Oma verstorben, Mutter benimmt sich unmöglich und raubt mir jede Chance zu trauern

Hallo Zusammen,

ich möchte mir etwas von der Seele schreiben.
Letzte Woche verstarb meine Oma, des Alters wegen. Man war zwar irgendwie drauf vorbereitet, aber natürlich trifft es einen immer. Ich muss sagen, sie war nicht gerade eine herzliche Oma wie man es sich vorstellt und ein schwieriger Mensch. Trotzdem hab ich sie meine Kindheit über quasi täglich gesehen (da sie nebenan wohnte) und als Erwachsene auch einige Zeit unter dem selben Dach mit ihr gewohnt. Der Tod traf mich und trifft mich immer noch.
Meine Mutter benimmt sich ekelhaft! Sie hatte es sehr schwer unter ihr, keine Frage! Sie hat ihr das Leben sehr schwer gemacht und immer versucht zwischen sie und meinen Vater einen Keil zu treiben. Ganz ehrlich, ich verstehe wenn sie der Tod der Frau nicht trifft. ABER das kann man dann halt einfach denken und fertig. Sie benimmt sich total daneben. Als mein Vater und seine Geschwister die Beerdigung plante rief sie mich danach an und hat jedes Lied und jede Geste als "Geschiss" und "so ein überzogenes Theater" genannt. Als stünde den Kindern keine ordentliche Beerdigung ihrer Mutter zu. Jetzt wo ständig Trauerpost eintrifft wirft sie diese gastig auf einen Haufen mit den Worten "so ein Scheiß, denken die wir trauern oder was". Es ist so schlimm, ich trau mich gar nicht zu sagen wie ich traurere (zu Ihren Aussagen hab ich ihr aber immer meine Meinung gesagt).
Ich weiß nicht mal wie es meinem Vater damit geht, meine Mutter geht einfach davon aus er ist auch froh und sagte mir "der ist wie immer". Ich komm gar nicht an ihn ran, seh ihn leider auch selten.
Ich bin einfach nur schockiert, ich halte sie jetzt echt für einen schlechten Menschen!
Egal wie schwer es einem jemand gemacht hat, kann man nach dem Tod doch abschließen und sein Umfeld trauern lassen?!? Oder für seinen Mann da sein?

Außerdem belastet mich auch zum selben Thema die Situation zu meinen Schwiegereltern. Meine SchwieMu - nach außen stets gutmütig und hilfsbereit zu Jedermann - hat bisher noch nicht einmal gefragt wie es mir mit dem Tod geht oder mal irgendwas herzliches gesagt. Einfach nur zur Kenntniss genommen und fertig. Gestern fragte sie mich wie nochmal die Oma hieß (war schon so lange im Heim wie ich meinen Mann kenne, daher kennen Schwiegerleute sie nicht, war immer mit meinem Vater allein dort) damit sie eine Trauerkarte schreiben kann. Ich hab ihr dann gesagt, dass ich es ziemlich scheinheilig finde, nicht mal im Haus zu fragen wie es mir geht und dann ne Karte zu schreiben obwohl sie sie nicht kannten. Sie sagte nur "meinst?" und dann war das Thema beendet.

Ich bin gerade echt überfordert mit der Situation und meiner Umwelt.... Ich würde gerne eure Meinung dazu wissen.
Ganz lieben Dank!!!

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Hallo Liebes,

da mir Trauer jeden Tag begegnet -bin in der Bestattungsbranche tätig-, schreibe ich dir meine Gedanken.

Es gibt nicht "die eine Art" zu trauern, Trauer ist so individuell wie die Menschen die sie zu bewältigen haben. Das sollte sensibel und mit möglichst viel Nachsicht gehandhabt werden.
Manche Menschen trauern scheinbar gar nicht, andere wirft es völlig aus der Lebensbahn... um nur die offensichtlichen Extreme zu nennen.

