Mütter

Job, Mann, Kinder - aber keinen Führerschein

Mit Ende dreißig hatten Christina und Marie* eine ganze Menge: tolle Männer und Kinder, ein abgeschlossenes Studium und jahrelange Berufserfahrung. Aber eines hatten sie nicht: den Führerschein – den kleinen Lappen Freiheit, der sonst in fast jeder Handtasche steckt. In ihrem Hamburger Vorort lief das Leben auch ohne Auto gut, zumindest bis die Kinder kamen. Dann sorgten Windelpakete, Arzt- und Zoobesuche für täglichen Frust. Widerwillig und mit dem starken Gefühl, dass sie der Autofahrerei nicht gewachsen sind, meldeten sie sich bei einer Fahrschule an. Zwei Fahrschulen und drei Fahrlehrer hat Marie verschlissen, bevor sie nach siebzig Fahrstunden den Führerschein in der Hand hielt – naja, den Automatik-Führerschein. Christina hörte nach 70 Fahrstunden auf zu zählen, durchfuhr aber mit einem einzigen Fahrlehrer ihre Tour de force zum Führerschein. Doch auch danach blieb beiden das Gefühl von Überforderung und Angst am Steuer erhalten. Diese Angst kennt auch Ana. Sie hat zwar schon mit 18 Jahren den Führerschein gemacht, sich danach aber so gut wie gar nicht ins Auto getraut.

Angst vor dem Autofahren ist nicht selten. Das Auto stehen zu lassen und auf Bahn, Bus oder Rad umzusteigen, ist eine Möglichkeit, der Angst ein Schnippchen zu schlagen. Aber für Mütter ist das unpraktisch. Wenn kurz vor Ladenschluss die letzte Windel vollgepupt wird oder wenn es in Strömen regnet und Kindergarten oder Turnen drei Kilometer entfernt sind, ist das Auto ein Segen. Was also tun, wenn Mama Hasenfuß das Gaspedal nicht treten mag?

Die Angst im Griff oder im Griff der Angst: Christina und Marie

Christina und Marie sind mit ihrer Angst unterschiedlich umgegangen. Quiekende Aufregung und Erstaunen gepaart mit der Angst, die Kontrolle zu verlieren, begleiteten Christina bei ihrer ersten Fahrt alleine. „Das gibt es ja gar nicht. Ich fahre hier Auto!“, raste es die ganze Zeit durch ihren Kopf. Die Magengrube im Schleudergang war sie heilfroh, als sie schadlos an ihrem Ziel ankam. Mit den Wochen verlor das Angstmonster an Zentimetern und ist inzwischen auch nicht größer als die normalen leichten Unsicherheiten von anderen ungeübten Fahrern. „Bei Strecken, die ich nicht kenne, und auf der Autobahn werde ich nervös. Die Aufregung steigt vom Bauch ins Herz. Manchmal bete ich vorher und dann Krawums rein in den Verkehr“, sagt sie.

Marie ist da anders. Monate nach der Fahrprüfung saß sie zum ersten Mal in ihrem Citroën 1 mit ihrem Mann als Beifahrer. Ein Desaster – die Pause zwischen Führerschein und der ersten Fahrt danach war zu lang. Die alte Schlange Angst, die kurz vor der Prüfung fast verschwunden war, legte sich wieder um ihren Hals. Herzrasen und Stoßatmung wie im Kreißsaal. Hinter jedem Auto sah sie ein Kleinkind oder einen Jogger hervorspringen, sie hatte Angst die Vorfahrt zu nehmen, genauso wie sie Angst hatte, dass ihr die Vorfahrt genommen wird. Angst, Gas und Bremse zu verwechseln, Situationen falsch einzuschätzen. Ein Jahr lang probierte sie alle paar Wochen eine klitzeminikleine Tour mit ihrem Mann als Beifahrer und den beiden Kindern auf dem Rücksitz. „Mama kann nicht Autofahren“, bemerkte ihr vier Jahre alter Sohn mitleidig. Die Nerven lagen blank. Eine Entscheidung stand an: Den „Beklopptenstatus“ akzeptieren und das Auto verkaufen oder es irgendwie schaffen. Marie wollte es schaffen und googelte „Angst vor dem Autofahren“. Sie landete auf der Seite von Alexandra Bärike, einer Fahrlehrerin, die auch Psychologin ist und sich auf ängstliche Autofahrer spezialisiert hat. Bundesweit bringt die 42-Jährige Betroffene wieder auf Kurs.

