Naturgesetz im Familienkosmos

Immer wenn, ausgerechnet dann...

Sicher kennen Sie es, im Familien-Kosmos herrscht ein ganz besonderes Naturgesetz. Man könnte es als "Immer wenn, ausgerechnet dann..."-Gesetz bezeichnen. Brauchen Sie noch Beweise? Hier sind sie.

Autor: Petra Fleckenstein

Neu entdecktes Naturgesetz im Familienkosmos

Baby weinend Gitterbett
Foto: © iStockphoto.com, heidijpix

Das Studium der Naturgesetze ist für die meisten Menschen mit dem Ende der Schulzeit abgeschlossen. Kaum jemand würde damit rechnen, zu der besonderen Sorte Mensch zu gehören, die neue Gesetzmäßigkeiten entdeckt – wie ein Isaac Newton zum Beispiel oder gar Albert Einstein. Und doch werden Mütter und Väter in ihrem täglichen Leben mit Ereignissen konfrontiert, die so sicher aufeinander folgen, wie das Amen in der Kirche oder wie das Sieden des Wassers, nachdem es auf 100 Grad erhitzt wurde. So wie ein Naturgesetz eben, wie die Gesetze der Schwerkraft oder der Mechanik.

Man könnte dieses Gesetz, das sich besonders im Alltag von Familien beobachten lässt, als das Gesetz der "Unbedingten Aufeinanderfolge" oder auch das Gesetz des "Immer wenn, ausgerechnet dann" bezeichnen. Merken Sie etwas, kommt Ihnen das bereits bekannt vor?

Kleinkind schläft, Nachbar setzt den Bohrer an

Zum ersten Mal fiel es mir auf, als ich gerade erst in das Paralleluniversum von Vater, Mutter, Kind eingetreten war, als frisch gebackene Mutter also. Postboten, deren Tagesablauf ich sonst keinerlei Beachtung schenkte, drängten sich mit einem Mal vehement in mein Leben, ja, erhielten geradezu ungehörige Bedeutung, weil sie immer, aber auch immer genau dann bei mir klingelten, wenn mein Baby nach nicht enden wollendem Geschrei und langen einsamen Wanderungen von einem Ende des Wohnungsflurs zum anderen endlich seit einigen Minuten schlummerte. Also immer der gleiche Ablauf: Baby schläft, Mutter sinkt erschöpft ebenfalls in die Kissen und wenige Minuten später klingelt der Postbote Sturm und läutet im wahrsten Sinne des Wortes weitere anstrengende Stunden ein. Denn ein Baby, das vor der Zeit aus dem Schlaf gerissen wird, zeichnet sich wie man weiß durch besonders betreuungsintensive Unruhe und Quengeligkeit aus.

Das Beispiel "Kind schläft seit kurzer Zeit – irgendwer macht Krach", ließe sich natürlich auch auf jede Art Renovierungsarbeiten der Nachbarschaft anwenden. Besonders als der sensible Zweieinhalbjährige gerade große Angst vor lauten Geräuschen entwickelt hatte, griffen Nachbarn gerne just in dem Moment zum Hammer oder Schlagbohrer, wenn das Kleinkind seinen Mittagsschlaf beginnen und der weiterhin chronisch müden Mutter eine ungestörte Stunde mit dem inzwischen neu geborenen Geschwisterkind vergönnen sollte. Also auch hier ein Ablauf nach Schema F, wie ein Naturgesetz: Mutter sagt "schlaf gut" und verlässt das abgedunkelte Zimmer, Nachbar setzt den Bohrer an – und schon wird aus der erhofften ruhigen Stunde das Gegenteil: Schreiendes, müdes und angsterfülltes Kleinkind trösten anstatt ungestörter Zweisamkeit mit dem Säugling. Ein rundum verkorkster Nachmittag.

