Rebeccas laaaaaanger Start ins Leben!

Ich hatte mir Deine Geburt lange Zeit vorher bereits im Detail vorgestellt… spätabends fangen die Wehen langsam an, ich gehe in die Wanne und merke, ja, es geht wirklich los! Die Nacht über beschäftige ich mich noch mit diesem und jenem, die Wehenabstände werden kürzer, so gegen 5 Uhr morgens rufe ich Deinen Papa an und lasse ihn herkommen. Dann sind wir um halb acht im Krankenhaus, die Wehen werden mehr und öfter, und dann kommt der Zeitpunkt, wo ich in die Wanne wechsele. Dort kniee ich am Beckenrand, Dein Papa auf der anderen Seite, und ich presse Dich in das warme Wasser. Papa und ich heben Dich gemeinsam aus dem Wasser hoch, und die Ärztin kann sogar ein Foto davon machen!

Klingt traumhaft schön… aber es kam alles ganz anders!

Mittwoch, 10.10.2012

Dein eigentlicher Termin war der 04.10.2012. Ich habe mal wieder CTG-Termin, wie alle 2 Tage seit ET. In der Praxis werde ich mit den Worten begrüßt „Was machen Sie denn hier, sie sollen doch mal ein Kind kriegen!“ Würde ich ja gerne, aber das CTG sieht mal wieder nicht danach aus… keine einzige Wehe weit und breit, Herztöne immer noch top. Ich bitte darum, dass der Gebärmutterhals kontrolliert wird. Er ist 3,6cm lang und fest geschlossen. Sieht echt nicht danach aus, dass Du Dich bald auf den Weg machst! Für Freitag ist die Zwangsräumung eingeplant, der Termin im Kreißsaal ist schon ausgemacht.

Wenigstens kommt Tanja heute mit Pia vorbei, das baut mich ein bisschen auf! Wir wollen das Wandtattoo in Deinem Zimmer aufkleben, aber das ist gar nicht so einfach. Es ist eine Menge Gefrickel und ich muss lange in einer komisch gebückten Haltung stehen, sehr unbequem… entsprechend habe ich nachmittags ziemlichen Druck im Unterbauch. Tanja geht mit Pia spazieren, und ich liege auf der Couch und versuche zu entspannen. Irgendwann kommen wellenförmige Schmerzen dazu, etwa doch Wehen? Sie kommen alle 7 Minuten, hören aber dann wieder auf. Wohl eher ein Fehlalarm, so dass wir noch mit Lea rausgehen und eine Kleinigkeit zu Abend essen.

Gegen 21 Uhr fährt Tanja dann. Eine halbe Stunde später sind die Wehen wieder da! Ich skype mit Deinem Papa, erzähle ihm davon. Nebenher versuche ich meine Hebamme Jenny zu erreichen, aber sie reagiert weder auf SMS noch auf einen Anruf. Um halb elf beschließen wir, doch mal im Kreißsaal anzurufen… Dein Papa soll sich ins Auto setzen und her kommen, also schaue ich ihm per Skype noch beim Packen zu.

Donnerstag, 11.10.2012

Dein Papa ist um kurz nach eins in der Nacht zuhause. Ich habe inzwischen alle 5 Minuten Wehen, aber er kriegt noch einen Kaffee zum richtig Wachwerden. Bevor wir ins Krankenhaus fahren, gehe ich nochmal zur Toilette, sicher ist sicher… dabei verliere ich etwas Flüssigkeit. Im Kreißsaal, wo wir um kurz nach 2 ankommen, ist man sich sicher: Das war der Blasensprung! Ab jetzt tickt die Uhr, wenn in 12 Stunden noch nichts Wesentliches passiert ist, wird medikamentös unterstützt, nach 18 Stunden gibt es ein Antibiotikum. Ein letzter Kontroll-Ultraschall: Du wirst auf 3400 gr geschätzt, leider liegst Du ein bisschen verdreht, fast in Sternenguckerposition. Aber man beruhigt mich, dass Du Dich im Verlauf der Geburt noch drehen kannst. Bisher ist der Gebärmutterhals noch nicht verstrichen, erstmal bleiben wir also im Kreißsaal und ich wehe so vor mich hin…

