Mein Mann, der Außenseiter

Hallo,
Ich möchte mir mal etwas von der Seele schreiben.
Heute ist mein Mann wieder traurig und wir haben uns lange unterhalten. Ich verstehe seine Gefühle, weiß aber nicht wie ich ihm helfen kann.
Jetzt muss ich ausholen - mein Mann ist toll, wir sind seit fünf Jahren verheiratet, haben zwei Kinder und führen eine gleichberechtigte Beziehung. Als wir uns kennenlernten, wohnten wir 3000 Kilometer voneinander entfernt. Nachdem sich unsere Beziehung gefestigt hatte, haben wir überlegt wie wir weiter machen sollen. Beide hatten wir gute Jobs in höheren Positionen und eigentlich wollte ich damals meine Koffer packen und zu ihm ziehen. Leider traf meine Familie dann ein Schicksalsschlag und ich fühlte mich außer Stande mein Zuhause zu verlassen. Mein Mann hat sich ein Jahr beurlauben lassen und ist zu mir gezogen und hat meine Familie und mich in einer schwierigen Zeit großartig unterstützt. Das Jahr ging vorüber und er blieb.
Seitdem strauchelt er beruflich, konnte nie so richtig Fuß fassen und arbeitet mal mehr mal weniger selbstständig in einem Bereich, der ihm zwar gefällt, aber doch weit weg von seinen ursprünglichen Interessen liegt. Aber wir sind mit unserer Situation eigentlich zufrieden. Ich verdiene gut und wir kommen über die Runden. Große Sprünge sind zwar nicht drin, aber uns plagen keine finanziellen Sorgen.
Zunehmend haben wir aber das Gefühl, dass uns meine Familie ins Abseits stellt. Sie kommen zwar immer wieder und liebkosen unsere Kinder, niemand ist unfreundlich, aber die Wärme mit der ich aufgewachsen bin ist irgendwie nicht mehr zu spüren. Gerade heute war meine Familie zu Besuch und niemand hat versucht meinen Mann in ein Gespräch zu verwickeln. Ich muss dazu sagen, dass es nach wie vor eine gewisse Sprachbarriere gibt, aber mein Mann gibt sich wirklich Mühe. Niemand war unhöflich oder hat meinen Mann offen geschnitten, aber auch niemandem kam der Gedanke mit meinem Mann zu sprechen, außer „Hallo“ und „Tschüss“. Kein „wie gehts dir?“ „wie war dein Tag?” „wie läufts bei der Arbeit?“ etc. - und es war sein Geburtstag! Wir haben zu Kaffee und Kuchen eingeladen. In der Karte meiner Mutter stand „Alles Gute, X“. Das macht mich etwas betroffen, denn ich habe zwar nicht das beste Verhältnis zu meinen Schwiegereltern, aber zum Geburtstag bekomme ich immer eine Karte mit seitenweise netten Wünschen.
Letztes Jahr haben mein Schwager und Freunde einen Sportkurs besucht und ich habe meinen Mann überredet mitzumachen. Es hat ihm auch viel Spaß gemacht. Seit zwei Monaten läuft der Kurs wieder und alle sind dabei - nur meinen Mann hat niemand gefragt. Wir haben es durch Zufall erfahren, dass der Kurs wieder läuft.
Ich verstehe es einfach nicht. Mein Mann steht immer parat wenn jemand Hilfe braucht, ist immer nett und zuvorkommend. Ja, er ist von der Persönlichkeit her eher der Typ Pausenclown und das kann manchmal anstrengend sein, aber das rechtfertigt doch nicht, dass man ihn ausschließt?
Meine Schwester und mein Schwager haben das Haus mehrmals die Woche voll mit Leuten nur mein Mann und ich werden sehr selten eingeladen. Das hab ich sogar schon mal angesprochen, da meinte sie wir könnten ja eh immer kommen. Nur möchten wir uns ja nicht selbst einladen und es geht ja eher darum, dass eben uns gegenüber nichts kommt.
Ich hatte mit meiner Familie immer ein sehr enges Verhältnis und das vermisse ich gerade sehr. Wir sehen uns mindestens einmal wöchentlich, dann stehen die Kinder im Fokus, das verstehe ich ja auch und es ist ja auch schön, aber mir kommt es vor, als ob wir aus dem sozialen Leben mehr und mehr ausgeschlossen werden.
Mein Mann ist nicht der Typ, der immer auf alle zu geht und tut sich schwer damit Freunde zu finden. Gerade an Tagen wie heute, seinem Geburtstag, ist es dann natürlich schwer für ihn. Er ist ein anderes Land gezogen, neue Sprache, neue Kultur, neuer Job, neue Leute und die Familie die ihm eigentlich Nähe geben sollte, distanziert sich. Wie gesagt, alle sind immer freundlich, aber doch auch nicht herzlich.

