Doppelleben... das Geheimnis ist keines mehr

Vorab, ich möchte es einfach kurz erzählen und weiss nicht genau, welchen Rat oder Reaktion ich mir erhoffe. Es beschäftigt mich mal mehr und mal weniger, seit ich es weiss.

Neulich habe ich eine Reportage über Familiengeheimnisse gesehen und jetzt habe ich herausgefunden, dass es bei uns auch etwas lang Verschwiegenes gibt :(
Es geht um meine Eltern. Meine Mutter ist seit vielen Jahren ein Pflegefall und lebte bis vor Kurzem zuhause mit meinem Vater. Nun ist sie in einem Pflegeheim untergebracht.

Mein Vater hat mir neulich einfach so nebenbei eröffnet, dass er ja gar nicht einsam sei, da er schon lange eine andere Partnerin habe, von der wir nichts wussten, wohl aber ihre ganze Familie! Er kennt wohl alle und hat ein gutes Verhältnis zu ihnen 😳

Ich habe nachgefragt und herausbekommen, dass er diese Frau schon Jahre VOR der Krankheit meiner Mutter kennengelernt hat und auch direkt mit ihr eine Liaison angefangen hat. Ich hätte mir wirklich einiges vorgestellt, aber dass er schon so lange eigentlich „parallel“ lebt, finde ich heftig, erstaunlich.

Am seltsamsten ist aber, dass ich ihm nicht böse bin. Ich weiss gar nicht, was ich fühlen oder darüber denken soll. Die andere Frau ist ein Neutrum für mich, habe sie ja nie getroffen. Doch existiert sie. Noch nicht getroffen. Wer weiss, ob mein Vater es offizieller machen will, seit meine Mutter im Heim lebt?

Es ist eine merkwürdige Situation. Verurteilen möchte und kann ich ihn nicht, es ist sein Leben. Und doch mache ich mir viele Gedanken. Was wäre gewesen, wenn er ehrlich gewesen wäre und meine Eltern sich getrennt hätten? Das wollte er aber nie. Er hat sich um meine Mutter täglich gekümmert bis zu ihrem Umzug.

Hat vielleicht jemand Ähnliches erlebt?

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Wenn er schon so offen drüber gesprochen hat, dann hätte ich ihn einfach gefragt warum er schon Jahre vor der Erkrankung deiner Mutter zweigleisig gefahren ist.
Aber wahrscheinlich warst du zu baff dafür.
Wäre ich auch gewesen.
Aber genau das wäre es was mich wurmen würde,denn bei einem jahrelangen Pflegefall
kann man noch verstehen, dass der andere Partner auch Bedürfnisse hat.

Andererseits war er vielleicht kein Ehemann mehr, aber ein guter Freund für deine Mutter.

Bekommt deine Mutter geistig noch alles mit?

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Bei einer Nachbarin ähnlich... Und doch anders, denn die Frau hat es im Streit erfahren. Er war ein hohes Tier bei einer Firma in der Nähe (Dorf - jeder kennt jeden, wenig große Firmen).

Er war immer unterwegs auf Geschäftsreise. Sie hat sich um Kinder und Enkel gekümmert, den Haushalt (großes Haus), seinen englischen Rasen gepflegt und seine Sammlung schwer kranker Katzen...

Irgendwann kam er in Rente, war dann extrem oft extrem lang mit dem Fahrrad weg.

Dann hat es zwischen der Nachbarin (zu dem Zeitpunkt bereits weit über 70!) und einer anderen Nachbarin Streit gegeben...

Und sie sagte ihr: und übrigens, dein bescheuerter Mann betrügt dich seit über 50 Jahren! 😳

Tja, und es hat gestimmt!

Anscheinend wusste das fast das ganze Dorf (wir nicht, sind nicht so Lästermäuler und Stammtischgänger...). Und schlimmer: die Firma wusste es am längsten!

Die ganzen Geschäftsreisen waren gebucht für zwei, für Mann und Frau... Immer. 50 Jahre lang. Die Nachbarin war aber nie dabei!

Nun ja, es hat gescheppert. Die Frau hat dann wohl entschieden, dass sie zu alt für eine Scheidung ist. Und ist geblieben.

Der Mann verbringt bis heute seine Zeit Hälfte Hälfte bei der einen und der anderen. Samstag hier, Sonntag dort.

Ob er dort auch Kinder hat, weiß ich nicht.

