ADHS - Schule - Medikamente

Guten Tag Herr Streif,

unser Sohn , 13 Jahre hat ADHS. Diagnostiziert wurde es im Alter von ca. 9 Jahren in der Kinderklinik in Maulbronn.

Allerdings war es mir als Mutter, schon ab einem Alter von 4 Jahren bewußt, daß irgendetwas nicht in Ordnung ist.

Raphael lebt in geregelten Verhältnissen, Vater berufstätig, Mutter zuhause bei den Kindern, er hat noch eine Schwester mit 8 Jahren.

Raphael zeigte schon sehr früh ein sehr stark impulsives Verhalten , Aggressionen gehören zur Tagesordnung. Er kann sich sehr schlecht konzentrieren

in der Schule, redet ständig und ist stark abgelenkt, und hört nicht auf zu disskutieren, stundelang und am allerwenigsten hält er sich an irgendwelche Regeln , da flippt

er total aus wird auch und gegenüber schon mal handgreiflich.

In der Schule wurde er den Lehrern gegenüber bisher niemels frech , eigentlich sogar eher normal bis höflich. Seine Noten sind gut wenn ich immer hinterher bin

unde mit ihm lerne bei einem Schnitt von 2,0. Von alleine lernt er jedoch nicht freiwillig . Er ist in der Realschule.

Diagnostiziert wurde auch ein stark ausgeprägtes opportunistisches Verhalten, das es uns als Eltern sehr schwer macht, überhaupt noch mit ihm klarzukommen.

Sein Verhalten hat sich nun im Rahmen der Pubertät für uns so massiv verschlimmert, daß wir nun Hilfe vom Jungendamt haben, trotzdem daran denken

daß es für alle Beteiligten das Beste wäre,wenn er in einem Internat leben würde.

Der häusliche Familienfrieden ist so stark dadurch gestört, daß für uns alle kein normales Leben möglich ist. Ich kann z.Bsp. nicht arbeiten, da ich ihn nicht

alleine lassen kann. Seine Schwester, die sehr ruhig und auch sehr lieb ist, zeigt auch schon große Probleme durch ihn. Mein Mann und ich streiten abends nur

noch , da jeden Abend extrem Streit in der Familie vorherrscht und er total austickt, wenn seine Medis nachlassen.

Unsere wichtigste Frage ist zum Medikament. Wir kommen da nicht richtig weiter. Angefangen hat er mit Medikinet als er 9 Jahre war. Mit 5mg gesteigert bis 20 mg.

Es hat am Anfang super gewirkt, er war ruhig , lieb, und seine Konzentration war sehr gut. Aber er konnte von Anfang an nicht mehr richtig einschlafen und war abends

mehrere Stunden wach. Auch Kopf- ab und zu Bauchschmerzen und starke Appetitlosigkeit, welche er allerdings meist abend ausgeglichen hat.

Das mit dem Schlafen war ein zu großes Problem, daß wir zu Equasym gewechselt haben auch bis 20 mg.

Dieses Medikament hat von Anfang an nicht richtig gewirkt. Haben es trotzdem lange Probiert, ergebnislos. Auch von der Schule kam Rückmeldung über schlechte

Konzentration.

Dazu kommt daß er bei wirklich allen Medis, wenn diese nachlassen total austickt und durchdreht abends.

Dazu muß man noch sagen, daß beide nur bis mittags gewirkt haben, wenn ich ihm zum Mittagessesn dann nur 2,5 oder 5mg gegeben habe war er als bis

nachts wach. Ansonsten hat er garkeine Schlafprobleme, nein er schläft sonst meist innerhalb von 10 Minuten ein ohne Medikament.

Also haben wir nochmals gewechselt, er darf aber nicht alles nehmen da er Zöliakie hat, also muß es glutenfrei sein. Dann hatten wir bis jetzt ein tolles

Präperat und zwar Ritalin LA 20 mg. Das mit dem Schlafen war nach wie vor ein Problem, aber es hat sonst relativ gut gewirkt ,mit wenig Nebenwirkungen und

das bis nachmittags. Im Frühjahr diesen Jahres bemerkten wir dann auch , daß es nicht mehr richtig wirkt. Auch von der Lehrerin kam mehrmals Rückmeldung,

was mit ihm los sei, er kann sich schlecht konzentrieren und redet nur. Er selbst hat es auch gemerkt, hat auch wieder normal gegessen tagsüber.

Später kamen sogar wie eine Art Depression dazu, auf einmal war er ganz in sich gekehrt ist in der Schule täglich eingeschlafen , ganz seltsam.

