Erziehung

Kannst Du nicht aufpassen?

Vor allem, wenn wir uns ärgern, rutschen sie oft ganz von selbst heraus: Fragen, auf die es kaum eine adäquate Antwort gibt. Während ältere Kinder trotzdem ahnen, was die Eltern jetzt hören wollen (zum Beispiel eine Entschuldigung), machen solche Fragen jüngere Kinder rat- und sprachlos. Und das gilt auch für eine weitere Art von Fragen: solche, die nur die Eltern interessieren, oder bei denen das Kind nicht genau weiß, was Mama und Papa eigentlich meinen. Die beliebtesten Klassiker unter den K. O.-Fragen: 

Die Situation: Beim Malen mit der Wasserfarbe kippt der Becher mit dem schmutzigen Pinselwasser um und ergießt sich auf Tisch und Fußboden.

Die K. O.-Frage: Kannst du nicht aufpassen? 

Was das Kind nicht sagen kann: Klar kann ich aufpassen! Das mache ich doch dauernd, zum Beispiel draußen auf der Straße. Hast du das noch gar nicht gesehen? Aber wer kommt denn auf die Idee, dass man auf einen Becher Wasser auch aufpassen muss? Der steht doch bloß da.

Hab ich Dir das nicht schon hundert Mal gesagt?

Die Situation: Eine Gabel Nudeln mit Tomatensoße landet auf dem Schoß des Kindes.

Die K. O.-Frage: Habe ich dir nicht schon hundert Mal gesagt, du sollst dich drüber beugen?

Was das Kind nicht sagen kann: Mag sein. Aber vielleicht habe ich die letzten 99 Mal nicht mehr gehört, weil du immer so viel meckerst. Außerdem kann ich noch nicht gut an zwei Dinge gleichzeitig denken: ans Essen und ans Drüberbeugen!

Musste das jetzt sein?

Die Situation: Die Eltern steuern mit dem Sprössling die Wohnung von Oma und Opa an, wo eine Familienfeier stattfindet. Auf dem Bürgersteig vor dem Haus ist eine große Pfütze. Das Kind patscht genüsslich ein paarmal mit dem Fuß hinein, bevor die Eltern reagieren können. Die frisch angezogene Hose ist dreckig.

Die K. O.-Frage: Musste das jetzt sein?

Was das Kind nicht sagen kann: Irgendwie schon, die Pfütze sah doch total verlockend aus, findest du nicht? Mein Fuß ist da ganz von selbst hinein gestampft. Ich kann die Folgen der Dinge, die ich mache, außerdem noch nicht gut einschätzen. Ich lebe im Jetzt!

Warum hast Du das gemacht?

Die Situation: Der Nachwuchs sitzt in der Badewanne und hat gerade  die ganze Flasche Shampoo im Wasser ausgedrückt.

Die K. O.-Frage: Warum hast du das gemacht? 

Was das Kind nicht sagen kann: Äh, weil es Spaß macht? Aber ich ahne, dass du das jetzt nicht hören willst, weil du so böse guckst. Trotzdem weiß ich nicht, was an der Sache mit dem Shampoo schlimm ist, das duftet doch auch schön! Darüber, was die Flasche kostet, kann ich nicht nachdenken, denn Geld kommt in meiner Erlebniswelt noch nicht vor.

Hörst du mir eigentlich zu?

Die Situation: Mutter oder Vater erläutern ausführlich, warum man sich die schlammigen Gummistiefel auszieht, bevor man ins Haus geht, warum man am Straßenrand nicht losrennt und auch nicht einfach vom Tisch wegläuft, wenn man satt ist. Der Erfolg beim Kind tendiert gegen null.

Die K. O.-Frage: Hörst du mir eigentlich zu? 

Was das Kind nicht sagen kann: Ganz ehrlich? Eigentlich nicht mehr, denn du redest so viel auf mich ein. Ich kann mich nur kurz auf Erklärungen konzentrieren, danach schaltet mein Kopf von selbst ab. Außerdem gibt es bei uns zu Hause so viele Regeln, damit bin ich überfordert. Ich kann mir nur drei oder vier davon merken, mehr geht nicht!

Was hast Du Dir bloß dabei gedacht?

Die Situation: Das Kind schießt dem Kumpel den Fußball ins Gesicht, der weint sofort los.

