Da haben sich die vielen Übungswehen gelohnt

Es ist Donnerstag der 19.07.2012. Ernüchtert stelle ich beim Aufwachen fest, dass ich nachts keine einzige Wehe hatte und auch beim Aufstehen kein Ziehen zu spüren war.
War ja klar. Heute bin ich ssw 39+1 und werde wohl über Termin laufen. Heute kommt jedenfalls kein Baby auf die Welt – naja, vielleicht morgen.

Seit Montag hatte ich immer wieder mal ziemlich heftige Wehen…Am Mittwoch war ich schon völlig frustriert deswegen. Die Wehen fühlten sich fast echt an und dann hörten sie plötzlich wieder auf! Das machte mich IRRE!

Wir ließen unseren großen Sohn heute daheim, frühstückten in Ruhe und fuhren dann in den Wald zum Heidelbeeren pflücken. Mein Mann hatte sogar den edlen Vorsatz Pilze zu finden (wir sind so was von schlecht im Pilze suchen…)

2h sind wir im Wald herumgerannt! Ich war noch nie im Wald um Heidelbeeren zu pflücken, deswegen machte mir das einen riesen Spaß – auch wenn ich nur 300g zusammen bekommen habe. Danach tat mir mein Rücken einfach zu sehr weh.
Mein Mann hat ein paar Bitterröhrlinge gefunden – wir haben sie im Wald gelassen.

Fürs Mittag haben wir dann Pfifferlinge gekauft…

Beim Essen spürte ich plötzlich ein dezentes „knack“. Aber den hoffnungsvollen Gedanken „War das die Fruchtblase?“ schob ich entnervt beiseite, als keine Flüssigkeit zu spüren war.

Zeit für Mittagsschlaf.
14:30 AUA!!!! Heftige Schmerzen im Rücken reißen mich aus dem Schlaf. Das fühlte sich ja fast an wie Presswehen??!!?! Leicht panisch richte ich mich auf. Es wird ein bisschen feucht zwischen meinen Beinen… Oh nein. Jetzt hab ich mir eingepinkelt – es lebe der gestresste Beckenboden, dabei war ich doch erst auf dem Klo… aber für Fruchtwasser ist das viel zu wenig, außerdem hats aufgehört mit Laufen.
Klamotten wechseln und noch ne Runde ins Bett. Vorsichtshalber leg ich aber doch ein Handtuch unter – man weiß ja nie…
Ich dusel grad weg, da kommen wieder die Schmerzen, diesmal eindeutig als Wehen identifizierbar. Und dann ein Moment der Freude: es läuft wieder was aus mir raus! So viel Urin passt nicht in meine Blase!
Ich hämmere gegen die Wand um meinen Mann zu rufen.
„Schatz, ruf deine Mutter an, ich hab nen Blasensprung“
Endlich ein eindeutiger Geburtsbeginn! Kein ständiges Grübeln, ob die wehen nun echt sind, oder nicht. Kein möglicher Fehlalarm. Wir bekommen unser Baby!

Die Fahrt ins KH geht durch den größten Feierabendverkehr. Mein Mann und ich witzeln herum und ich stelle mal wieder fest, dass selbst die fieseste Wehe meinen Humor nicht abtöten kann. Allerdings sollte ich mich während der Wehen auf das Veratmen konzentrieren und nicht lachen…

Im Krankenhaus angekommen rede ich nicht lange um den heißen Brei „Wir möchten heute unser Baby bekommen“.
Die Hebamme wirkt leicht panisch, als sie erfährt, dass ich nen Blasensprung UND Wehen habe – ich schiebe ihre Reaktion auf ihre Jugend. Sie sieht aus wie eine Anfängerin. Aber ich fand sie schon nett, als ich sie während eines stationären Aufenthaltes kennen gelernt hatte und dachte damals „Bei der kann ich mir vorstellen zu entbinden“.

Sie stellt mich erst mal vor die Wahl „CTG oder Untersuchen“. Ich entscheide mich erst mal fürs CTG – so habe ich schließlich die erste Geburt auch angefangen… Dann wieder eine Entscheidung „Liegen, oder Sitzen?“ Ich will stehen. Ich muss mich bewegen. (Dummerweise hängt sie den Toko-Knopf zu locker, der fliegt runter und geht kaputt)
Nach 10 Minuten CTG ist sie wieder da. Jetzt will sie mich untersuchen – aber nicht, ohne mir wieder eine Frage zu stellen „möchten sie ein Nachthemd von uns?“
Ja… ich hab kein eigenes Nachthemd.

