Umgang mit ADHS in der Schule

Sehr geehrter Herr Dr. Streif,
können Sie für Kinder mit ADHS schallmodulierte Musik empfehlen? Sind Ballkissen eine Hilfe? Welches Aufmerksamkeitstraining können Sie empfehlen? Wie kann man Eltern ermutigen, die ärztlich angeratene medikamentöse Behandlung zu beginnen?
Für Ihre Antworten danke ich im Voraus.
Ventilatorin

Hallo ventilatorin,

ehrlich gesagt sehe ich viele heutige Angebote zur Behandlung der ADHS als sogenannte Psychotechniken. Das sind Verfahren, die mit neurophysiologischem Anspruch eine hilfreiche Beeinflussung basaler neuronaler Prozesse behaupten. Die wissenschaftliche Befundlage zu diesen Verfahren ist meist dünn; wo sie besser ist, bleibt als Befund nicht selten eine kritische Distanz: ausbaufähiger Ansatz, doch aktuell als Verfahren weder systematisch hilfreich noch in der Kosten-Nutzen-Relation angemessen.

Verschiedene grundsätzliche Erwägungen rechtfertigen eine solche kritische Distanz zu Methoden wie der „schallmodulierten Musik“, ohne an dieser Stelle über genau dieses Verfahren im Besonderen richten zu wollen:

Die Entwicklung des menschlichen Gehirns ist ein trotz hochvariabler individueller Anlagen und Umweltbedingungen unfassbar stabiler Prozess, der einem einzigen Ziel zustrebt: einen Zentralrechner zu bilden, der menschliches Leben unter den widrigsten Umständen erlaubt. Dazu hat die Evolution einen individuellen Entwicklungsprozess hervorgebracht, der die Hürden und Mängel, Prägungen und Traumata raffiniert verarbeitet, nutzt oder ausgleicht.

In diesem Prozess ist das Gehirn stets offen für Einwirkungen, die der gegenwärtigen Umwelt des Menschen entsprechen, wie er sie zuvor erlebte und das Gehirn sie auch für die Zukunft gewissermaßen erwartet. Daher helfen nachgerade Therapien, welche basale Leistungen wie auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfunktionen betreffen, besonders gut, wenn das Gehirn momentan mit der Ausbildung dieser Funktionen befasst ist. So muss der Gleichgewichtssinn im zweiten und dritten Lebensjahr v.a. mit der visuellen Wahrnehmung, der Propriozeption (der Eigenwahrnehmung des Körpers zu seiner Lage im Raum) sowie der Motorik koordiniert werden. In dieser Zeit mit Kindern das freie Laufen, das Gehen auf dem Bordstein, das Treppensteigen, Hüpfen etc. zu üben, hilft dem grundsätzlichen Erlernen einer sicheren Bewegung im Raum.

Ist das Kind jedoch bereits 5 Jahre alt und soll Radfahren lernen, hat dabei allerdings Probleme mit dem Gleichgewicht, helfen solche grundlegenden Übungen nurmehr eingeschränkt. Jetzt ist das Gehirn in einer anderen Entwicklungsphase. Es profitiert von den Gleichgewichtsübungen v.a. im Kontext der jeweils geübten Aufgabe, jedoch kaum mehr als Grundlage für die neuen, komplexeren Bewegungsabläufe, die nun zu erlernen sind. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von „Entwicklungsfenstern“, Zeiten in der Reifung des Gehirns, die bestimmte Strukturen und die von ihnen vollbrachten Funktionen besonders empfänglich für Einwirkungen der Umwelt und damit lernfähig machen. Nach diesen Zeiten kann das Gehirn freilich dennoch Aufgaben bewältigen, die zu bewältigen es bereits früher hätte lernen sollen, doch es löst diese Aufgaben nun anders, eben auf Grundlage der Strukturen, die sich bereits gebildet und verfestigt haben.

Im Hinblick auf Ihre Frage zur „schallmodulierten Musik“, aber auch zu anderen Verfahren wie die „Tomatis-Methode“, die quasi auf eine nachträglich heilsame Erfahrung zum Erwerb von Basisfunktion des Gehirns abzielen, bin ich daher der Meinung, dass diese im Einzelfall durchaus erprobt werden können, hat man die Zeit und Ressourcen dazu. Sie sollten jedoch – nicht zuletzt in der Behandlung einer akuten ADHS-Symptomatik, welche das Kind in Familie und Schule erheblich belastet – nicht vorgängig erwogen und alternativ zu bewährten Heilverfahren angewandt werden. Sonst besteht das Risiko, mit viel Zeit und Aufwand eine Therapie zu verfolgen, die im Endeffekt wenig bringt und wertvolle Zeit verstreichen lässt, die im Kontext weiterer Entwicklungsaufgaben von Kindern sinnvoller einzusetzen gewesen wäre.

Selbst als Entspannungsverfahren stehe ich den meisten Psychotechniken kritisch gegenüber. Mit dem Entspannungskurs für Kinder ist es wie mit dem Abenteuerspielplatz: sinnvoll nur, wenn der Alltag ansonsten weder Raum zur Entspannung noch für Abenteuer lässt. Besser ist es, Zeiten und Räume im Alltag zu definieren, in denen Ruhe und Zärtlichkeit im Körperkontakt dominieren. Barockmusik, Kirchenmusik der Romantik oder mein Lieblingsentspannungsstück „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt (findet man leicht u.a. auf Youtube) sind ein von Haus aus perfekt modulierter Hörgenuss, der beruhigt und die Sinne fokussiert, zum genauen Hören und Wahrnehmen anregt. Unsere Natur und Kultur sind voll von erprobten Mitteln, sich zu entspannen und zu konzentrieren, da braucht es nicht ständig irgendwelche neuen Techniken.