Die K. O.-Frage: Was hast du dir bloß dabei gedacht?

Was das Kind nicht sagen kann: Das weiß ich nicht, ich habe das nicht geplant. Es ist mir einfach so passiert. Über so was denkt man doch vorher nicht extra nach! Ich dachte, der Ball fliegt anders, ich kann noch nicht so gut steuern, wo er hingeht.

Was ist heute bloß los mit Dir?

Die Situation: Das Kind ist beim Abholen aus der Kita mies gelaunt, gibt patzige Antworten, findet das Mittagessen eklig und will nichts spielen.

Die K. O.-Frage: Was ist heute bloß los mit dir? 

Was das Kind nicht sagen kann: Mama/Papa findet anscheinend, mit mir stimmt etwas nicht. Das fühlt sich für mich beunruhigend an. Ich war doch eigentlich bloß sauer wegen Paula, die zu mir gesagt hat, dass ich ein "Baby" bin, weil ich am Daumen gelutscht habe. Aber ich kann über meine Gefühle noch nicht gut sprechen. Tröste mich einfach und gib mir Zeit, um mich zu fangen.

Kannst Du auch normal mit mir reden?

Die Situation: Sohn oder Tochter fordern ohne das obligatorische "Bitte" und in quengeligem Ton: "Ich will einen Kakao!"

Die K. O.-Frage: Kannst du auch normal mit mir reden? 

Was das Kind nicht sagen kann: Was ist normal? Diese Frage verstehe ich nicht, sie ist mir zu schwammig. Was genau muss ich da sagen? 

Warum ärgerst Du Deine Schwester immer?

Die Situation: Die Tochter hat eine Landschaft aus Little People-Häusern gebaut, der Sohn lässt sein ferngesteuertes Auto durch die offene Zimmertür rasen und fährt alles um.

Die K. O.-FrageWarum ärgerst du deine kleine Schwester immer?

Was das Kind nicht sagen kann: Weil ich eifersüchtig bin und sie sich anfühlt wie eine Konkurrentin. Ich wünsche mir, dass Mama und Papa mehr auf mich achten und nicht nur dauernd die Kleine betüddeln. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, mache ich einfach etwas, das die Großen garantiert auf den Plan ruft.

Was hast Du heute im Kindergarten gemacht?

Die Situation: Papa oder Mama sind mit dem Kind auf dem Heimweg von der Kita. Der Nachwuchs ist einsilbig und lässt sich alles einzeln aus der Nase ziehen.

Die K. O.-Frage: Was hast du heute im Kindergarten gemacht? 

Was das Kind nicht sagen kann: Ich habe so viele Bilder im Kopf - alles war dort bunt, laut und quirlig. Ich weiß nicht mehr, was ich im Einzelnen gemacht habe. Du könntest vielleicht fragen, was ich als Erstes gespielt habe, ich glaube, das weiß ich noch. Eigentlich ist es mir aber viel wichtiger, dass du jetzt da bist! Und was wir wohl gleich machen werden. Der Kindergarten ist doch längst vorbei!

Und? War es schön?

Die Situation: Tochter oder Sohn waren auf einem Kindergeburtstag.

Die K. O.-Frage: Und? War es schön?

Was das Kind nicht sagen kann: Also… es war aufregend, denn ich hatte ein bisschen Angst, ohne die Mama hierzubleiben. Es war interessant, denn jetzt habe ich auch mal Maries Kinderzimmer gesehen. Es war lecker, wir bekamen Mini-Würstchen und Pommes. Es war lustig, der Julian hat sich mit der Mayonnaise einen Schnurrbart gemacht. Es war spannend, weil es Mitgebsel-Tüten gab und man nicht wusste, was drin ist. Ob das alles mit "schön" gemeint ist…? Ich sag' mal knapp "Ja", da mache ich sicher nichts falsch.

Das hat doch gar nicht wehgetan, oder?

Die Situation: Das Kind hat beim Kinderarzt eine Impfung bekommen.

Die K. O.-Frage: Das hat doch gar nicht weh getan, oder?

Was das Kind nicht sagen kann: Also, jetzt bin ich echt sprachlos! Natürlich hat das weh getan! Der hat doch gerade mit der Spritze in mein Bein gestochen. Ich hätte fast ein bisschen geweint, hast du das nicht gesehen? 

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