Ich weiß gar nicht was ich jetzt hören will, ich musste mir das einfach mal von der Seele schreiben, auch weil mir mein Mann gerade sehr leid tut.

Danke allen die bis hierher gelesen haben :)

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Kann sein, dass dein Mann nicht deutscher ist und deine Familie ihn daher nicht wohlwollend gegenüber ist?

Versteht mich nicht falsch, aber als Amerikanerin habe ich manchmal mir überlegt, ob das einer der Gründe bei meinen Schwiegereltern ist. Die haben trotz aller nach außen getragener Offenheit schon mal Ansichten gezeigt, die mich echt stutzig gemacht haben.

Kommt für euch nicht einen Umzug in Frage, da wo dein Mann früher gewohnt hat? Was würde dagegen sprechen?

Wie sieht dein Mann das? Vermisst er ein großen Freundeskreis?

Mein Mann ist Einzelkind und eher Einzelgänger von Natur aus. Er hat kaum/keine Freunde. Er hatte schon mal Freunde, klar, aber durch Umzug (seins und der Freunde) besteht kein Kontakt mehr. Er ist keiner, der Kontakt hält. Er vermisst aber auch keine (oder sagt das zumindestens) und ist einfach glücklich, wenn zu seinen Geburtstag usw er mit uns Zeit verbringt und ab und zu nach der Arbeit mit Kollegen was unternimmt. Das scheint ihn zu reichen. Er kennt ein paar Väter über unseren Kind, aber er unternimmt privat nix mit Ihnen, nur bei den Kinderveranstaltungen unterhält er sich mit denen. Er mag die ja auch, aber das wars. Ich glaube, er hat einfach ein Bedürfnis nach Freundschaften irgendwie oder ist einfach überfordert mit so was? Ich bin nicht der sozialster Mensch, aber in Vergleich zu meinen Mann schon.

Vielleicht ist dein Mann auch so? Wenn nicht, würde ich tatsächlich auch mal versuchen, seine Wünsche zu erfüllen. Ich meine, ihr wart jetzt einige Jahren „bei Dir“, vielleicht ist es Zeit, dass er „dran ist“?

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Vor allem- nicht jeder ist eine "rampensau"

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Danke für deine Antwort.
Dass es um seine Herkunft geht, halte ich für ausgeschlossen. Es haben sich auch alle sehr über unsere Hochzeit gefreut - ehrliche Freude.
Mein Mann hatte auch bei sich zu Hause keinen allzu großen Freundeskreis und ist, wie dein Mann, auch eher ein Einzelgänger. Es ist nicht so, dass er immer dabei sein will, aber ausgeschlossen werden ist halt auch kein schönes Gefühl.

Ein Umzug war schon mal Thema, aber das möchte mein Mann nicht. Die Kontakte bei sich zuhause sind eingeschlafen und er hätte keinen Anschluss mehr. Im Sommer waren wir mehrere Wochen bei seinen Eltern und diese vermisst er zwar, sagt aber auch, dass er sich dort nicht mehr zuhause fühlt. Abgesehen davon spricht es auch gegen einen Umzug, dass ich einen unkündbaren Job habe, der uns als Familie absichert. Das hätten wir bei ihm nicht und mit zwei kleinen Kindern ist das ein enormes Risiko. Auch ist die Lebensqualität hier für unsere Kinder um einiges höher.