Fahrtraining mit psychologischer Unterstürzung

„Sie sollten Horrorfilme machen. Sie haben eine sehr große Fantasie“, meinte Alexandra Bärike, nachdem Marie beim Fahren ihren Angstgedanken freien Lauf ließ. „Sie sind extrem sicherheitsbewusst und sehen Gefahren, wo andere gar nichts sehen. Sie könnten sich eigentlich auch als Sicherheitsbeauftragte in einem Kernkraftwerk bewerben.“ Marie grinste und dachte an die Milch auf dem Herd, die ihr einen Tag zuvor in einem unbedachten Moment über Bord gegangen war. Was, wenn sie nicht beim Kochen, sondern beim Fahren gedanklich abtauchte? Doch Alexandra Bärike war sicher: „Sie sind eine tolle Autofahrerin. Sie sind vorsichtig, Sie haben eine tolle Reaktionsfähigkeit und können bei Bedarf enorm auf die Bremse treten. Wenn alle so fahren würden wie Sie, kämen alle fünf Minuten später ans Ziel, aber die Unfallhäufigkeit würde extrem sinken.“ Positive Bestätigung ist eine der Methoden, mit denen die Psychologin arbeitet. Acht Trainingsstunden, verteilt auf vier Tage, hatte Marie bei ihr gebucht. Am Ende von Tag zwei stand Maries erste Fahrt alleine an. „Fahren Sie langsam, nehmen Sie sich einfach die Zeit, die Sie brauchen“, riet die Fahrlehrerin und stieg in ihren Fahrschulwagen. Marie sollte ihr voraus fahren. Ungläubig, angespannt, mit zitternden Händen und dem Herz im Hals fuhr sie drei Kilometer. Nach der Tour brauchte sie Minuten, um sich zu fassen. Am selben Abend aber fing sie an zu glauben, dass sie es schaffen könne.

„Mobilität bedeutet Risiko. Jedem kann es passieren, dass er Gas und Bremse verwechselt. Man kann aufhören nach draußen zu gehen, um das Risiko zu minimieren. Oder besser in einen Bunker ziehen. Aber auf den könnte ja ein Flugzeug stürzen. . . Verstehen Sie? Es bleibt immer ein Restrisiko.“ Damit müsse Marie lernen zu leben und um die Fantasieexplosionen in Schach zu halten, solle sie an anderes denken – mit den Kindern sprechen oder Lieder singen. Mit wachsender Routine würde alles leichter werden.

Auf dem Flyer, den Alexandra Bärike am Ende des Trainings Marie in die Hand drückte, stand in Handschrift schnell dazu geschrieben: „Ich bin superstolz auf Sie! Bitte fahren Sie heute Nachmittag zur Musikschule!“ Als Marie ein paar Stunden später mit den Kindern auf dem Rücksitz in ihre Straße einbog, meinte ihr Sohn: „Das hast du gut gemacht! Du hast jetzt richtig Autofahren gelernt."

Ohne Auto geht es nicht

Ana sank in sich zusammen, kippte beim Arzt einfach um. Geschwächt von einer schlimmen Grippe hatte sie den Kinderwagen mit ihrem ebenfalls kranken Sohn zum Kinderarzt geschoben – zwanzig endlose Minuten durch den nass-kalten Oktoberwind. Nach diesem Vorfall kam sie zur Einsicht: „So kann es nicht weitergehen. Ich muss wieder Auto fahren, muss mich trauen.“ Mit 18 Jahren hat sie in Madrid ihren Führerschein gemacht und saß seitdem kaum am Steuer. Die wenigen Strecken, die sie notgedrungen fahren musste, waren eine Qual. Immer fuhr die Angst mit. Angst, die Grenzen des Autos falsch einzuschätzen, den Überblick zu verlieren und Menschen zu gefährden. Ein Minikratzer, den sie vor vielen Jahren in einen Firmenwagen fuhr, gab ihr den Rest. Jetzt war sichtbar, was sie immer fühlte: „Ich kann nicht Autofahren. Dieser Kratzer war wie ein Trauma für mich.“

