Wie wird die Dysplasie erkannt?

Ultraschalluntersuchung der Hüfte bei einem Neugeborenen
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"Es war schon ein Schock für uns, als die Hebamme direkt nach der Geburt meiner Tochter Marie* gesagt hat, sie könnte eine Hüftgelenksdysplasie haben“, erzählt Marion Mantschuk. „Ihr war aufgefallen, dass die Po-Falten in der Bauchlage bei unserem Baby nicht symmetrisch waren.“ Dies ist ein häufiger erster Hinweis auf eine mögliche Fehlbildung der Hüfte. Schon wenige Tage später bei der U2 machte dann die Kinderärztin einen Ultraschall und bestätigte den Verdacht der Hebamme. „Wir wurden gleich am selben Tag weiter zum Orthopäden geschickt“, erzählt Marion. Was aber genau ist bei einer Dysplasie eigentlich falsch geformt an Babys Hüfte?

Die Hüfte ist von „tragender“ Bedeutung

Das Hüftgelenk muss, da es später zum Laufen dient, sehr beweglich und belastbar sein. Dies leistet am besten ein Kugelgelenk: Der Gelenkkopf am oberen Ende des Oberschenkelknochens liegt in der Gelenkpfanne der Hüfte – in ihr gleitet er in die verschiedenen Richtungen. Die Ränder der Gelenkpfanne müssen aber einen großen Teil des Gelenkkopfs einschließen, damit er nicht aus der Pfanne rutschen kann. An dieser Stelle besteht bei der Dysplasie das Problem: Die Gelenkpfanne ist zu steil. „Sie kann zum einen durch ihre Steilheit den Gelenkkopf nicht halten, und der Kopf wandert heraus, wir sagen: er luxiert. Zum anderen entwickelt sich die Pfanne nur dann in ihre physiologische (natürliche) Form, wenn sie den entsprechenden Druck durch den Hüftkopf erhält, also wenn der Kopf sich in der Pfanne befindet“, erläutert Dr. med. Silvia Schröder, Kinderorthopädin am Universitätsklinikum Aachen.

Hueftdysplasie Schema
Formen der Fehlstellungen von Hüftkopf zu Hüftpfanne: A: Normal. B: Dysplasie. C: Subluxation. D: Luxation
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Das Wort Dysplasie stammt aus dem Griechischen und bedeutet Fehlbildung. Die Hüftgelenksfehlbildung kommt bei zwei bis vier von 100 Säuglingen vor. Seltener als die Dysplasie ist die Ausrenkung des Hüftkopfes aus der Pfanne. Bei der teilweisen Verrenkung, der Subluxation, sitzt der Hüftkopf bereits nicht mehr in der Mitte der Hüftpfanne, sondern ist leicht dezentriert. Bei der Luxation ist er vollständig (meist nach oben hin) herausgerutscht.

Die Hüfte wird routinemäßig untersucht

Die Fehlbildung der Hüfte wird sehr zuverlässig bei den beiden Ultraschalluntersuchungen erkannt, die die U2 (zwischen dem 3. und 10. Lebenstag) und U3 (4. bis 6. Woche) begleiten. „Damit unsere Tochter beim Ultraschall still hielt, wurde sie in eine Art enge, offene Schaumstoffröhre geklemmt. Es war belastend, all dies bei einem noch so kleinen Säugling zu sehen“, erzählt Marion Mantschuk. „Denn man hofft natürlich, dass alles mit dem Kind in Ordnung ist, und wenn es dann kurz nach der Geburt schon ein gesundheitliches Problem gibt, ist das erst einmal schwer zu verdauen.“

„In der Regel beginnt etwa im Alter von sechs Monaten der knöcherne Anteil des Hüftkopfes so groß zu werden, dass dieser von den Ultraschallwellen nicht mehr ausreichend durchdrungen werden kann. Dann kann der Unterrand der knöchernen Pfanne nicht mehr dargestellt werden. Bei manchen Kindern ist dies aber auch erst mit zwölf Monaten der Fall. Ist die Verknöcherung des Gelenks schon recht weit fortgeschritten, ist die Röntgendiagnostik die bessere Untersuchungsmethode“, erklärt Dr. Schröder im urbia-Gespräch.

Die zuverlässige Diagnose der Hüftfehlbildung und ihres Ausmaßes hat auch etwas mit Geometrie zu tun, denn hier spielen zwei Winkel eine große Rolle: „Das Hüftgelenk besteht aus knöchernen, knorpeligen und bindegewebigen Anteilen. Der Alpha- und Beta-Winkel erlauben, die knorpelige und knöcherne Gelenkpfannenstruktur auszumessen. Die Winkel ermöglichen dann eine Gradeinteilung der Hüftgelenkdysplasie oder der eventuell bereits eingetretenen Hüftluxation“, erläutert die Fachärztin. Bei der Feststellung des Grades der Dysplasie und der Wahl der richtigen Therapie hilft eine Winkeltabelle, die der österreichische Arzt Prof. Dr. Reinhard Graf entwickelt hat.