Darf ich fragen inwieweit deine Schwiegereltern dich deiner Herkunft wegen ablehnen? Das tut mir sehr leid und ist kein schönes Gefühl.

Alles Liebe

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Was spricht dein Mann für Sprache?
Kann er sich auf Deutsch gut verständigen und dem Gespräch laufend folgen?

Vielleicht ist es die Sprachbarriere. Das wird mega unterschätzt.

Viele sind einfach bequem, wollen zB nicht Englisch sprechen. Ist ihnen einfach zu anstrengend, wollen sich die Mühe nicht geben.

Gibt es bei uns oft am Arbeitsplatz.
Und dabei ist Englisch hier zu 75% Arbeitssprache und alle Kollegen können es nachgewiesenermaßen wirklich absolut fließend auf hohem Niveau, da dies unabdingbare Einstellungsvoraussetzung ist.

Wenn ich in gemischter Runde in die Kantine gehen möchte (inklusive Amerikaner), da springen mir deutsche Kollegen oft ab.
Begründung: Ich mittags relaxen und nicht auch noch Englisch sprechen müssen.

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Mein Mann spricht Spanisch. Zuhause unterhalten wir uns meistens auf Englisch. Er kann im Großen und Ganzen jeder Unterhaltung auf Deutsch folgen, aber wir sind hier alles Dialektsprecher und wenn mein Schwager mal wirklich loslegt, kommt mein Mann nur noch schwer mit.
Aber in meiner Familie wird auch von allen fließend Englisch gesprochen. Am Anfang haben sich auch alle immer Mühe gegeben langsamer zu sprechen, aber mittlerweile ist das eigentlich gar nicht mehr nötig. Nur manchmal muss mein Mann nachfragen weil das Gesprächsthema zu sehr ins Detail geht oder wenn jemand wirklich tiefsten Dialekt im Akkord spricht ;)

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Ich kenne das mit der Sprache sehr gut (selber aus 2 sprachige Familie in den USA und jetzt ein deutscher Mann) und ich würde drauf wetten, dass es an der Sprache liegt.

Wahrscheinlich finden Sie dein Mann auch sehr nett, sind aber zu faul in der Gruppe auf englisch zu wechseln. Das passiert ständig, ohne das man es merkt.

Die einzige Lösung ist da leider für dein Mann üben üben üben.

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Hallo.

Das klingt nicht danach, als ob euch in eurer "Heimat" noch großartig was halten würde.
Vielleicht wäre JETZT der Zeitpunkt in seine Heimat zu ziehen?

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Das war zwar schon Thema, aber kommt auch für meinen Mann nicht in Frage. (Habe oben schon mal geantwortet warum)

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Leid tun ist das schlechteste was man machen kann.ihr hockt Zuhause und wartet darauf dass ihr eingeladen werdet.warum? Darf ich fragen was für ein Landsmann dein Mann ist? Und ein liebes happy birthday am ihn

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Das kam vielleicht falsch rüber. Wir sind eigentlich gar keine Stubenhocker. Ich habe zumindest viele Freunde und binde meinen Mann immer ein. Es ist auch nicht so, dass wir auf eine Einladung warten, es fällt nur auf, dass meine Schwester und mein Schwager ständig das Haus voll haben und uns nie jemand Bescheid gibt (gemeinsamer Freundeskreis).
Es gibt natürlich Freunde, wo der Kontakt abgebrochen ist. Wir haben zwar mehrmals eingeladen, aber ohne Reaktion. Das erkläre ich mir allerdings damit, dass wir im (ehemaligen) Freundeskreis die einzigen mit Kindern sind und sich dadurch einfach etwas geändert hat.