Dann haben wir nach Absprache mit dem Kinderarzt im Sommer bis September die Dosis auf 25mg erhöht. Es hat immer noch nicht den gewünschten Erfolg gezeigt,

ständig hat die Lehrerin angerufen, er konnte trotzdem nicht schlafen.

Seit Montag dieser Woche bekommt er nun ein Medikament das 13 Stunden wirken soll und zwar, Elvanse 30mg , die niedrigste Dosis des Medis.

Er ißt nun überhaupt nicht mehr, auch abens sehr wenig und konnte 3 Nächt nicht einschlafen, log mehrere Stunden wach. Er ist sowieso sehr schlank, das heißt

bei einer Größe von 1,64 cm wiegt er 41 kg.

Die Lehrerin und dauch er selbst sagen er kann sich wieder richtig gut konzentrieren. Allerding merken wir, daß die Dosis zu niedrig ist.

Sein Verhalten hat sich nicht sehr verbessert.

Er bekommt es unter der Woche um 7.00, am Wochenende schläft er aus, dann erst um ca 9.00 Uhr.

Natürlich werden wir es noch weiter ausprobieren. Aber das mit dem Schlafen ist natürlich ein Riesenproblem, wenn er die ganze Familie bis Nachts auf Trab hält,

da mein Mann um 5.00 Uhr austehen muß, und Raphael dann natürlich morgens auch nicht aus dem Bett kommt.

Unser Kinderarzt meint allerdings, daß er bei anderen Kindern die mit Medis gegen ADHS behandelt werden , keine Rückmeldung wegen Schlafproblemen erhält.

Allerdings habe ich auch von anderen Familien gehört, daß dies ein recht großes Problem zu sein scheint.

Wie sind Ihre Erfahrungswerte speziell mit der Einschafproblematik und daß die Kinder wenn die Wirkung nachläßt , sich erst recht nicht mehr unter Kontrolle haben?

Hätten Sie uns einen Alternativvorschlag in Bezug auf die Medis zu machen ?

Kann es auch an der Pubertät liegen, daß das Ritalin LA auf einmal nicht mehr richtig gewirkt hat?

Haben Sie auch Erfahrungswerte mit Kindern , wo die eingenommenen Medis auf einmal nicht mehr gewirkt haben und welche Erklärung gibt es dafür?

Mir würden sicher noch viele Fragen einfallen, aber ich denke das ist genug fürs Erste.

Auf Ihre Rückantwort freuen wir uns sehr.

Mit freundlichen Grüßen

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Hallo fleckiflocki,

das sind eine lange Geschichte und eine dezidierte Frage, die ich, zumal als Psychologe, an dieser Stelle nur eingeschränkt beantwortet kann und will. Ich gehe davon aus, dass Diagnose und Therapie bislang nach bestem Wissen erfolgten. Dennoch lässt es sich nicht vermeiden, dass Substanzen, die auf 95 Prozent der Patienten in einer gewünschten Weise wirken, bei 5 Prozent ein schlechteres Profil aus Wirkungen und Nebenwirkungen zeigen. Auch können sich Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten durch Veränderungen im Stoffwechsel, die gerade in Übergangsphasen wie z.B. im Rahmen des Erwachsenwerdens sehr ausgeprägt sind, in ihrem Erscheinungsbild erheblich verändern.

Ihre Beobachtung, dass sich die Wirkung der Medikation im Rahmen der Pubertät Ihres Sohnes verschlechtert habe, könnte daher einen realen Zusammenhang abbilden. Hier ist weniger bisweilen mehr – nicht nur, da sich manche physiologischen Prozesse im Jugend- und Erwachsenenalter verlangsamen, sondern auch, um den (ADHS-)Betroffenen die Möglichkeit zu geben, den eigenen Wandel auf eine von ihnen selbst gewünschte Weise zu erleben. Ich halte es für wichtig, einen Jugendlichen mit ausgeprägter ADHS-Symptomatik, die in der Vergangenheit erfolgreich medikamentös behandelt wurde, auf die Risiken des Absetzens für das Lernen sowie die sozialen Beziehungen hinzuweisen. Einen heftigen Streit über die Medikation würde ich mit einem Pubertierenden jedoch nicht führen, da Trotz und Protest den Gewinn an Selbststeuerungsvermögen durch die Medikation häufig aufzehren.

