Scheinschwangerschaft: Symptome können täuschend echt sein

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Seit eine Schwangerschaft per Urintest und Ultraschall schon recht früh festgestellt werden kann, tritt sie selten auf: die sogenannte Scheinschwangerschaft (Pseudocyesis oder Graviditas imaginata). Dennoch kommt sie immer wieder einmal vor. Wenn eine Frau schwangerschaftstypische Veränderungen an sich beobachtet, kann es manchmal schwer für sie sein zu akzeptieren, dass trotz aller Anzeichen kein Baby in ihr heranwächst. Schließlich scheint alles zu stimmen: Die Periode bleibt aus. Sie leidet unter typischen Symptomen einer Schwangerschaft wie Übelkeit oder Erbrechen, hat ungewohnte Essgelüste, die Brüste schwellen an und der Bauch wird runder. In manchen Fällen schießt sogar Vormilch (Kolostrum) in die Brust ein, die Gebärmutter wächst etwas oder die Betroffene glaubt, Bewegungen des Kindes im Bauch zu spüren. Der Körper sagt: Du wirst Mutter.

Kann jeder eine Scheinschwangerschaft entwickeln?

Dass eine Frau in eher fortgeschrittenem Alter betroffen ist, ist nicht untypisch. "Die psychologischen Hintergründe einer Scheinschwangerschaft sind in der Regel nachvollziehbar: ein starker, ja extremer, alles andere überlagernder und bisher unerfüllter Kinderwunsch, was sich besonders bei älteren Frauen zu finden scheint", erklärt Prof. Dr. med. Volker Faust, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie aus Ravensburg. Doch auch das Gegenteil gilt: Auch "eine schuldhaft verarbeitete Angst vor einer Schwangerschaft" kommt als Ursache in Frage, so Faust. Wie so oft in der Psychologie gilt: Beides, der unerfüllte Kinderwunsch wie auch die Angst vor einer Schwangerschaft müssen der Betroffenen nicht unbedingt bewusst sein, auch wenn dies manchmal der Fall ist:

 

"Seit zwei Monaten habe ich das Gefühl, dass ich schwanger bin. Ich hatte bei der Periode nur leichte Blutungen. Ich nehme die Pille, aber ich glaube, dass ich trotzdem schwanger bin. Die Symptome passen. Ich habe einen riesigen Bauch, mir ist immer heiß. Ich habe Fressattacken und ich bin dauernd müde. Ein Test war aber negativ. Meine Cousine ist gerade schwanger, und ich selbst hatte eigentlich auch schon eine zweite Schwangerschaft eingeplant. Aber aus finanziellen Gründen passt es momentan nicht. Ich denke langsam, ich bin verrückt. Ich glaube, mein Verstand sagt, 'ich will kein Kind', aber mein Unterbewusstsein will die Schwangerschaft schon!", beschreibt eine Frau ihre Gefühlslage.

 

Auch wenn der Kinderwunsch und das Muttersein heute viel stärker diskutiert und geplant werden, ist die Scheinschwangerschaft kein neues Phänomen. Tatsächlich kannte schon Hippokrates vor über 2.000 Jahren die eingebildete Schwangerschaft als psychosomatische Krankheit.

 

Ursachen der Scheinschwangerschaft: Wie entstehen die körperlichen Symptome?

Die Frage, was zuerst da war, die Symptome der Schwangerschaft oder die Überzeugung schwanger zu sein, ist wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. "Die Psyche interagiert ganz intensiv mit dem Körper", erklärt Frauenärztin Dr. Inge Reckel-Botzem aus Hainburg die Ursachen. Dieses intensive Zusammenspiel zwischen Körper und Psyche wie bei einer Scheinschwangerschaft sei gar nicht so ungewöhnlich.

