Erziehung

Spielen: nicht nur etwas für Kinder!

Das Thema Spielen löst bei vielen Eltern eher Abwehr aus: „Ach, das Spielen überlasse ich lieber meinem Mann, der kann das besser", „Ich bin abends total geschafft, ich will dann nicht noch spielen", oder „Spielen liegt mir nicht so. Ich finde, Kinder spielen am besten mit anderen Kindern!" Vielleicht geht es ja auch dir so. Doch es lohnt sich, die eigene Verspieltheit wiederzuentdecken! Wissenschaftler haben beobachtet: Spielen stellt sofort eine Verbindung zum Kind her, kann Machtkämpfe vermeiden und Trotz, Wut oder Ängstlichkeit auflösen.

Das ideale Spiel: spontan, unorganisiert, albern!

Manche Eltern spielen zwar durchaus gern mit ihrem Kind, aber eher auf geordnete Weise: Es wird nach festen Regeln gespielt, ein Spielzeug benutzt, oder ein Brettspiel gemacht. All dies ist wertvolle „Quality Time" für Eltern und Kind. Trotzdem dürfen Eltern auch das spontane, ja sogar alberne Spielen wiederentdecken. Dies ist die vielleicht wertvollste Form, weil es sich von selbst an die Situation anpasst. Doch sie fällt uns Erwachsenen oft nicht leicht, weil auch unsere eigenen Eltern sie vielleicht wenig praktizierten. Jeder kann aber solche Hemmungen hinter sich lassen, betont der Psychologe Dr. Lawrence Cohen, „dies ist einfach eine Frage der Übung." Der Verfechter der sogenannten „Sanften Erziehung" (Gentle Parenting) erzählt: „Auch ich musste meine Schüchternheit, aber auch meine Scham überwinden." So kletterte er mit seiner kleinen Tochter zusammen auf Spielgerüste, wenn sie Angst hatte – obwohl er zugibt, dass er lieber bei den anderen Eltern auf der Bank gesessen hätte.

Spielen löst den Trotz in Luft auf!

Gemeinsames Spielen muss nicht immer einen Zweck haben, es stärkt in jedem Fall die gegenseitige Bindung. Aber es kann auch mehr: Zum Beispiel löst es wunderbar die „Blockade-Haltung" kleiner Kinder auf. Will dein Sprössling sich wieder einmal nicht anziehen, nimm zwei seiner Stofftiere und imitiere einen Dialog: „Lea muss sich anziehen, gleich fängt der Kindergarten an!" „Das geht nicht! Sie kann sich nicht selbst anziehen!" „Doch! Ich weiß ganz sicher, dass sie das kann!" „Nein! Ich hab' noch NIE gesehen, dass sie das schafft!" Spätestens jetzt legt fast jedes Kind mit einem empörten „Doch, kann ich wohl!" los - der Trotz ist vergessen!

Wenn dein Kind sich verweigert, sagt es damit oft: „Ich will manchmal noch gar nicht selbständig sein! Ich vermisse die Zuwendung, die ich früher bekam, als ich noch nicht so viel allein konnte." Das Spiel hat hier dreierlei bewirkt: Dein Kind hat die Zuwendung bekommen, die es sich gewünscht hat. Zugleich hast du seine Selbständigkeit angeregt, und der Konflikt wurde ohne Machtkampf gelöst!

Spielen bringt Trödler auf Trab

Fast alle von uns kennen das: Unser Kind scheint wieder einmal Blei in Händen und Füßen zu haben. Besser als Antreiben kann ein Spiel funktionieren: Gehe in das Zimmer, wo dein Kind gerade ist. Gib vor, es nicht zu sehen, und rufe: „Emil! Wo bist du? Also, ich werd' verrückt, Emil ist weg!" Wenn dein Kind dann irritiert sagt: „Ich bin doch hier!", klage weiter: „Ich kann ihn nicht finden! Er kann nicht zur Schule gehen, die Lehrer werden fragen, wo er ist! Was mach' ich bloß?" Schnell versteht dein Kind, dass das Ganze ein herrlicher Quatsch ist. Sage ins Leere: „Vielleicht wirst du sichtbar, wenn deine Zähne geputzt sind?" Der junge Trödler wird sich beeilen, genau das zu tun - und du kannst ihn erleichtert „entdecken".