Zu den Effekten der in der Behandlung der ADHS gebräuchlichsten Substanz „Methylphenidat“ (MPH), die in den Präparaten Ritalin, Medikinet, Equasym, Concerta sowie weiteren Medikamenten enthalten ist, gehört die anregende Wirkung auf das vegetative Nervensystem. Diese führt dazu, dass die meisten Menschen die Einnahme des MPH als anregend, aktivierend und wachmachend erleben. Bisweilen ist diese Wirkung so ausgeprägt, dass sie den Wach-Schlaf-Rhythmus in einem Maße beeinflusst, der die positiven Effekte auf die Selbststeuerung durch die Symptome einer manifesten Schlafstörung zunichte macht.

Gelegentlich empfehlen Ärzte in einem solchen Fall, die unerwünschten Nebenwirkungen mit einem weiteren Medikament zu bekämpfen, um auf die positive Wirkung des MPH nicht verzichten zu müssen. Wie sinnvoll das ist, müssen im Einzelfall die in die Behandlung involvierten Fachleute mit Eltern und Kindern eingehend erörtern. Ich selbst kann an dieser Stelle nur einige Tipps zur Gestaltung der Einschlafsituation wiederholen, die ich bereits an anderer Stelle in diesem Forum gepostet habe. Diese beziehen sich in Teilen auf jüngere Kinder, sind jedoch häufig auch mit Jugendlichen umsetzbar, wenn man diesen die Sinnhaftigkeit im Hinblick auf die eigenen Schlafprobleme verdeutlicht:

- Ein ruhiges, dunkles und kühles (nicht kaltes) Schlafzimmer mit Frischluft; es sollten keine Lichter und Geräusche von technischen Geräten am Einschlafen hindern.
- Auch Jugendliche sollten sich am Nachmittag im Freuen bewegen, Radfahren, Sport treiben, am besten noch einmal vor dem Abendessen auspowern.
- Obschon man einen Jugendlichen nicht mehr so leicht wie jüngere Kinder in ein festes Abendritual einbinden kann, macht es dich Sinn, ein solches so lange wie möglich aufrecht zu erhalten: ein ausgedehntes gemeinsames Abendessen mit Unterhaltung, ohne Fernseher und Radio; danach noch eine ruhige gemeinsame Aktivität, ein Spiel, Lesen, vielleicht auch ein guten Film anschauen (keine Action); Umziehen und Zähneputzen eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen, gewissermaßen als Einstimmung auf das Einschlafen; Lesen oder Vorlesen, da selbst Jugendliche oft noch schätzen, wenn man an ihrem Bett sitzt.
- Auch bei Jugendlichen und Erwachsenen, insbesondere mit Einschlafstörung, ist es sinnvoll, wochentags wie an dem Wochenenden stets zur selben Zeit ins Bett zu gehen, damit der Körper sich auf einen festen Rhythmus einstellen kann; Ausschlafen sollte dementsprechend vermieden werden, da es den Wach-Schlaf-Rhythmus wieder nach hinten verschiebt.
- Nicht zuletzt macht es Sinn, den Medienkonsum zu begrenzen und zumindest zwei Stunden vor dem Zubettgehen abzustellen; keine Musik, Hörspiele etc. zum Einschlafen, sondern Lesen, im Zweifelsfall so lange, bis der Jugendliche selbst merkt, dass er müde ist.

In manchen Familien hindern bisweilen auch die vielen Konflikte, die mit einem ständigen Stress für die ohnehin leicht zu erregenden ADHS-Betroffenen einhergehen, eine Beruhigung der Familiensituation, nicht zuletzt der betroffenen Kinder am Abend. In solchen Situationen, in denen lauter Streit und permanente Machtkämpfe den Familienalltag bestimmen, kann es tatsächlich sinnvoll sein, durch ein Internat, in extremen Fällen auch eine geeignete Heimeinrichtung die familiäre Gemeinschaft zu entzerren und damit die Konflikte zu reduzieren. Manchmal trägt eine solche Entzerrung und Befriedung auch zu einer Entspannung von Problemen wie den beschriebenen Einschlafstörungen bei.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Elterncoach des ADHS Deutschland e.V. hinweisen, den der Verband in Zusammenarbeit mit einer Krankenkassen entwickelte: http://www.adhs-deutschland.de/Home/Unser-Angebot/elternCoach.aspx. In ihm ist neben Klauen und Lügen, Medienkonsum, Zerstörung fremden Eigentums, Hausaufgaben und Geschwisterstreit auch das Zubettgehen ein Thema.

Ich hoffe, die Angaben helfen Ihnen ein bisschen weiter. Ihnen, Ihrem Sohn und Ihrer Familie alles Gute,

Johannes Streif

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