Wie es der Frau damit geht, keine Ahnung. So dicke sind wir nicht, dass ich sie fragen würde 😉

Wie geht es denn deiner Mama damit? Wusste sie es? Dass du es als Kind nicht wusstest ist eins, ob sie es wusste ja aber was anderes...

Er scheint deine Mama ja doch gern zu haben, vielleicht sogar trotzdem zu lieben, wenn er sich bis zuletzt so liebe- und mühevoll um sie gekümmert hat.

Vielleicht liegt es auch daran, dass du das jetzt leichter akzeptieren kannst? Dass es ja keine Lüge in dem Sinne war, als dass er deine Mama nie geliebt hätte....?

Und es ist ja jetzt so auch einfacher, wenn er jetzt nicht alleine und vereinsamt dasteht.

Ich würde sowas schockierend finden... Aber letztendlich müssen meine Eltern ja selbst wissen, was sie tun. Selber groß. Die und ich auch 😉

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Das ist ja eine heftige Geschichte 😳 Sowas kommt wahrscheinlich öfter vor, als man denkt. In dem Fall finde ich aber besonders schlimm, dass es so lange ging und vor allem alle wussten, aber niemand ihr etwas gesagt hat?? Das ist bei meinen Eltern anders gelaufen, mein Vater hat es wirklich geschafft, es komplett geheim zu halten. Nicht mal seine besten Freunde wissen etwas. Mir hat er es jetzt erzählt.

Ich hatte das Gefühl, er war erleichtert, dass ich nicht direkt sauer geworden bin oder so. Ich habe ihn nochmal angesprochen und wollte Details wissen. Er hat die andere Frau auch in der Arbeit kennengelernt und da waren sicher auch einige Schäferstunden, die als Termine getarnt wurden. Auf Geschäftsreise über Nacht ist er aber fast nie gewesen und wenn, hat er doch meine Mutter mitgenommen, wenn es mit Partner war.

Es hilft bestimmt, dass es erst jetzt herauskommt. Meine Mutter hat praktisch keine Erinnerung und kein logisches Denkvermögen mehr. Hätte ich es vor Jahren gewusst, wäre ich geplatzt, einfach auch weil meine Mutter so oft zurückgesteckt hat😠

So relativiert sich alles. Aber heftig ist es schon. Am erschreckendsten (oder ist das gesund und Eigenschutz?) finde ich, dass ich eben keine Wut oder so empfinde. Es ist ja doch Sache meiner Eltern. Trotzdem hätte ich mir anderes für meine Mutter gewünscht.

Ich habe auch an die andere Frau gedacht. Einfach war und ist das alles bestimmt auch nicht für sie. Die ewige Zweite. Mein Vater hat ihr wohl gleich am Anfang gesagt, dass er meine Mutter nicht verlassen wird (sie war schon immer oft krank, wenn auch damals noch nicht dement). Sie hat es so akzeptiert.

Habe aber herausgefunden, dass sie eine zweite Wohnung ganz in der Nähe hat. Mein Vater ist auch immer lange Fahrrad fahren gegangen 😕 Angeblich. War bestimmt bei ihr dann.

So seltsam, plötzlich habe ich das Gefühl, ich kenne ihn gar nicht so gut, wie ich dachte.

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Auch wenn es blöd klingt, ich würde mir nicht zuviel Gedanken machen!
Vielleicht weiß deine Mutter sogar davon oder ahnt es zumindest, hat aber beschlossen es zu akzeptieren... du weißt es nicht.

Auch wenn es definitiv eine merkwürdige Situation ist, würde ich mich nicht einmischen und vermutlich auch für meinen Vater freuen, auch wenn ich gleichzeitig mit der Mutter fühlen würde.

Bedürfnisse ändern sich im Leben und vielleicht waren die der beiden einfach verschieden 🤷‍♀️

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Danke für Deine Antwort. Doch, ich weiss, dass sie nichts weiss bzw nichts Konkretes. ich habe früher oft mit meiner Mutter gesprochen, auch viel über die Beziehung meiner Eltern. Wir waren da sehr offen miteinander. Mittlerweile ist sie sehr dement und erinnert sich nicht mehr, versteht auch keinerlei Zusammenhänge mehr. Sie wird es also auch nie wissen.

Ich erinnere mich aber, dass sie schon vor vielen Jahren traurig darüber war, dass mein Vater sich emotional und auch körperlich von ihr distanzierte. Ich habe es aufs Alter geschoben. Wirklich, ich hätte meinem Vater alles Mögliche im Leben zugetraut ausser einer langjährigen Affäre. Es tut mir so leid für meine Mutter, denn ihre Intuition hatte Recht.