Mädchen sind häufiger betroffen

Marions kleine Tochter Marie ist kein ungewöhnlicher Fall: Denn angeborene Fehlbildungen der Hüfte treten bei Mädchen etwa sechs Mal häufiger auf als bei Jungen. In 40 Prozent der Fälle sind beide Hüftgelenke betroffen. Ist nur eines fehlgebildet, ist es öfter das linke. Eine Fehlbildung des Hüftgelenks hat unbehandelt schlimme Folgen: So kann aus einer Dysplasie eine Luxation werden, das heißt, der Hüftkopf kann irgendwann ganz aus seiner Pfanne heraus gleiten. Doch auch, wenn dies nicht passiert, führt die unbehandelte Fehlbildung zu weiteren Verformungen und zum vorzeitigen Verschleiß des Hüftgelenks. Bereits bei noch recht jungen Erwachsenen kann es dann zur Arthrose und anderen Hüftleiden kommen. Wird die Dysplasie aber frühzeitig behandelt, heilt sie in etwa 90 Prozent der Fälle ohne Operation aus.

Wie wird die Hüfte behandelt?

Die Drei häufigsten Therapien:
(benannt nach Herkunft oder Name ihrer ärztlichen Erfinder)

Tübinger Schiene: Mit ihr werden Babys Hüftgelenke in einem Winkel von über 90 Grad gebeugt und leicht gespreizt. Das Baby befindet sich darin in der sog. Hocksitz-Stellung, die für die Nachreifung der Hüfte am besten geeignet ist. Die Schiene besteht aus zwei Oberschenkelschalen, in die die Beinchen eingehängt werden und die mit einem Steg miteinander verbunden sind. Die Beinschalen werden über zwei Perlenschnüre mit den Schultern des Kindes verbunden. Über die Länge der Perlschnüre wird die Hüftbeugung korrekt eingestellt. Die Schiene erlaubt (eingeschränkte) Strampelbewegungen.

Pavlik-Bandage: Die Pavlik-Bandage dient nicht nur zur Nachreifung der Hüfte, sondern auch dazu, den Hüftkopf in der Pfanne zu zentrieren. Sie ist also eine etwas stärkere Therapie als die Tübinger Schiene. Sie besteht aus einem Brustgurt und zwei Unterschenkelgurten mit Fersenhalterung. Die Beine des Kindes werden in eine Beugung von über 90 Grad gezogen. Auch hier entsteht eine Hocksitz-Haltung. Das Baby kann auch mit dieser Bandage etwas strampeln.

Fettweis-Gips: Dieser „Sitzhock-Gips“ wird sowohl zur Nachreifung als auch nach einer (nur selten nötigen) Hüftoperation eingesetzt. Das Besondere an dem Gips ist, dass das Gelenk relativ starr fixiert wird. Daher wird er bevorzugt für instabile Gelenke eingesetzt. Der Gips kann von den Eltern nicht ausgezogen werden, das Strampeln des Babys ist nicht möglich.

Für die Behandlung gilt: Sie sollte bereits in den ersten Lebenstagen und -wochen beginnen. Denn jetzt ist das Gelenk noch weich und besteht überwiegend aus Knorpel. „Bei der am häufigsten diagnostizierten Dysplasie besteht zwar eine zu steile Pfanne, aber ein noch zentriert stehender Hüftkopf. In diesen Fällen wird die Behandlung mit zum Beispiel einer Spreizhose oder einer Hüftbeugeschiene vorgenommen, um die Hüftpfanne zur Ausreifung zu bringen“, erklärt Dr. Schröder.

Kann man der Fehlbildung vorbeugen?

„Nein, es gibt keine Vorbeugung“, betont Kinderorthopädin Dr. Silvia Schröder. „Es sind aber begünstigende Faktoren bekannt, die gehäuft mit einer Hüftdysplasie einhergehen.“ Hierzu gehörten zum Beispiel die Beckenendlage während der Schwangerschaft, aber auch ein Platzmangel in der Gebärmutter, wie er z. B. bei Mehrlingsschwangerschaften oder sehr großem Kind entstehen könne. Auch der sogenannte Klumpfuß sowie einige neurologische oder andere Erkrankungen können mit einer Hüftdysplasie verbunden sein. „Ein weiterer Risikofaktor ist eine familiäre Disposition (Veranlagung)“.

Auch wurde beobachtet, dass bei manchen Völkern Hüftdysplasien bei Kindern kaum vorkommen, bei anderen dagegen häufiger. „Hier spielen natürlich zum einen genetische Faktoren eine Rolle“, erklärt Schröder. „Zum anderen vermutet man aber auch einen Zusammenhang zu bestimmten Gewohnheiten der Mütter: So werden in afrikanischen Ländern die Babys und Kleinkinder viel auf der Hüfte getragen, was die gesunde Spreizung der Hüftgelenke fördert. Wo Säuglinge dagegen z. B. auf schmale Tragen oder Tragebretter gewickelt werden, wie es etwa bei den Inuit in Grönland Tradition ist, gibt es häufiger Dysplasien des Hüftgelenks.“

*alle Namen geändert