Ammenmärchen

Werden im Winter mehr Babys gezeugt?

Rund ums Kinderkriegen ranken sich viele (vermeintliche) Ammenmärchen, Mythen und Legenden. Eines davon ist, dass in den kuscheligen, kalten Herbst- und Wintermonaten mehr Babys gezeugt und deshalb im Sommer auch mehr Babys geboren werden. Stimmt das?

In der Tat!

Nimmt man die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, so kommen in den Monaten Juli, August und September die meisten Babys zur Welt - zumindest in Deutschland. Diese Babys müssen also zwischen Oktober und Dezember entstanden sein.  

Das ist allerdings erst seit Anfang der 1980er Jahre so. Davor kamen die meisten Kinder am Anfang des Jahres zur Welt.

Ein weltweites Phänomen? 

Nein! In manchen Ländern wie den USA, in Österreich, England und Wales sehen die Zahlen ganz ähnlich aus wie in Deutschland. In Nordirland oder Schottland werden die meisten Babys aber z.B. am Anfang des Jahres geboren. In Kanada im April und im Mai.

Warum werden in Deutschland im Herbst mehr Kinder gezeugt?

Die eine wissenschaftlich begründete Ursache gibt es nicht, dafür aber drei Theorien - und eine davon ist zumindest etwas erforscht:

Erklärung Nr. 1: Die Kuscheloffensive

Wenn es draußen ungemütlich wird, wird drinnen mehr gekuschelt. Das könnte die einfachste Erklärung sein - gerade der Advent ist da sehr verdächtig. Machen Menschen zum Fest der Liebe auch mehr Liebe? Schön wäre es schon, oder?

Was dagegen spricht: Hätte diese Theorie Gültigkeit, müsste das Geburtenhoch für alle Länder, in denen Weihnachten gefeiert wird  - oder es im kalten Winter kuschelig ist - im Sommer sein. Ist es aber nicht (siehe oben). Und auch diese Zahlen sprechen dagegen: Laut dem Rostocker Zentrum für demografischen Wandel kamen z.B. 2011 und 2012 nicht im September, sondern schon im August die meisten Kinder zur Welt. 2008 und 2009 war es sogar der Juli. 

Übrigens: Dass Ereignisse wie Stromausfälle (denen auch ein Kuschelfaktor zugeschrieben wird) neun Monate später zu einem klaren Geburtenhoch führen, ist nach statistischen Berechnungen ein Mythos.

Erklärung 2: Der Fruchtbarkeitskick durch Kälte

Wenn es draußen kühler wird, fühlen sich Eizellen und Spermien erst richtig wohl, die Empfängnisbereitschaft steigt. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass die Spermienqualität jahreszeitlich bedingt schwankt und in der kalten Jahreszeit besser ist, vermutlich weil die Brutstätten der Spermien, die Hoden, bei Wärme weniger gut funktionieren.

Was dagegen spricht: Ob die Temperatur allein die Fruchtbarkeit so steigert, dass Paaren nichts anderes übrig bleibt, als jegliche Verhütung über Bord zu werfen und schwanger zu werden, ist mehr als fraglich. Außerdem müsste man dann in heißen Ländern, z.B. in Äquatornähe, generell eine schlechtere Fertilität feststellen. Das ist aber nicht der Fall.

Erklärung 3: Die Sommerparty-Planung

Entscheidend für das herbstliche Empfängnisphänomen ist wohl schlicht die heutzutage generalstabsmäßige Planung eines Babys. Und Geburtstage in der warmen Jahreszeit sind eben einfach schöner.

Diese Planungstheorie wird (zumindest für die USA) von einer Studie der University of Notre Dame (Indiana) aus 2010 untermauert. Die besagt, dass sich die jahreszeitlichen Schwankungen zumindest zur Hälfte aus geplanten Wunschgeburten ergeben, nicht spontan aus ungeplanten Schwangerschaften. Dabei bestimmen sozio-kulturelle Faktoren wie Bildung und Einkommen die Geburtsmonate mit: Frauen aus besseren Einkommensverhältnissen würden vor allem Kinder für Sommergeburten planen. Frauen, die in Wintermonaten gebären, sind laut der Studie in der Regel jünger, weniger gebildet und eher unverheiratet.(Text: Kathrin Wittwer)

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