Kleinkind ist eine richtige adramaqueen

Sehr geehrte Frau Dr.Retz,
mein Sohn(fast 3 Jahre alt) fängt in jeder Situation in der es nicht sofort nach seinem Kopf geht an zu weinen und zwar richtig, wie eine Sirene. Er ist untröstlich, z.B. wenn das Karusell schon geschlossen ist, oder am Brötchen eine Ecke abgebrochen ist, so dass die Wurst raus schaut, etc.
Er weint dann und lässt sich sehr schwer beruhigen. Teilweise setzt er sich dann an Ort und Stelle hin und lässt sich nicht weg bewegen.
Wenn ich ihn frage, warum er genau weint, bekomme ich meist als Antwort : ich weine immer noch.

Sind das die Auswirkungen der Autonomiephase? Wie kann ich in solchen Situationen zu ihm durchdringen und ihn beruhigen.
Von seinem Bruder kenne ich dieses Verhalten überhaupt nicht.

Liebe Grüße

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Hallo,

das ist ein typisches Verhalten in der Autonomiephase. Kinder reagieren dann häufig emotional in Situationen, die aus der Erwachsenen-Perspektive völlig unrelevant sind. Ihr Sohn ist noch sehr klein - er kann somit nicht auf einen so reichen Erfahrungsschatz wie Sie zurückgreifen. Sie wissen z.B. dass ein Karussell schließt, aber auch wieder öffnet. Zudem können Sie zeitliche Aspekte miteinbeziehen: Jetzt geht das gerade nicht, aber morgen oder später. Diese Fähigkeit fehlt kleinen Kindern - deshalb ist es auch wenig sinnvoll hier von einem "Drama-Queen-Verhalten" zu sprechen. Das Kind macht das ja nicht mit Absicht.

Für eine positive emotionale Entwicklung im Kleinkindalter ist es sehr wichtig, dass Eltern diese Gefühle dann ernst nehmen, diese spiegeln (du bist wütend, traurig etc), das Kind trösten und auch viel Zuversicht vermitteln, dass die Situation wieder besser werden wird. Das Kind darf und sollte seine Gefühle ausdrücken, aber es braucht dann eine Bindungsperson, die ihm dabei hilft, den Fokus auf eine andere, positive Situation zu lenken.

Begleiten Sie also geduldig und nachsichtig diese Situationen, das stärkt die Bindungsbeziehung zum Kind (was aber nicht bedeutet, dass Eltern immer nachgeben müssen - ein "Nein" ist oft sogar wichtig).

Dass Sie es bei ihrem älteren Sohn anders erlebt haben, hat sicherlich mit dessen Temperament zu tun. Es gibt Kinder, die eben sehr emotional sind, während andere Kinder zurückhaltender sind.

In meinem Buch Wild Child erhalten Sie zahlreiche Impulse dazu. Und auch hier im Podcast: https://www.spiegel.de/familie/bindungsorientierte-erziehung-und-wenn-sich-mein-kind-im-supermarkt-auf-den-boden-wirft-a-7ba10eb1-a2e9-4bce-9832-c7cf2d904230

Herzliche Grüße,

Eliane Retz