Körperliche Veränderungen ähnlich wie bei einer Schwangerschaft können viele Ursachen haben:

  • körperliche Störungen wie Zysten (die zum Ausbleiben der Menstruationsblutung führen können) oder Fibrome (gutartige Geschwülste),
  • Fetteinlagerungen am Bauch
  • Bauchwassersucht durch bestimmte Erkrankungen,
  • Blähungen oder verstärkte Darmbewegungen

 

Umgekehrt können auch der Wunsch und die Überzeugung, schwanger zu sein, so stark auf das endokrine System (die Hormondrüsen) und damit auf den Zyklus wirken, dass es zu den typischen Symptomen kommt, wie etwa dem Ausbleiben der Periode, ungewohnten Gelüsten nach bestimmten Lebensmitteln oder Milchabsonderungen aus der Brust. In jedem Fall aber bleibt ein Schwangerschaftstest negativ, es wird kein HCG produziert, es wächst kein Baby heran.

Scheinschwangerschaft: Ein negativer Schwangerschaftstest überzeugt nicht immer

Die Behandlung einer Scheinschwangerschaft erscheint leicht: Ein negativer Schwangerschaftstest, ein Ultraschall beim Arzt, auf dem eine Gebärmutter ohne Kind darin zu sehen ist – sollte das nicht ausreichen, damit eine Frau einsieht, dass sie kein Baby erwartet, oder? Doch bei einer Scheinschwangerschaft kann das Loslassen zu einem großen und schweren Schritt werden. Das gilt besonders für Frauen, die sich schon sehr lang ein Kind wünschen. Manchmal wird sogar die Kompetenz der Ärzte in Frage gestellt.

Wie weit das Scheinschwangerschaft gehen kann, zeigt ein Beispiel aus Brasilien.

2013 wurde in der Nähe von Rio de Janeiro ein Notkaiserschnitt bei Frau durchgeführt, die angab, in der 41. Woche schwanger zu sein und kurz vor der Geburt zu stehen. Die Ärzte konnte keinen Herzschlag des Babys hören und ordneten deshalb einen Not-Kaiserschnitt an. Sie gingen davon aus, dass das Kind in Lebensgefahr schwebe. Erst auf dem OP-Tisch stellten sie fest, dass die Frau über ihre Schwangerschaft und die bevorstehende Geburt gelogen hatte. Sie war so fest überzeugt, ein Baby zu bekommen, dass sie sogar sämtliche Schwangerschaftstests verändert hatte. Ihrer Meinung nach mussten sie einfach falsch sein.

Sicher ein Extremfall, doch mit der Erkenntnis, nicht Mutter zu werden, haben viele Betroffene schwer zu kämpfen. "Die Symptome sagen eindeutig: Ich werde Mutter. Ich habe Unterleibs- und Rückenschmerzen. Einmal war es mir morgens so übel, dass ich mich beinahe übergeben hätte. Ich habe ständig Hunger, und es wird mir oft ganz flau. Ich hatte jetzt meine Regel, aber schwächer als sonst. Ich habe zwei Frühtests gemacht, aber die waren eindeutig negativ, ich bekomme kein Kind. Also habe ich beschlossen, es dabei auch endlich zu belassen. Mein Problem ist: Ich kann es nicht!", klagt eine andere Betroffene. "Aber das kann doch nicht so weitergehen! Ich fühle mich schwanger, ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich Alkohol trinke, ich finde meinen Busen größer, meine Blutung bleibt aus und mein Bauch wird dicker."

Wichtig zur Bewältigung der Scheinschwangerschaft: die Frage nach dem Warum

In manchen Fällen einer Scheinschwangerschaft braucht die Frau daher viel Zeit und vor allem Hilfe, damit sie wieder herausfindet aus der Verstrickung in den übermächtigen Gedanken und dem so dringlichen Kinderwunsch. Frauenärzte seien jedoch oft nicht dafür ausgebildet, hellhörig zu werden, wenn Patientinnen hier zusätzliche Hilfe bräuchten, beklagt Diplom-Psychologin Constanze Weigle aus Stuttgart. "Da müsste eine viel größere Kooperation zwischen Psychologen und Frauenärzten stattfinden." Oft aber würden betroffene Frauen gar nicht zu einer psychologischen Beratung weiterverwiesen. Dabei sei das unbedingt nötig. "Es wäre sehr sinnvoll, sich mit dem übersteigerten Kinderwunsch oder der Angst vor einer Schwangerschaft auseinanderzusetzen", so die Therapeutin. Manchmal aber sind es auch die Frauen, die eine psychologische Behandlung ablehnen, weil sie nicht als "verrückt" gelten wollen.