Kinder sind entzückt, wenn die „Großen" mal albern sind! Vor allem aber fühlen sie: Papa oder Mama verstehen, wo gerade mein Problem ist und helfen mir, statt zu meckern.

Keine Angst vor Schimpfwörtern!

Wenn dein Kind wieder einmal etwas von „Furzkanone" oder „Kackaloch" schreit, probiere auch hier ein Spiel. Winke ab und sage: „Also, Kackaloch kennt doch jeder, das ist langweilig!" Und mit gesenkter Stimme: „Weißt du, was wirklich schlimm ist, und was man nieee sagen darf?" Schon hier ist dir die Aufmerksamkeit deines Kindes sicher. „Also, was man niemals sagt, ist: ‚Caramba!'! Oh nein, jetzt habe ich es dir verraten!" Sofort wird dein Kind dieses Wort entzückt aufgreifen. Reizwörter verlieren so an Macht, und es macht Spaß, neue „böse" Wörter zu finden („Pumpernickel", „Jabbadabbadu"), um damit die armen Eltern zu „schockieren".

Spielend leicht Nägel schneiden

Direkter wirkt das Spielen dagegen bei unbeliebten Prozeduren wie dem Haare waschen oder Nägel schneiden. Probiere etwa das „Stopp-Spiel" aus: Immer wenn dein Kind „Halt!" sagt, frierst du all deine Bewegungen ein, bis es sagt „Weiter!" Bald wird sich die angespannte Situation in Gekicher auflösen. Dein Kind fühlt sich nicht länger hilflos, sondern genießt es zu steuern, was mit ihm passiert. Es kann zulassen, dass du jedes Mal ein Schrittchen weitergehst, bis die Prozedur geschafft ist. Eine solche Lösung kostet natürlich Zeit. Aber auf lange Sicht spart sie auch Zeit ein, denn du wirst dieses Spiel nur einige Male wiederholen müssen. Bald wird die betreffende Körperpflege-Aktion zur Routine werden.

Bei Schubsen und Hauen: Spielen statt Konsequenzen!

Gemeinsames Spielen hilft sogar dann, wenn dein Kind sich aggressiv verhält. Schubsen, Beißen oder auch der Versuch, ständig über andere Kinder zu bestimmen, sind nach Ansicht von Kinderpsychologen eine Tarnung: Sie sollen die Angst vor Ablehnung oder dem Scheitern verbergen. Deshalb greifen Konsequenzen hier kaum. „Spielen schafft Nähe - Nähe löst Konflikte", beschreibt die Entwicklungspsychologin Dr. Aletha J. Solter die bessere Alternative.

Es gibt zwar kein Spielrezept, das Beißen oder Schlagen sofort abstellt. Aber euer Spiel ist ein geschützter Rahmen, in dem dein Kind Frustration, Unsicherheit oder Enttäuschung herauslassen und auch mal „böse" sein darf. Entscheidend ist jetzt, dass du mit deinem Kind auf Augenhöhe spielst und ein Machtgefälle vermeidest. Sogar Beschimpfungen von Seiten des Sprösslings dürfen hier sein. Ideal sind Kissenschlachten oder Rangeln, dein Kind darf Stofftiere oder Kissen auf dich werfen, ohne sich beherrschen zu müssen. Dies führt sogar zu einem Mehr an Frustrationstoleranz, denn dein junger „Wutbolzen" erlebt: Papa oder Mama bleiben ja trotz wilder Attacken gelassen!, und dieses Modell schaut er sich mit der Zeit ab.

Spielen kann Zerstörungswut kanalisieren

Auch wenn dein Kind Frust eher dadurch zeigt, dass es Dinge vom Tisch fegt, mit Spielzeug wirft, oder die Bauwerke andere Kinder zerstört, kannst du ihm spielerisch helfen. Errichtet gemeinsam Bauwerke, die nur dazu gedacht sind, mit Knalleffekt umgeworfen zu werden. Das geht mit Bauklötzen, Dominosteinen, Schaumstoff-Resten, Ästen, Kissen, oder auch mit weichen Riesen-Bausteinen, wie manche Spielzeughändler sie (im Internet) anbieten.

