Fetales Alkoholsyndrom

Hat jemand von euch ein Kind mit FAS – z. B. adoptiert, in Dauerflege oder im beruflichen Umfeld und kann ein bisschen berichten? Womit ist zu rechnen, wie unterschiedlich sind die Ausprägungen, wie lebt sich der Alltag etc.?

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Hi !

Ich habe eine zeitlang in der Wohnungslosenhilfe unserer Stadt gearbeitet und habe dort eine schwangere Frau begleitet. Sie war schwerst alkoholabhängig und hat ihre Schwangerschaft sehr spät bemerkt.
Nachdem die Schwangerschaft dann festgestellt wurde, ich glaube, es war so um die 25. Woche, ließ sie sich stationär zur Betreuung/Entgiftung einweisen. Getrunken hat sie ab diesem Zeitpunkt meines Wissen nach nichts mehr.
Das Kind wurde von ihr voll ausgetragen und hatte, bis auf ein geringes Geburtsgewicht, keine augenscheinliche Schädigung. Bis jetzt (3,5 Jahre später) ist er ein quietschfideler kleiner Junge der mit seiner Mutter im betreuten Wohnen lebt.
Natürlich kann niemand sagen, ob er nicht irgendwann doch in irgendeiner Art und Weise gehandicapt sein wird, aber bis jetzt entwickelt er sich prima.

Liebe Grüße,

vam-pir-ella

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Schön, wenn die Mutter dann kooperativ ist und wirklich nichts mehr trinkt. Leider ist das oft nicht der Fall und die Kinder sind geschädigt – mal mehr, mal weniger. Der Grund warum ich nachfrage ist: wir möchten ein Geschwisterkind adoptieren und es gibt eben sehr viele FAS geschädigte abzugebende Kinder bzw. Babys aus Alkoholschwangerschaften. Auch Down Syndrom ziehen wir in Betracht, allerdings gibt es relativ wenige, die zur Ado freigegeben werden.

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Ich denke, dass es niemals eine Garantie auf ein Leben ohne Behinderung gibt.
Jedes Kind/jeder Mensch kann im Laufe seines Lebens gehandicapt werden. Sei es durch eine Krankheit, einen Unfall...
Ich möchte dir jetzt nicht zu nahe treten, aber würdest du ein Kind gebären und nicht adoptieren, dann hättest du die Garantie auf eine sorglose Entwicklung genauso wenig.
Wenn ich mir vorstelle, eins meiner Kinder wäre aus irgendeinem Grund plötzlich gehandicapt, dann würde ich es mit 100% Sicherheit unterstützen wo es nur geht. Von der Liebe mal ganz zu schweigen.
Und ich bin mir sicher, dass Adoptiveltern ihr Kind nicht weniger lieben :-). Ganz egal wie es sich entwickelt.

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Hallo,
ein Kind mit FAS ist ein Überrschungspaket. Melde dich mal bei rehakids an. Dort gibt es einige. Du solltest dir auch immer im Klaren sein, dass man die Stärke der späteren Behinderung einem Baby nicht ansieht. Meine Söhne haben auch eine Vergiftung in der SS erlitten (nicht FAS, sondern durch Medikamente). Sie haben zahlreiche Fehlbildungen, Autismus, geistige Behinderung (der Kleine; der Große hat einen normalen IQ),... Beide werden schon sehr lange therapiert. Es gibt viele KH-Aufenthalte. Das ist sehr schwer für uns. Die Ehe ist daran zerbrochen. Wir sind jetzt kurz vor der Scheidung. Es sind eben schwer behinderte Kinder (mit SBA und Pflegestufe).

Mein Leben ist voll nach den kindern ausgerichtet. Früh erledige ich Behördenkram (Anträge, Anhörungen, Widersprüche, Beantragungen,...) und mache die Kommunikationsbücher der Kinder. Wir haben ein AuPair. Sie holt die Kinder aus den Kindergärten mittags ab und dann essen wir. Nachmittags sind Arzttermine oder Therapien oder - ganz selten - spielen wir mal. Für ein behindertes Kind muß man sehr viel kämpfen in dieser Gesellschaft. Für einen kindergartenplatz, für eine gute Schule, für eine Pflegestufe, für einen Platz in der Frühförderung, für einen (zeitnahen) Platz beim SPZ, für einen richtigen SBA,...