Um 7 Uhr ist immerhin mal die Fingerkuppe einlegbar. Tja, wird wohl doch keine so schnelle Geburt… damit ich mich nochmal etwas ausruhen kann, bekomme ich einen Schmerztropf und soll erstmal auf Station. Dein Papa fährt nach Hause und versorgt Lea. Dafür dürfte er noch genug Zeit haben!
Das nächste CTG ist um 11 Uhr, darauf sind alle 5 Minuten Wehen zu sehen. Der Gebärmutterhals ist immer noch nicht ganz verstrichen, immerhin kommt man jetzt schon mit dem Finger durch. Meine Hebamme Jenny hat jetzt Dienst, und offenbar gab es ein Problem mit dem Handynetz. Auf ihrem Handy kam weder die SMS, noch der Anruf durch! Naja, jetzt kann sie uns ja doch bei der Geburt begleiten. Allerdings werden die Wehen so langsam immer weniger… Inzwischen ist Dein Papa auch wieder da, versorgt mich mit Getränken und Schoki. Ich finde es sehr beruhigend, dass er in meiner Nähe ist, auch wenn er im Moment noch nicht viel tun kann. Wehen habe ich nur noch alle 30 Minuten, aber da wenig los ist, dürfen wir im Kreißsaal bleiben. Wenigstens gibt mir das noch einmal die Chance auf ein kleines Nickerchen zum Kraft schöpfen!

Wie nötig das ist, merke ich erst später… Um 15 Uhr bekomme ich eine Vierteltablette Cytotec, da ja der Blasensprung jetzt doch schon über 12 Stunden her ist und langsam mal was voran gehen muss! Wir haben inzwischen die 3. Hebamme, Kristina, die mir erklärt, dass das erstmal eine Testdosis ist, man will sehen, wie gut wir zwei darauf reagieren. Ohje, und wie wir reagieren!!! Eine Stunde später schicke ich Deinen Papa, mir die Hebamme holen, ich kann nicht mehr! Ich habe quasi eine einzige Dauerwehe mit Schmerzspitzen, und ich kann sie nicht mehr veratmen, kann mich dazwischen nicht mehr erholen… Kristina untersucht mich, das Liegen ist sehr unangenehm, da kann ich noch schlechter veratmen. Der Gebärmutterhals ist jetzt verstrichen, der Muttermund 3 cm auf – ich will eine PDA!

Kristina hat Erbarmen mit mir und bestellt die Anästhesistin. Die sieht aus wie eine russische Kugelstoßerin und erklärt mir mit passendem Akzent, wie eine PDA geht und was dabei passieren kann. Ich will das gar nicht hören, kenn ich doch alles, ich will nur, dass es passiert! „Gibt Fälle in Weltliteratur von Querschnittslähmung…“ Quatsch nicht, mach! Leider ist nebenan im Kreißsaal jetzt doch Endspurt angesagt, so dass Kristina nicht bei mir sein kann, und auch im OP wird gearbeitet. So dauert es noch bis 18 Uhr, bis endlich die Mamutschka wieder da ist und versucht, mir die PDA zu legen. Dank der immer noch anhaltenden Dauerwehen kann ich mich aber nicht genug entspannen und die Kugelstoßerin kommt nicht in den Spinalkanal! Erst als die Kreißsaal-Ärztin Dr. Dörbecker mir einen Wehenhemmer gibt, kann ich locker lassen… Der 5. Versuch sitzt endlich, und die PDA beginnt zu wirken. Herrlich!!! Ich spüre die Wehen noch, aber die massiven Schmerzen sind weg. Jetzt kann ich Deinen Papa auch nochmal zu Lea lassen.

Um 21 Uhr ist der Muttermund ganz geöffnet, und Du liegst auch wieder richtig. Vielleicht wirst Du ja doch noch heute geboren! Ich gehe nochmal zur Toilette, inzwischen haben wir auch mal Musik angemacht. Die Stimmung ist entspannt, alles wartet auf die Presswehen. Die lassen sich aber noch Zeit… kein Problem, Du musst eh noch ein bisschen nach unten rutschen, bevor das Pressen Sinn macht. Kristinas Schicht ist dann auch vorbei, es übernimmt Christine. Unsere 4. Hebamme inzwischen, wir sind schon ganz schön lange hier! Aber Du lässt Dir weiterhin Zeit, nur ganz langsam arbeitest Du Dich nach unten vor, obwohl ich schon vorsichtig mitschiebe.