Scheinschwangerschaft: Peinlich ist die Aufklärung von Freunden oder Kollegen

Hilfe ist bei einer Scheinschwangerschaft ist aber auch aus einem anderen Grund wichtig. Auch wenn eine Frau irgendwann nicht nur mit dem Kopf, sondern sprichwörtlich auch mit dem Bauch akzeptiert, dass sie doch kein Baby erwartet, ist das Problem oft nicht gelöst. "Ich trage doch Schwangerschaftsklamotten. Und alle – die Kollegen bei der Arbeit, aber auch meine Verwandten und Bekannten – denken, dass ich bald Mutter werde", berichtet eine Frau. So geht es vielen. Sie wissen nicht, wie sie ihrer Umgebung beibringen sollen, dass sie nun doch kein Kind erwarten. Es ist für die Betroffenen peinlich, alle aufklären zu müssen und vielleicht als seltsam oder psychisch krank dazustehen, weil sie nur scheinschwanger waren und gar kein Kind erwarten. Auch hier kann eine Psychotherapie bei der Bewältigung der belastenden Situation helfen.

Scheinschwangerschaft bei Kinderwunsch und eingeschränkter Fruchtbarkeit

In den Foren rund um den Kinderwunsch im Internet wird oft noch ein anderes Phänomen als Scheinschwangerschaft bezeichnet, das aber nicht wirklich dazu gehört: das Entdecken vermeintlicher Anzeichen dafür, dass es mit dem Kinderwunsch endlich geklappt haben könnte.

"Ich bin heute acht Tage nach meinem Eisprung, die Periode ist bisher ausgeblieben und bilde mir schon wieder alles Mögliche ein: Mein Bauch zieht immer mal wieder und meine Brustwarzen sind manchmal ganz empfindlich. Dabei habe ich mir dieses Mal vorgenommen, mit einem Schwangerschaftstest bis nach dem Menstermin zu warten. Aber ich drehe bis dahin bestimmt am Rad und wünsche mir einfach nur, dass ich endlich Mutter werde", berichtet eine ungeduldige Userin und bittet um Tipps.

Diese frühen Symptome für eine Schwangerschaft haben, wenn sie nicht auf eine Schwangerschaft hindeuten, einen natürlichen Grund: Leichte Übelkeit, schwache Unterleibskrämpfe, veränderter Appetit, Müdigkeit, geschwollene Brüste oder empfindliche Brustwarzen sind häufige, hormonell bedingte Zipperlein der zweiten Zyklushälfte. Sie werden aber bei einem Kinderwunsch leicht fehlinterpretiert. Das starke Achten auf solche Signale verstärkt die Symptome noch (die man zudem während einer vielleicht langjährigen Pilleneinnahme nicht kannte, weil man da keinen normalen Zyklus und weniger ausgeprägte Symptome während der Menstruation hatte). Behandlungsbedürftig aber ist diese vorübergehende Selbsttäuschung nicht, denn sie verschwindet sofort mit Einsetzen der Blutung oder einem negativen Test.

"Scheinschwanger" bei Kinderwunsch

Windei ist keine Scheinschwangerschaft

Auch ein anderes Ereignis wird manchmal als "Scheinschwangerschaft" bezeichnet, muss aber von der echten, psychisch bedingten Form unterschieden werden: das "Windei". Hierbei entsteht nach Befruchtung einer Eizelle und deren Einnistung in der Gebärmutter zwar ein Keimbläschen, es findet sich aber darin kein Embryo. Trotzdem wird das Schwangerschaftshormon HCG produziert, weshalb echte Schwangerschaftssymptome auftreten und ein Test positiv ausfällt. Ein Kind wächst aber nicht heran. Das Windei hat keine psychischen Ursachen und endet früher oder später mit einer Fehlgeburt. Oder es wird schon vorher im Rahmen einer kleinen Operation ausgeschabt.