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Ach und Danke für die Wünsche!

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Hallo,
dein Mann wirkt in seinem Verhalten recht passiv. Du musstest ihn zu dem Kurs überreden, ihr wartet auf Einladungen, er bekommt nicht mit, dass der Kurs wieder stattfindet... In deiner Beschreibung vermisse ich ein wenig die Eigeninitiative und vielleicht wirkt es auf andere so, als hätte er kein Bedürfnis nach engerem Kontakt oder allgemein Lust, etwas mit den anderen zu unternehmen, weil von ihm selten etwas kommt?

Macht ihr denn Vorschläge, was ihr mal mit Freunden und Familie unternehmen möchtet? Schlagt ihr Kurse/Veranstaltungen vor, die gemeinsam ausprobiert werden können? Ladet ihr gerne ein (abseits der Klassiker wie Geburtstag usw.)? Macht dein Mann das, also sucht er den Kontakt ganz aktiv?
Das konnte ich deinem Text nicht entnehmen.

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Da hast du sicherlich recht. Mein Mann ist definitiv eher der passive Part. Ich hingegen bin sehr aktiv und versuche immer meinen Mann auch einzubinden.
Mein Mann war noch nie der Typ Mann, der sich wöchentlich mit Freunden trifft, auch nicht bei sich zu Hause. Aber er versteckt sich auch nicht vor Gesellschaft.
Ja, wir laden immer wieder mal ein. Zum Kaffee zu uns, zum Wandern, Freizeitaktivitäten für/mit den Kindern, Kino.. alles eigentlich. Meine Mama und Schwester sind beide voll berufstätig und haben auch andere Verpflichtungen. Vielleicht fällt mir das aber gerade jetzt mehr auf weil ich noch in Elternzeit bin und mein Mann aktuell nur drei Tage die Woche arbeitet? Vielleicht habe ich durch unser erhöhtes Maß an Freizeit auch einfach das Gefühl, dass nie jemand Zeit hat - verständlich wenn man arbeiten muss.. 🤷🏽‍♀️

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Ich habe viele spanische Freunde hier in DE und habe eine Zeitlang auch dort gewohnt. Das soziale Leben in Deutschland (zumindestens hier in der Grossstadt) spielt sich ganz anders ab als in Spanien. DAS haben viele Freunde von uns hier vermisst. Klar ist jeder anders, aber in allgemeinen findet das Leben draußen statt für die Spanier und das fehlt vielen hier. Die Spontanität, das zwanglose Zusammensein. Das ist ganz anders hier. Vielleicht kommt dein Mann mit den „organisierten“ sozialen Leben hier nicht sooo klar, plus die Sprachbarrieren.

Gibt es die Möglichkeit, euch mit anderen deutsch-spanischen Familien anzufreunden? zB über familienzentren, Konsulat (oft kann man eine „Meldung am schwarzen Brett“ dort machen, Instituto Cervantes, Kirche, Facebook Gruppen oder oder oder? Vielleicht würde ihn helfen, Leute von zu Hause kennenzulernen, eigene Freunde, die für alle neu sind und nicht „deine freunde“, die quasi ihn nur aufnehmen, weil er zu Dir gehört?

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Mein erster Gedanke war, dass deine Familie vielleicht nicht so begeistert ist, dass er nicht richtig arbeitet und du die Familie versorgen musst. Ist zwar heutzutage Blödsinn in einer gleichberechtigten Partnerschaft aber in manchen Köpfen ist die Denkweise doch noch verankert. Und wenn dann noch Thema wird, dass er keinen Anschluss findet und keinen guten Job kriegt, könnte deine Familie schon denken, dass er mehr tun könnte und ihn dann ausschließen weil sie nicht gut auf ihn zu sprechen sind. Nur mal so ne Idee...

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Dieser Gedanke kam mir auch schon :(

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Darf ich fragen, wo ihr lebt?

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