Das Verhalten deiner Mutter findest du ekelhaft und das ist völlig in Ordnung. An deinen Empfindungen ist nichts falsch oder verwerflich. Du solltest ihr mit einigen leicht verständlichen Worten klar machen, dass sie denken und fühlen kann was immer sie möchte, sich jedoch NICHT in deiner Gegenwart über deine Oma pietätlos äußern darf. Zeig' ihr unmissverständlich die Grenzen auf. Du musst das nicht zusätzlich aushalten.
Schwer nachvollziehbar, aber auch Emotionen wie Wut, die sich mitunter zu Hass steigern kann, sind ein Ventil für Trauer.

Was deine Schwiegermutter anbelangt: in meinen Augen tust du ihr in deinem Schmerz Unrecht. Viele Menschen sind unsicher wie sie sich bei einem Todesfall den Hinterbliebenen gegenüber verhalten sollen. Diese Situation ist nicht nur für dich schwierig, bitte vergiss' das nicht.
Dadurch dass sie nach dem Namen deiner Oma fragte und eine Karte schreiben möchte zeigt sie Anteilnahme. Zwischen deinen Zeilen lese ich, dass du sie für scheinheilig hältst, weil sie zu Lebzeiten kein Interesse zeigte.
Und trotzdem liegt deiner Schwiegermutter daran zu kondolieren - das müsste sie nicht tun.
Vielleicht ist es ein tröstlicher Gedanke für dich, dass ihr dein Verlust wirklich leid tut? Vielleicht gibt es sogar reumütige Gedanken, weil es für den Aufbau eines zwischenmenschlichen Kontakts nun zu spät ist?
Viele Menschen finden in solchen Situationen nicht den Zugang zu den Worten, die sie gern aussprechen würden.

Einen lieben Menschen zu verlieren tut weh.
Es ist sicher nicht leicht in dieser schweren Phase mit deinen Mitmenschen nachsichtig zu sein... bitte versuche es trotzdem wenn du irgendwie die Kraft dazu hast.
Zusätzlichen Groll tu' dir bitte nicht an... schaffe besser Raum für dich um so um deine Oma zu trauern wie du es brauchst.

Hoffe dir ein wenig Licht und Trost gespendet zu haben.
Fühl' dich von Herzen umarmt #herzlich

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Wow... Ich danke dir von Herzen für diese tolle Antwort! Soviel Feingefühl und Verständnis wie du offenbar hast, würde ich vielen Menschen wünschen. Natürlich auch mir selbst.

Meine Grenzen hab ich meiner Mutter eigentlich abgesteckt, aber es interessiert sie nicht. Irgendwie geht sie total mit dem Tunnelblick an die Sache. Mir fehlt da echt jedes Verständnis....

Zu meiner Schwiegermutter magst du Recht haben, wobei sie eigentlich AUßERHALB der Familie immer gleich rennt wenn was passiert ist und HIlfe anbietet oder Zeit zum reden etc... Deswegen sagte ich scheinheilig, denn es ist immer so, dass der Schein nach außen perfekt sein muss und wir, die im selben Haus wohnen hinten anstehen. Vielleicht hat meine Trauer in der Mischung die Wut hervorgebracht, normalerweise sag ich nie ein böses Wort zu ihr.
Hier meine Gefühle zu schreiben und deine tolle Antwort haben mich wieder sehr bestärkt, ich danke dir wirklich sehr!
Toll, dass sich Jemand soviel Zeit nimmt mit einer Antwort, obwohl man die Person nicht kennt. Du scheinst ein toller Mensch zu sein.
Ganz liebe Grüße

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Hi,
meine Oma wohnte mit im Haus, und machte uns das Leben zur Hölle.

Sie schikanierte uns, von vorne bis hinten, sie war der Chef im Haus. Sie ging mit dem Gehstock auf meine Eltern los, wenn es nicht nach ihrem Kopf ging. Sie sperrte mich, ohne Grund, in den verwaisten Schweinestall und meine Eltern und der 6 Jahre ältere Bruder suchten mich im ganzen Ort, bis sie nach 3 Stunden mich wieder raus ließ, total verheult.