Ein paar Jahre nahm Ana die selbst gewählte Einschränkung hin und schob ihren Kinderwagen mit zwei Kindern und den Einkäufen für die ganze Familie bei Wind und Wetter durch die Gegend – bis zu ihrem Zusammenbruch in der Arztpraxis. Dann fasste sie sich ein Herz und buchte zwei Stunden Fahrunterricht. Die Fahrlehrerin habe das Problem schnell erkannt: „Ich kann dir jetzt noch 80 Fahrstunden geben, aber das löst dein Problem nicht. Du kannst fahren. Du musst dich nur trauen.“ Einen Tag später klemmte sie sich hinters Steuer, drehte mit zitternden Händen den Zündschlüssel und stockte. „Muss, muss, muss“, dachte sie, riss sich zusammen und fuhr ihre erste kleine Strecke in eine neue Freiheit hinein. „Ich war überrascht, wie einfach es war. Ich habe mich sogar ziemlich sicher gefühlt.“

Trotzdem ist eine gewisse Angst noch da, jedes Mal bevor sie fahren muss. Davon lässt sich Ana aber nicht mehr beeindrucken. Sie fährt nicht täglich, aber oft. Und inzwischen auch unbekannte Strecken im Umkreis von etwa 20 Kilometern. Die Routine wächst. Und irgendwann, hofft sie, wird ihre einzige Rund-ums-Auto-Sorge die Parkplatzsuche sein.

Angstrei Autofahren: Tipps von der Expertin

Interview mit der Fahrlehrerin und Diplom-Psychologin Alexandra Bärike

Wie kommt es, dass Menschen Fahrangst haben oder entwickeln?

Alexandra Bärike: Der Hauptgrund ist Stress. Das kann nach Trennung, Mobbing, Insolvenz, beruflich sehr angespannten Monaten oder gerne auch nach einer Schwangerschaft der Fall sein. Ein weiterer Grund ist mangelnde Fahrpraxis. Bei Frauen ist es oft so, dass sie ihre Männer jahrelang fahren lassen. Auf diese Weise verlieren sie immer mehr an Routine und werden so in bestimmten Verkehrssituationen wirklich unsicherer. Verkehrsunfälle hingegen sind keine besonders häufige Ursache.

Wie ist das bei Müttern? Sind sie stärker von Fahrangst betroffen?

Bärike: Frauen nach der Schwangerschaft sind sehr stark betroffen. Besonders solche, die vor der Schwangerschaft auch schon selten oder ungern gefahren sind. Die Hormonumstellung, Verantwortung und Sorge um das Kind kommen hinzu und die Angst wird größer.

Was verbindet Auto-ängstliche Mütter?

Bärike: Mütter mit Fahrangst sorgen sich auch im sonstigen Leben stark um ihre Kinder. Sie haben ein hohes Verantwortungsbewusstsein, sind oft perfektionistisch veranlagt und verfügen über eine überdurchschnittliche Fantasie.

Wie äußert sich Fahrangst im Allgemeinen?

Bärike: Die Gedanken kreisen immer um das, was passieren könnte. Genährt wird die Angst von Unfallberichterstattungen in den Medien. Fahrerisch sind diese Frauen in der Regel besonders sorgfältig, regelbewusst und fahren überdurchschnittlich gut, wenn auch nicht ganz so routiniert. Die häufigsten Körpersymptome vor und während der Fahrt sind schwitzen, zittern, veränderte Atmung und Schwindel bis hin zu der Angst, ohnmächtig zu werden.

Tipps: Wie ängstliche Autofahrer Sicherheit gewinnen

Weniger furchtsame Hasenfüße schaffen es auch ohne professionelle Hilfe, ihr Auto wieder auf Touren zu bringen. Alexandra Bärike gibt Tipps, wie das gelingen kann:

  • Sonntagmorgen mit einer geduldigen Freundin im Industriegebiet oder anderswo abseits des Verkehrs starten.
  • Fahrzeugbedienung üben, am besten gleich Automatik fahren.
  • Im ruhigen Wohngebiet weiterüben, später auch im Stadtverkehr.
  • Der nächste Schritt ist am Vormittag bei mittlerem Verkehrsaufkommen.
  • Es hilft auch, sich von einer Freundin im zweiten Auto begleiten zu lassen.
  • Grundsätzlich ist es wichtig, sich nicht zu überfordern, sondern langsam vorzugehen und das Gelernte zu festigen, bevor man sich das Nächste vornimmt.
  • Geduldig mit sich sein, Rückschläge einplanen und trotzdem regelmäßig fahren.
  • Lieber täglich zehn Minuten als alle zwei Wochen zwei Stunden fahren.
  • Kritische Autofahrer rigoros aus dem Auto verbannen.
  • Nach längerer Fahrpause oder größeren Unsicherheiten noch mal einige Fahrstunden buchen.

Kontakt:

www.angstfrei-autofahren.de

 

*Namen von der Redaktion geändert

 

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