Nämliches gilt für Ballkissen oder andere Formen von Therapiekissen, mit Bällen gefüllte Decken und weitere physiotherapeutische oder ergotherapeutische Hilfsmittel: Sie mögen für dezidierte Anwendungen, die v.a. auf die Körperempfindung abzielen, hilfreich sein – eine Alternative für bei ADHS bewährte Therapieformen wie verhaltenstherapeutische Ansätze (mit Fokus auf spezifische Aufgaben), Psychomotorik und eingeschränkt auch Neurofeedback, um drei wichtige Bereiche zu nennen, ist die Arbeit mit solchen Hilfsmittel nicht.

Unter den Aufmerksamkeitstrainings oder Trainingsprogrammen für die Symptomatik der ADHS insgesamt gibt es inzwischen einige, die wissenschaftlich evaluiert sind. Sie alle manualisieren Alltagstechniken zur Übung der Aufmerksamkeitssteuerung, machen also zur Therapie, wozu Kinder, nachgerade auch Kinder mit ADHS, im Alltag permanent angeleitet werden sollten. Ich will daher keine spezifischen Trainings auf dem Markt mit ihren Vor- und Nachteilen benennen, sondern einige Tipps geben, wie Sie selbst mit Ihrem Kind dessen Aufmerksamkeit trainieren bzw. auch gute Voraussetzungen für eine natürliche Ausbildung der Aufmerksamkeitsleistung schaffen können:

- So gut es geht (wenn es nicht schon zu spät ist): kein Fernsehen vor dem 6. Lebensjahr; möglichst wenig Umgang mit audiovisuellen Medien; möglichst wenig Computer-, Konsolen- und Handyspiele; keine permanente Hörbuch- bzw. Hörspielbeschallung, kein Radio etc. während des Essens sowie während Unterhaltungen
- Spiele, welche das genaue Hinhören und Hinsehen fördern; Singen und Tanzen; durch Hören und Sehen gesteuerte Bewegung; Bewegungsspiele, die auf die Interaktion der Teilnehmer abzielen
- Auswendiglernen von Liedern und Gedichten; gemeinsames Lesen und Vorlesen; nach dem Hören von Texten und Anschauen von Filmen darüber sprechen, die Erinnerung stimulieren; nicht alles aufschreiben, sondern das Merken üben
- Rätsel mit Aufgaben, welche die Aufmerksamkeit auf Details lenken: der Vergleich von Bildern (besonders sinnvoll, wenn man die beiden Bilder Rücken an Rücken aufeinander klebt, sodass das Blatt stets umgedreht werden muss, da dies u.a. das Arbeitsgedächtnis trainiert), Mustererkennung (ein Symbol passt nicht in diese Reihe), Suchsel (Wörter in Buchstabenmatrix), etc.

- Mitnehmen der Kinder in die Natur und ins Museum, um Details zu beobachten; Besuch von Theater und Konzerten, um das Hinsehen und Hinhören zu üben, ohne Ablenkung und Rückspulknopf; Zeichnen und Malen; Musikunterricht und Mitgliedschaft in Chor oder Orchester
- Und nicht zuletzt: immer wieder am Tag kurze Zeiten der Gemeinschaft mit dem Kind, in denen nicht geredet, nicht gespielt, nicht getobt wird, und sei es jeweils nur für eine Minute

Ihnen werden selbst zahlreiche Zeiten und Orte einfallen, wann und wo Sie die Aufmerksamkeit Ihres Kindes trainieren können. Aufmerksamkeit ist als Leistung unseres Gehirns keine gottgegebene Fähigkeit, sondern eine zu erlernende adaptive Fertigkeit. ADHS-Betroffene tun sich mit dem Erwerb dieser Kulturtechnik des differenzierenden Sehens, Hörens und Merkens schwerer als nicht von der ADHS betroffene Menschen. Dennoch – oder besser: gerade deshalb! – können und müssen sie die Beherrschung ihrer Aufmerksamkeit üben und lernen.

Was den letzten Teil Ihrer Frage anbelangt: Es gibt eine schier unüberschaubare Zahl von Büchern, Artikeln und Internetkommentaren über die ADHS und ihre Behandlung, nicht zuletzt über die Medikation. Wer will, kann sich leichthin umfangreich informieren, auch auf den Seiten des ADHS Deutschland e.V. unter www.adhs-deutschland.de. Die medikamentöse Behandlung der ADHS, die bisweilen nötig ist, bisweilen zu leichtfertig eingesetzt wird, bedarf meiner Meinung nach keiner Überzeugungsarbeit. Wer erlebt hat, wie hilfreich sie bei ausgeprägter ADHS-Symptomatik sein kann, wird mit Hilfe eines qualifizierten Arztes abzuwägen wissen zwischen dem Gewinn an Lebensqualität für das betroffene Kind einerseits sowie den Risiken und Nebenwirkungen andererseits.

Viele Grüße,
Johannes Streif

Hallo Ventilatorin,

ich finde die Idee mit der schallmodulierten Musik eine ganz gute. Generell würde ich aber eher meinen, dass den Kindern Sport - in welcher Form auch immer - noch ein Stück weit mehr helfen kann.

Auf http://www.gesundheits-guide.at/gesundheitslexikon/1453/ habe ich erst unlängst einen sehr interessanten Artikel gelesen, der sich genau mit diesem Thema beschäftigt hat.

In meiner Familie gibt es auch zwei Kinder mit ADHS und die sind wesentlich ausgeglichener, seit sie viermal die Woche Sport machen können.

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