Als sie ein Pflegefall war, ließ sie sich vor lauter Wut, gerne aus dem Bett fallen ..............meine Mutter bekam sie alleine aber nicht mehr rein. Die Nachbarn "waren nicht zu Hause", zum helfen. Ich musste dann helfen, wenn ich aus der Schule kam , sie wieder ins Bett zu heben.

Sie "brauchte" 2 Zimmer und die Küche, meine Schwester und ich teilten uns daher ein Zimmer bis ich fast 16 Jahre alt war. Das war überhaupt nicht gut. Mein Bruder und ich, malten uns aus, wie die Oma die Kellertreppe "runterfällt" oder vom Balkon, da war ich 14 und er 16 Jahre alt. Nachts weinte unsere Mutter in der Küche, weil sie nicht mehr konnte.

Als sie starb, war ich so froh, so unendlich froh...................................und verstand überhaupt nicht, wieso meine Mutter trauerte. Diese böse alte Frau war endlich tot. Wir konnten jetzt auch mal, mit allen Familienmitgliedern mal zum einkaufen fahren. Oder mal Essen gehen, Urlaub buchen, Freunde zu uns einladen, im Hof spielen, ein Kätzchen anschaffen................

Ich ging nicht auf Beerdigung, meine Mutter zwang mich auch nicht, ich war 16 Jahre alt und fuhr mit dem Jugendchor zum Eislaufen.

Ich verstand auch nicht, daß die Menschen mir kondolieren wollten. Sie wußten, daß es eine böse Frau war. Die Mutter (Jahrg. 1939) einer Bekannten, war als Kind in der Nachbarschaft in Ferien, und hatte Angst vor meiner Oma. Da hat erst mein Freund mir geglaubt, das es eine böse Frau war, und keine Kuschel Oma, die einem die Leibspeise kocht.

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Deine Schwiegermutter ist halt unsicher, und weiß nicht, wie sie es "richtig macht", und Deine Mutter schauspielert halt nicht, und es ist so, wie es ist. Auch wenn Du es nicht sehen kannst. Wer weiß wieviel sie aushalten musste, und ist jetzt auch einfach froh, daß sie weg ist, fertig.

Trauer für Dich und sei Deinem Vater eine Stütze, wenn er es braucht. Aber akzeptiere auch die Meinung deiner Mutter.

alles Gute

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Ich war 14 und er 20 Jahre alt, als wir so "Einfälle" hatten, um unsere Eltern zu erleichtern.

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Nein, nicht deine Mutter raubt dir die Chance zu trauern, das kommt aus dir selber. Du stehst dir bei deiner eigenen Trauer gerade im Weg, weil du deinen Focus auf die anderen Menschen legst.....quasi als Übersprungshandlung. Deine Gedanken zu deiner Mutter und Schwiegereltern lenken dich von deiner Trauer ab, weil du es selber noch nicht realisiert oder zu geschock bist.
Trauer ist in verschiedene Phasen eingeteilt, da kann man von halten was man will, aber an diesem Schema ist etwas dran und die eigene Psyche denkt sich was dabei.

Mach dir bitte klar, das Trauer verdammt viele Gesichter haben kann, sogar das Verhalten deiner Mutter kann eine Art von Trauer sein. Und wenn sie wirklich nicht trauert, sondern einfach nur froh ist, das es vorbei ist, dann ist auch das ihr gutes Recht. Inwiefern das deine eigene Trauer beeinträchtigen soll, das erschließt sich mir einfach nicht.

Ohne weiter auf deine Details einzugehen: Jeder hat das Recht auf seine Art mit dem Tod umzugehen, aber keiner hat das Recht andere deswegen zu verurteilen. Bleib bei dir, bleib fair.

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