Freitag, 12.10.2012

Mein Wunschdatum ist erreicht… ich hätte Dich auch gerne schon vorher kennengelernt! Aber jetzt kann es ja nicht mehr lange dauern. Christine sagt, ich soll mich nochmal auf die Seite legen, das ist echt keine gute Idee! Auf einmal drückt es unten wahnsinnig, und ich habe das Gefühl, ich muss jetzt sofort nochmal auf die Toilette! Christine ist gar nicht begeistert, aber ich verspreche hoch und heilig, nicht zu pressen und Dich nicht auf der Toilette zu kriegen, dann darf ich gehen. Schnell muss ich allerdings feststellen, dass der Druck tatsächlich von Deinem Köpfchen kommt… also wieder raus und zurück zum Bett. Hinlegen will ich mich allerdings nicht mehr, auch nicht, als Christine mich nochmal untersuchen will! Ich bin einfach nur noch genervt und will Dich jetzt endlich sehen dürfen, also knie ich mich vor den Ball und versuche, Dich nach unten zu atmen und zu schieben. Christine erlaubt mir zu pressen, aber im GVK hieß es, man solle nicht mit Gewalt pressen, sondern eben sanfter, mehr so schieben…

Ich schiebe wie eine Wilde, aber es geht nur sehr langsam voran. Zwischendurch kriegt Dein Papa endlich die Handcreme, nach der er vor einer Stunde gefragt hatte. Leider riecht die echt eklig, bisher lag er quer übers Bett, mir gegenüber, und wir haben uns an den Händen gehalten. Aber das geht jetzt nicht mehr, sonst press ich auch was oben raus! Ich ziehe also meine Hände weg, das muss sehr verwirrend für ihn sein… aber erst in der nächsten Pause kann ich ihm das mit dem Geruch erklären, und er geht sofort Händewaschen. Christine schimpft mich derweil, dass es nicht sein kann, dass mir die Kraft ausgeht, schließlich presse ich ja noch nicht mit aller Kraft! Na gut, dann also doch mehr Gewalt reinlegen, das schaff ich jetzt auch noch!

Inzwischen ist eine Stunde vergangen, von wegen, nach maximal 10 Presswehen ist alles vorbei! Christine schlägt vor, mir mit Katheter mal die Blase zu entleeren, damit die nicht mehr im Weg ist. Hinlegen kann ich mich dafür nicht, aber es könnte auch auf dem Gebärhocker klappen. Wir versuchen es also, es funktioniert auch sehr gut, und ich finde, so kann man sehr gut pressen! Dein Papa setzt sich hinter mich auf den Ball, so kann ich mich zwischen den Wehen nach hinten lehnen und verschnaufen. Und jetzt geht es – gefühlt – ganz schnell… Noch ein paar Presswehen, und dann weiß ich plötzlich, noch ein Mal und Dein Kopf ist durch! Um 01:45 ist es soweit, und auf einmal ist alles gut, ich bin entspannt und glücklich, ich weiß, gleich bist Du da! Ein letztes Mal pressen, und dann liegst Du vor mir… Es ist der 12.10.2012, 01:47 Uhr. Du bist blau, die Nabelschnur ist zweimal um Deinen Hals gewickelt, und Du liegst in einer Riesenblutlache, aber Du bewegst Dich und machst kleine Geräusche, und das genügt mir. Ich bin ganz ruhig und entspannt.

Christine wird allerdings etwas hektisch, sie nabelt Dich sehr schnell ab und packt Dich in die Überwachungseinheit. Du brauchst Sauerstoff, Dein erster Apgarwert ist nur 6, aber ich kann Dich hören. Vor lauter Glücklichsein merke ich gar nicht, dass ich weiter Blut verliere, und so kommst Du erstmal zu Papa auf den Arm, während Christine und Dr. Dörbecker versuchen, die Blutung bei mir in den Griff zu bekommen. Endlich ist es so weit eingedämmt, dass ich wieder auf das Kreißbett kann. Ich habe einen Dammriss, der noch genäht werden muss, ich habe 1,5 l Blut verloren, aber Dir geht es gut und endlich darf ich Dich im Arm halten. Du bist einfach wunderschön, mit ganz vielen dunklen Haaren und ganz langen Wimpern, und ich liebe Dich vom ersten Moment an! Willkommen, meine Kronprinzessin, Willkommen, kleine Rebecca!

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sehr schöner Bericht #verliebt#winke

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Wirklich sehr schön geschrieben! Und wirklich unfassbar, wie man anscheinend alles vergisst, auch die Sorge um sich selbst, sobald das Baby gesund draußen ist.

3

Oh, wie schön....
Ich lese wirklich viele Geburtsberichte, aber deiner bzw. eurer ist wirklich unglaublich schön...so persönlich:-D und liebevoll#herzlich

Glückwunsch zur Tochter und von Herzen eine unvergessliche Babyzeit!

Lerchen

4

Schöner Bericht - habe sehr gelacht über die Schilderung der Anästhesistin... :-) Glückwunsch zum Baby und Euch eine schöne Kennenlernzeit!

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soo schön geschrieben, da habe ich mich und die geburt meines sohnes an ganz vielen stellen wiedergefunden :)

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