Brief, in dem sie versucht hat sich zu entschuldigen. Aber ich hatte da schon mit unserer Freundschaft abgeschlossen, mir einen anderen Freundeskreis aufgebaut, bereits meinen Mann kennengelernt, den ich kurz danach geheiratet habe.

Kinder kamen, wir sind einige Male umgezogen, haben uns im Ausland ein neues Leben aufgebaut.

Und plötzlich, Anfang 2019, mußte ich wieder an meine ehemalige beste Freundin denken. Sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Es wäre ein leichtes gewesen, ihre Adresse herauszufinden, weil ihr Bruder noch in dem gemeinsamen Elternhaus wohnt. Ich hätte sie anrufen können, aber ich war einfach zu stolz - ich konnte nicht über meinen Schatten springen.

Ein paar Wochen später habe ich besagtes Fotoalbum rausgesucht, mir die alten Fotos angesehen. Und immer wieder der Gedanke "ruf sie doch an!" Aber nein, da war ja dieser unüberwindbare Schatten.

Dann, Ende Mai, als ich mal wieder mit meinem Bruder telefoniert habe, fragte er plötzlich: "Du, warst Du nicht mal mit XXX befreundet?" Ich: "Ja, wieso?" Er: "Weil ich am Samstag einen Nachruf in der Zeitung gelesen habe, daß XXX Anfang Mai verstorben ist."

Peng - das saß!

Ich habe dann im Nachhinein erfahren, daß sie wohl Anfang des Jahre 2019 (also genau zu der Zeit, als ich plötzlich wieder an sie denken mußte), eine sehr aggressive Krebsdiagnose bekommen haben soll. Sie hatte keine Chance, es ging rasend schnell.

Jetzt denke ich immer wieder und wieder und wieder, warum ich sie nicht angerufen habe. Wieso ich so dumm, blöd, idiotisch war, mein Stolz mir wichtiger war.

Warum ich das schreibe? Nicht für mich, denn in meinem Fall ist es zu spät.

Aber solltet Ihr in einer ähnlichen Situation sein, wie ich damals, dann zögert nicht - ruft an! Im schlimmsten Fall bekommt Ihr eine Abfuhr. Im besten Fall könnt Ihr Euch mit diesem Menschen aussprechen.

Aber Ihr habt es zumindest versucht und braucht Euch später nicht vorzuwerfen "warum habe ich nicht....."

Traurige Grüße
Trollmama

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Hallo das tut mir leid, das du so eine Erfahrung gemacht. Vllt hilft es dir deiner Freundin einen Brief zu schreiben , wo du alles reinschreibst?

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Hallo Trollmama,

in der 8. Klasse habe ich mich mit meinem besten Freund zerworfen. Wir haben über ein Jahr nichts miteinander geredet. An einem Tag kam er mir auf der gleichen Straßenseite entgegen und ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich wollte nicht wortlos an ihm vorbeilaufen, wusste aber auch nicht, wie ein Gruß von mir ankommt.
Am Mittag war ich mit einer Freundin zusammen und hatte den ganz starken Drang über ihn zu sprechen. Das war nicht wegen diesem Treffen sondern kam von tiefer drinnen.
Zu dieser Uhrzeit ungefähr ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Ganz lange habe ich mir selbst Vorwürfe gemacht. Ganz oft stand ich an seinem Grab. Und irgendwann habe ich angefangen, diesen Vorwurf von mir an mich, warum ich ihn nicht wenigstens noch einmal "Hallo" gesagt habe, mit mir selbst zu be- und verarbeiten. Mein Kumpel kann mir nichts mehr dazu sagen. Dafür ist es zu spät. Wenn, dann kann ich mir nur selbst verzeihen in der Hoffnung und in dem Glauben, er hätte das genauso gemacht.

So wirst du das auch tun müssen. Vielleicht besuchst du mal ihr Grab.
Deinem Aufruf, Versöhnung zu versuchen und nicht nach hinten zu schieben sondern sofort dran gehen, stimme ich absolut zu!

Viele Grüße
Jenny

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Ich habe es Freunden von mir auch schon oft gesagt in ähnlicher Lage, oft auch Eltern/Geschwister betreffend, mit denen sie zerstritten waren - man soll nie sagen müssen "hätte ich doch....". Das kann einem ziemlich zusetzen - aber, da bist Du nicht alleine, junge Leute meinen sehr oft, dass sie absolut im Recht sind, den/die anderen nicht brauchen, diese ihnen egal sind usw..usw.
Ich glaube, ich war mal nicht besser.
Erst seit ich älter bin, weiß ich, dass das als fürchterliches Eigentor zurückkommen kann und man sich eben doch Gewissensbisse macht.
Man sollte sich sehr gut überlegen, wem man wirklich bis zum Tod böse sein will.
Du kannst nichts mehr tun, leider, nur für die Zukunft draus lernen. ❤ Ist echt nicht böse gemeint, eher etwas traurig, weil sowas so schade ist, weiß ich ja selber.
LG Moni

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