Wenn dein Kind außerhalb dieser gemeinsamen Bauzeiten etwas umwirft, sage: „Stopp! Dafür haben wir doch unser Spiel!" Dieses Spiel entlastet dein Kind gar nicht unbedingt deshalb, weil es seine Wut ausagieren darf. Sondern weil es spürt: „Mama und Papa verstehen, dass ich manchmal einfach Sachen umschmeißen muss. Sie verurteilen mich nicht, sondern geben mir einen Rahmen, wo ich das darf."

Eifersucht spielend lindern

Vielleicht wirkt dein Kind nach der Geburt des neuen Babys bockig, aggressiv oder unglücklich, vielleicht streiten deine bereits älteren Kinder den lieben langen Tag. Es hilft nur wenig, wenn du jetzt versicherst, dass du alle deine Kinder gleich lieb hast. Das eifersüchtige Kind will diese Liebe erfahren. Psychologe Dr. Cohen empfiehlt hier ein spielerisches Ritual: Lege deinem Kind die Hände auf den Kopf und sage: „Ich glaube, du brauchst gerade eine Extraportion Liebe, oder? Ich tanke dich jetzt mit Liebe auf, bis nichts mehr hineinpasst". Mache einige Momente lang ein summendes Geräusch. „So! Jetzt bist wieder von Kopf bis Fuß voll mit Liebe!"

Spielen gegen Stress mit Lehrern oder Mitschülern

Wenn der Nachwuchs von der Schule geschafft ist, er Zoff mit Mitschülern hatte, oder der Lehrer geschimpft hat, dann sagt er nicht: „Mama, ich hatte einen schweren Tag!" „Sondern das Kind sagt: ‚Spielst du was mit mir?'", erklärt Lawrence Cohen. Du kannst jetzt mit Tochter oder Sohn einen Runde Krabbel-Fangen auf allen Vieren spielen, dein Kind im Liegen auf deinen Füßen balancieren, es knuddeln und durchkitzeln. So entsteht im selben Moment Nähe, das Kind fühlt sich akzeptiert und geliebt. „Und dies ist genau das, was Kinder brauchen, um hinzugehen und auch ihre Probleme in der Schule zu lösen", so Cohen. (Natürlich solltest du bei anhaltenden Schulproblemen mit dem Lehrer sprechen).

Was dein Kind beim Spielen verrät!

Spielen kann Aha-Erlebnisse verschaffen. Wenn dein Sohn dir den Ball sehr aggressiv zuwirft und spöttisch lacht, wenn du ihn nicht kriegst, kann die unbewusste Botschaft lauten: „Ich fühle mich dir gegenüber oft so machtlos und unterlegen. Jetzt kann ich auch mal stark sein!" Dein Kind agiert aufgestaute Frustrationen aus eurem Alltag aus und kann sie lösen. Das funktioniert aber nur, wenn du im Spiel nicht auf deiner Vormachtstellung beharrst. „Das Spiel ist die einzige Begegnungsstätte, in der Kinder und Eltern auf Augenhöhe miteinander agieren können. Da darf die Tochter den Papa in die Pfanne hauen – und umgekehrt", betont der Spielforscher Prof. Rainer Buland von der Universität Salzburg in einem Zeitungsinterview.

Du könntest in dieser Situation zu deinem Kind sagen: „Puh, echt sauschwer, deine Bälle zu erwischen! Ich weiß nicht, wie lange ich das durchhalte!" So kann der Nachwuchs stolz auf seine Kraft sein. Und damit das Spiel nicht zu schnell zu Ende ist, wird er zugleich nach einigen heftigen Würfen auch kooperativer spielen.

Spielen entspannt auch die Eltern

Sich in Sachen Spielen ein bisschen zu überwinden, lohnt sich nicht nur für unser Kind, sondern auch für uns selbst. Wir sind durch die unzähligen Aufgaben des Alltags zwar oft so geschafft, dass wir kaum Energie übrig haben. Wer sich aber aufrafft und wenigstens kurz etwas mit dem Nachwuchs spielt, macht oft eine unerwartete Entdeckung: Spielen hilft auch uns Erwachsenen „herunterzukommen" und abzuschalten. Die fast immer hemmungslose Begeisterung unseres Kindes wirkt außerdem auch auf unser eigenes Belohnungssystem, und unsere Stimmung ist oft besser als zuvor.

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