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Vielen Dank für deine ausführliche und vor allem ehrliche Antwort. Das ist es, was ich meine, nur Liebe reicht nicht. Der gesamte Alltag ist nach dem Kind (den Kindern) ausgerichtet. Das muss man wollen und darf keine – wenn man bewusst entscheiden kann – Hauruck-Aktion sein. Informationen, Gespräche mit Fachleuten, Eltern betroffener Kinder etc. sollten vorangehen – und auch dann ist und bleibt die Zukunft ungewiss in Bezug auf die Entwicklung des Kindes. Danke für den Link-Tipp, ich/wir werden uns weiter einlesen. Wir haben im Umfeld Eltern mit Handicap-Kindern (Ado, Dauerpflege, leiblich) und wissen, wie dringend Eltern gesucht werden. Keine leichte Entscheidung und Aufgabe.

Der Gedanke reift schon länger. Momentan sortieren wir, was wir uns zutrauen und was nicht. Sich komplett (auf)opfern ist auch nicht zum Kindeswohl.

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Hallo!

Ich habe zwar kein behindertes Kind im definierten Sinne, aber unser Sohn hat schon seit der Geburt Probleme. Vorallem komplexe Wahrnehmungsprobleme und daraus resultierend sozio- emotionale Schwierigkeiten. Ursache ist nicht auffindbar... Zum Glück ist der IQ nicht betroffen.
Auch ich bin seit 5 Jahren unterwegs zu Therapien, Ärzten und KH und kämpfe so manchen Kampf mit Behörden.
Wir konnten es uns nicht aussuchen und wir lieben unseren Sohn von ganzem Herzen. Wir haben unser Leben angenommen wie es ist...

Ich habe es bei Dir aber so verstanden, daß ihr ein behindertes Kind adoptieren wollt?!

Ich würde es mit meinem Wissen das ich jetzt habe nicht tun... ein Kind adoptieren- ja, und auch da kann es die Eltern treffen ohne es vorher zu wissen. Das wäre kein Problem für mich. Dann ist es für mich ein annehmbares Schicksal.
Aber wissentlich dafür entscheiden würde ich mich nicht!!!!!!!!!!!

Ich habe den größten Respekt vor Euch, daß ihr darüber nachdenkt. Das finde ich toll, denn auch für diese Kinder wünsche ich mir ein liebevolles Elternhaus... und ich wünsche den Kindern noch mehr Leute wie Ihr!!!!

Viel Glück!

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Hallo

der Enkel meines Schwagers ist durch Alkohol- und Drogenmissbrauch der Mutter in der SS stark gehandicapt. Körperlich ist er durch einen Herzfehler und eine nicht frühzeitig behandelte Hüftdysplasie beeinträchtigt. Er ist sehr zart gebaut, fast schon zerbrechlich. Von der Entwicklung ist er auf dem Stand eines 3-Jährigen. Er ist 6 Jahre alt, hätte dieses Jahr theoretisch zur Schule gemusst, konnte aber zurückgestuft werden und wird dann im nächsten Jahr in einer Schule für geistig Behinderte eingeschult. Viele Probleme rühren zum einen aus der SS, aber bei ihm ist leider auch viel in den ersten 2 Jahren seines Lebens schief gelaufen, als er noch bei seiner Mutter lebte. Jetzt lebt er bei meinem Schwager und das was ich von seinem Alltag mitbekomme ist echt hart. Der Kleine besucht eine I-Kita, bekommt psychologische Betreuung, Ergo und Frühförderung - es ist sehr viel Programm. Dazu kommen noch die Arzttermine wegen seinen körperlichen Problemen. Das ist noch der überschaubare Teil. Wirklich anstrengend ist sein Verhalten und seine Persönlichkeit. Er ist praktisch ruhelos, wuselt permanent herum, reißt irgendetwas herunter oder fällt selber hin, man muss also permanent hinter ihm stehen zur Schadensbegrenzung. Spielen geht kaum, da er sich nicht auf eine Sache konzentrieren kann, geschweige denn ma 5 min still sitzen. Schlafen tut er auch kaum. Sprachlich kann er sich nur wenig ausdrücken und er versteht auch vieles nicht. In andere Kinder kann er sich nicht hineinversetzen, ist dadurch tw. ungewollt grob. Was soll ich sagen, so leid wie mir der Kleine tut - es ist sehr sehr hart ihn zu betreuen. Ich bin schon nach kurzer Zeit am Ende meiner Kräfte. Ich ziehe jedenfalls vor jedem den Hut, der das kann ohne an seine Belastungsgrenze zu geraten.