Ich bin mir aber sicher, dass meine Eltern damals aus Liebe geheiratet haben und dass mein Vater sich dieses ganze Doppelleben nicht auf die leichte Schulter genommen hat. Er hat auch gelitten und ist sehr gealtert in den letzten Jahren, was ihn nicht entschuldigen soll.

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Warum solltest Du ihm böse sein= Dein Vater hat sich viele Jahre um deine Mutter gekümmert - die ein Pflegefall ist. Dafür solltest du ihm dankbar sein,
Wenn sie sich getrennt hätten, wäre deine Mutter viel früher in ein Pflegeheim oder Du hättest dich um sie kümmern müssen.

Dein Vater hat auch Anspruch auf ein Lebensglück.

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Welchen Anspruch auf Lebensglück hat denn die Mutter im Pflegeheim noch ?

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Ja schon, hätte er nicht mit ihr gelebt, hätten wir uns früher um umfangreiche Betreuung kümmern müssen. Ich habe sie die letzten Jahre mit ihm zusammen gepflegt und weiss, was das bedeutet. Sie war so lange zuhause, bis es nicht mehr ging, ohne dass er auch noch krank geworden wäre.
Das mit dem Lebensglück ist schon richtig, nur hat er diese zweite Frau schon lange vor der Krankheit meiner Mutter kennengelernt.
Wer weiss, ob diese innere Distanz seinerseits meine Mutter nicht noch kranker gemacht hat. Hätte er die andere erst in den letzten Jahren getroffen, hätte ich einen anderen Blick auf die Geschichte.

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Ja, das kenne ich von meinem Mann. Auch er hatte von Anfang an Verhältnisse, Beziehungen, wie auch immer, zu anderen Frauen und hat mich jahrelang hinters Licht geführt. Er hat sich sogar mit anderen beim S.. gefilmt und dieses Material einfach so liegen lassen... Als ich das alles gesehen und erfasst hatte, ist meine Welt komplett aus den Fugen geraten.
Inzwischen ist einige Zeit vergangen und ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass er Familie und Partnerschaft nie wirklich vorhatte.
Im Dezember ist Scheidung.

Alles Gute für dich 🙂

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Für mich wäre es tatsächlich schlimm.

Man kann sich neu verlieben, das tut weh, aber die eigene Familie jahrelang belügen, fände ich furchtbar. Ich möchte nicht belogen werden. Ich belüge meine Eltern auch nicht.

Ich finde es toll, dass du es so „locker“ nimmst. Klar ist es schön, dass dein Vater sich um deine Mutter gekümmert hat. Aber das hätte er auch mit geklärten Fronten tun können unter Umständen.

Vermutlich kannst du nur abwarten, wie es sich entwickelt 🤷‍♀️

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Hallo

Mein Papa hatte auch gut 15 Jahre eine on/off Affäre. Sie war wohl oft auf Geschäftsreisen mit und er während vermeintlicher Überstunden bei ihr.

Ich wusste das meine Eltern kein normales Beziehungsleben führten da es kaum Romantik gab zwischen den beiden. Habe es aber nie in Frage gestellt. Meine Mam hats einfach Verdrängt bis sie direkt konfrontiert war.

Als es rauskam waren beide schon ü70. Blieben nach einigen harten Kämpfen, Verhandlungen und viel zerbrochenen Geschirr zusammen, machten einzeln sowie Paartherapien. Das Alter und damit verbundene Trennungsangst spielte bei meiner Mutter sicher eine Rolle. Mittlerweile (ist einige Jahre her) haben es die beiden aber sehr gut. Mein Vater ist wie ausgewechselt. Liebevoll und viel Enstpannter und meine Mam kanns mittlerweile annehmen.

Ich habe mich immer klar abgegrenzt. Das ist ihr Leben. War aber trotzdem für beide da. Um ehrlich zu sein taten mir alle drei Beteiligte unglaublich leid. Meine Mutter die alles verdrängte, obwohl es eigentlich offensichtlich war, das etwas nicht stimmte. Mein Papa, Dauergestresst und unglücklichlich - rutschte in eine Tablettensucht und konnte sich erst am absoluten Tiefpunkt für ein Leben entscheiden. Die andere Frau die alles, wirklich alles gab um ihn bei sich zu halten und letztlich so viele Jahre mit einem Partner verbrachte der sich nie wirklich zu ihr bekennen konnte - und auch nicht gegen sie.