Mit beeindruckender Prägnanz zeigte sich die Regel der unbedingten Aufeinanderfolge im ersten Lebensjahr eines jeden Kindes auch beim nicht unerheblichen Tagesordnungspunkt Mittagessen. Man könnte folgenden Merksatz bilden: Dampfende Speisen auf dem Tisch ziehen auf jeden Fall heftigen Hunger des Stillkindes nach sich. Oder so: Immer genau dann, wenn die vom Stillen ohnehin besonders hungrige Mutter zur Gabel greift, um sich endlich zu stärken, schreit das Baby vor Hunger und muss unbedingt genau jetzt an die Brust.

Mutter telefoniert, Kind muss dringend was fragen

Nun stellt sich natürlich die Frage, in welcher Form sich das neu entdeckte Naturgesetz im weitaus entspannteren Alltag mit größeren Kindern manifestiert. Ganz einfach:

  • Immer genau dann, wenn ich mich für eine Minute auf dem stillen Örtchen niederlasse, ruft ein Kind ganz laut: "Mama, kommst du mal bitte schnell?"
  • Immer genau dann, wenn ich, weil die Kinder so schön ruhig in ihren Zimmern spielen, den Zeitpunkt für günstig erachte, um ungestört ein wichtiges Telefonat zu erledigen, platzt geräuschvoll ein Kind ins Zimmer, um etwas zu fragen oder lautstark nach einer Schere zu verlangen.
  • Immer genau dann, wenn ich mich, nachdem sich lange keins der Kinder blicken ließ, mit der Zeitung aufs Sofa setze, gerät der bis dahin einträchtig spielende Nachwuchs in einen erbitterten Streit, der mit solchen Handgreiflichkeiten einher geht, dass ich mich genötigt fühle, die Zeitung erst einmal wieder beiseite zu legen und mich als Streitschlichter zu betätigen.
  • Immer genau dann, wenn ich mir am Morgen ein wenig Entspannung unter der Dusche gönne, fällt eins der Kinder unglücklich gegen eine Kante und muss unverzüglich verarztet werden.
  • Immer genau dann, wenn ich gerade beim Kochen in eine Phase eintrete, die eigentlich keine Entfernung vom Kochherd erlaubt, beim Anbraten zum Beispiel, findet ein Kind ein ganz bestimmtes, aber ganz wichtiges Lego-Klötzchen nicht, das aber unerlässlich für die Fortsetzung des eben begonnenen Spiels ist, und erfleht natürlich meine sofortige Mithilfe beim Suchen.
  • Immer genau dann, wenn ich mir im Wohnzimmer eine CD auflege, will mein jüngster Spross im gleichen Zimmer Klavier üben (und wer würde sein Kind von einer derart erwünschten Tätigkeit abhalten wollen?).
  • Immer genau dann, wenn ich mich mit der einen einzigen Tasse Kaffee, die ich mir am Nachmittag gönne, auf dem Sofa niederlasse, während die Kinder draußen einträchtig Fußball spielen, schießt einer den Ball aufs Dach und verlangt entschieden meine sofortige Hilfe beim Zurückholen des Spielgeräts.
  • Immer genau dann, wenn ich mich durch die Pflege des frisch-auffiebernden einen Kindes und die gleichzeitige Hilfe bei den Hausaufgaben des zweiten besonders auf die Unterstützung des hoffentlich gleich durch die Haustür tretenden Kindsvaters freue, ruft dieser an, um mir mitzuteilen, dass er aus wichtigen beruflichen Gründen natürlich genau heute Abend besonders spät kommen wird.

An Beweisen für die Existenz dieses Naturgesetzes im Familien-Kosmos ist kein Mangel und alle Eltern können dieser Liste sicher weitere interessante Beispiele hinzufügen. Im scheinbaren Chaos herrscht also so etwas wie eine Ordnung und möglicherweise ist mein jüngster Spross nur ein Spielball höherer Gesetzmäßigkeiten, wenn er genau dann wieder "Mama" schreit, wenn ich mich am eigentlich doch stillen Ort niederlasse. Wer könnte ihm wohl dafür böse sein?