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Danke für deine Antwort. In Bezug auf das Verhalten: das ist auch bei angenommenen Kindern mit Frühtraumatisierung sehr häufig der Fall. Die meisten angenommenen Kinder bringen ein großes "Päckchen" mit.

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Ja, das lässt sich meist nur schwer trennen, woher was kommt. Leider dauert es von Amtsseite oft viel zu lange, bis eingegriffen wird. Sie hatte den Kleinen eingesperrt und ist ausgegangen. Er wurde einfach sich selbst überlassen, das liegt natürlich schwer auf einer Kinderseele. Furchtbar war damals die Machtlosigkeit - wenn man den Kleinen an der Hand nimmt und einfach weggeht, dann bekommt man ja Probleme wegen Kindsentführung. Ich denke auch eine Adoption ist nicht mal eben so getan. Man braucht schon eine ganz besondere Persönlichkeit und Wesensstärke - ich habe echt Respekt davor. Mein Schwager ist schon sehr geschlaucht - aber er liebt den Kleinen und tut alles, damit er noch eine Chance bekommt.

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Hallo,
eine Arbeitskollegin hat vor (ich glaube mittlerweile) 6 Jahren ein Mädchen direkt nach Geburt adoptiert deren Mutter Drogen- und Alkoholabhängig war.
Sie hatten sehr viel Glück! Die Kleine wurde bis fast zum Ende ausgetragen und hat den "entzug" nach der Geburt auf der Intensivstation gut weg gesteckt.

Das letzte Mal habe ich mit ihr über die Kleine vor 1,5Jahren gesprochen (bin derzeit noch im Erziehungsurlaub) und bis dato hatte die Kleine keine Auffälligkeiten.

Sie hatten eine "offene Adoption" und sie hat zusammen mit der Kleinen die leibliche Mutter auch 2-3x besucht, wo die Mutter auch meist unter alkoholeinfluss stand.

Ich ziehe den Hut vor eurer Überlegung und wünsche euch alles Gute!

C.

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hallo

ich habe einmal in einer Kindertagesklinik gearbeit mit unter gab es dort auch solche kinder , sowas muss gut überlegt werden,weil einem Kind merkt man kaum etwas an aber eckt trotzdem an , anderen sieht man dieses Problem FAS schon leider an da es auch zu Veränderungen im Gesicht kommen kann , vielleicht hilft Dir folgender Link :

http://www.fetales-alkoholsyndrom.de/index.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Fetales_Alkoholsyndrom

es ist halt unterschiedlich, es kommt darauf an,wieviel hat die Mutter getrunken,wielange der SS und und und..........so etwas mag gut überlegt werden.
ich hatte "nur" ein frühchen aber war ständig geklatscht.......immer wieder eine neue diagnose...therapien...........schon das empfand ich als sehr anstrengend.......aber es lohnte sich........

liebe grüsse.

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Vielen Dank für deine Antwort und die Links. Meine Tochter war auch ein Frühchen und hatte eine Drogenvorgeschichte – trotzdem ist sie mittlerweile ganz gesund. So ganz unbedacht sind wir mit der Thematik nicht. Trotzdem ist Alkoholsucht in der Ss noch mal einen Ticken anders.

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