Manchmal frage ich mich ob sich meine Mam eine andere Reaktion gewünscht hätte. Das ich hätte Wütend sein sollen. Ihr sagen das sie gegen soll. Meinem Paps meine Liebe entziehen..
aber es belastet mich nicht wirklich. ich bin da wie meine Mam - herausragend im Verdrängen.

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Bei uns ist es ähnlich gewesen.
Meine Eltern haben sich nie gut verstanden, waren sehr verschieden und haben sich häufig gestritten. Vor allem meine Mutter konnte meinen Vater nicht ab haben, hat immer gegen ihn gehetzt.
Dann kam begann seine Demenz. Es zog sich über mehr als ein Jahrzehnt, wurde immer schlechter. Obwohl wir Kinder schon lange ausgezogen waren und zum Teil eigene Familien hatten, blieb sie bei ihm und kümmerte sich unentwegt um ihn. Auch als es ganz besonders hart und unzumutbar, behielt sie ihn zu Hause. In dieser Zeit lernte sie einen neuen Mann kennen. Anfangs nur ein Bekannter, einer zum Reden und an Redebedarf hatte meine Mama so einiges (nicht dass wir ihr nicht zugehört und sie unterstützt hätten, aber wer einen Angehörigen mit Demenz im Fortgeschrittenen Stadium hat, der weiß, dass man das alleine eigentlich nicht stemmen kann, ohne selbst durchzudrehen).
Kurz vor dem eigenen psychischen Durchdrehen, kam mein Papa dann in ein wirklich tolles Pflegeheim. Der andere Mann war immer noch an ihrer Seite. Wir wussten von ihm und verstanden sie. Er war wichtig für sie, sonst wäre sie durchgedreht.
Ein Jahr nach dem Tod meines Papas hat sie ihn dann das 1. Mal als ihren Freund vorgestellt, natürlich total zögerlich und geplagt vor Charm. Wir haben ihr gesagt, dass das vollkommen in Ordnung ist und wir glücklich sind, wenn sie glücklich ist.
Trotzdem kann ich diesen Mann, den ich jetzt schon öfters mit ihr getroffen habe, nicht wirklich akzeptieren. Ich spiele natürlich vor, dass ich ihn mag und versuche mich, möglichst natürlich zu geben, aber ich bin froh, wenn er nicht dabei ist.
Das ist meine Geschichte. Ich freue mich sehr für meine Mama, will aber am liebsten so weiterleben, als wenn es ihn nicht gäbe.

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Ich glaube, jede Familie hat ihre Geheimnisse. Meine Oma hatte 2 uneheliche Töchter von ein und demselben Mann - er war verheiratet und wollte sich auch nicht scheiden lassen. Dennoch hat sie die Affäre mit ihm weitergeführt, auch nach der ersten Tochter.
Die zweite Tochter wurde aber, auf Drängen der Familie, von der kinderlosen Schwester meiner Oma adoptiert und wuchs jahrelang als ihre Nichte auf - bis es zu einem großen Streit kam und alles aufgedeckt wurde. Ein emotionales Drama für die Kinder, die eigentlich Schwestern waren.
Meine angeheiratete Tante hatte lange, lange Jahre eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Sie wollte nicht, dass er sich scheiden lässt - er wollte es auch nicht. Aber sie führten diese Affäre. Mit seiner Frau hatte er insgesamt 5 Kinder. Bei einem Kind war sie sogar Patin. Die Ehefrau wusste von ihr ... hat es hingenommen, solange es keine Scheidung gab. Die Ehefrau starb und die Tante und der Mann haben geheiratet - da war die Tante über 60 und er fast 80. Die Tante hatte nie eigene Kinder.
Eine Großtante hatte eine große Liebe vor dem Krieg. Aus Gründen kam es nie zur Ehe.beide heirateten einen anderen - blieben aber in Kontakt (wei weit das ging, weiß ich nicht). Auf dem Totenbett sagte seine Frau: Jetzt kannst du Sofie endlich heiraten, du hast sie immer geliebt. -> Das finde ich schrecklich. Diese Zeit und dieses Wissen und all die unglücklichen Leute, die aus Gründen und weil die Gesellschaft es nicht zuließ, unglücklich blieben.
Heute trennt man sich eher. Man geht, wenn es nicht mehr passt.
Familiengeheimnisse wird es dennoch immer geben - es muss nicht immer Untreue sein.

Meint

Luna

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