Dann schickt sie meinen Mann zur Krankenhausanmeldung – Papierkram machen.
Wir gehen ins Untersuchungszimmer und wieder stehe ich vor der Wahl: Erst aufs Klo, oder erst untersuchen? Langsam komme ich mir vor wie bei Mc Donalds: „Maxi oder Spar? Ketchup oder Majo?“
Zum xten Mal betone ich, dass mir prinzipiell alles Wurst ist, ich will einfach nur noch mein Kind zur Welt bringen. Zwischen den Wehen ist mal mehr und mal weniger Zeit und ich benötige alle meine Konzentration für das Veratmen der Wehen. Ich bereue etwas, das Buch über Schwangerschaft und Hypnose nicht zu ende gelesen zu haben. Mir bleibt nur die Farbe Grün. Anfangs versuche ich noch, mich während der Wehen in die Vorstellung von Wald zu flüchten, aber mehr als Grün bekomme ich nicht zu stande. Und immer schön atmen: 1,2,3,4,5 Einatmen. 1,2,3,4,5,6,7 Ausatmen…
Die Untersuchung ergibt Muttermund auf 3cm. Schick…

„Wie lange hat die Geburt ihres ersten Kindes gedauert?“
„7h“
„Das halbieren wir mal“
„Wenn sie meinen…“ 3,5h??? Im Leben nicht! So schnell gebären vielleicht andere, aber ich doch nicht.
„In welchen Kreissaal möchten sie denn? Rosa, Grün, oder Afrika“ – und wieder stehe ich vor der Wahl…
„Afrika“ Diesen Kreissaal kannte ich noch nicht. Ich war schlicht neugierig, wie der aussah. Schick sah er aus. Klein, aber fein.

Jetzt muss ich mich aber aufs Gebärbett LEGEN. Nochmal CTG schreiben.
Die nächste Wehe lässt nicht auf sich warten. WOW das tut weh…
Die Hebamme hat irgendwas zu tun und geht. Mit der nächsten Wehe bin ich allein. Oh mein Gott tut die WEH!!! Ich wimmere nach meinem Mann. Und ich will ne PDA!!! Diese Schmerzen ertrage ich keine 5-6 Stunden.
Die Hebamme kommt und ich sag ihr gleich was Sache ist.
Sie zweifelt daran, ob wir das noch schaffen…Ist sich aber nicht sicher.
Als sie die Flexüle legen möchte, rollt die nächste Wehe an.
Jetzt ist es mir egal, ob ich liegen soll. Ich KANN nicht mehr liegen. Die Hebamme stellt die Lehne vom Gebärbett auf, so dass ich mich abstützen kann.
Ab jetzt hilft nur noch Schreien und das Vorhaben PDA wird kurzfristig ad acta gelegt. Mein Mann ist etwas erschrocken, als er in den Kreissaal kommt. SO hatte er mich eigentlich nicht zurückgelassen…Ich bin überglücklich ihn zu sehen.
Die Wehen kommen mal stärker und mal schwächer. Mal sind die Abstände größer, mal kleiner. Und plötzlich kommt noch etwas hinzu: Pressdrang.
Jetzt schon???? Oder muss ich in Wirklichkeit doch nur aufs Klo??? Wir haben den Einlauf vergessen. Ich bekomme meinen Kopf nicht ausgeschaltet und veratme mindestens 3 Presswehen, weil mich die Vorstellung, ins Gebärbett zu machen, irre macht.
Die Hebamme fordert mich immer wieder auf zu Pressen und irgendwann gelingt es mir zu wimmern, dass ich mich nicht traue.
Ich will nicht, aber ich muss. In meiner Verzweiflung schlage ich auf das Bett ein (mir tut die Hand 1 Woche später immer noch weh…)
Aber schließlich siegt die Vernunft. Wenn ich nicht presse, muss der Kleine vielleicht per Saugglocke geholt werden. Aber es geht gaaanz langsam voran. Das Baby rutscht sogar immer wieder zurück… Ich trau mich einfach nicht.
16:27 Uhr
Doch dann ist er endlich geboren.
Schön, wenn der Schmerz nach lässt!

Ich muss erst mal einige Sekunden verschnaufen, dann rutsche ich vorsichtig nach hinten um mir die Bescherung genauer anzusehen.
Soooo ein kleines Baby!
Und so ein lautes!
Und so ein behaaaaartes!
Ich hab einen kleinen Orang Utan zur Welt gebracht! Sein ganzer Körper ist von einem dichten, rötlichen Flaum bedeckt.
Ich bin einfach nur seelig. Mensch ist der Kleine süß! Und mir tut überhaupt nichts mehr weh. Wir bekommen Zeit, den Kleinen ausgiebig zu bewundern, dann wird die Nabelschnur abgetrennt und die Plazenta geboren.
1 Stunde lang dürfen wir kuscheln, dann wird gebadet und gemessen.
Gewicht: 3755g (Ich hatte von 3770g geträumt – aber der Winzling hatte ja schon etwas Gewicht in Form von Pipi auf meinem Bauch hinterlassen…)
Länge: 53cm (soooo klein war er ja gar nicht. Der große Bruder war kleiner)
Kopfumfang: 36cm (hier machte sich das langsame Pressen bezahlt. Beim großen Bruder hatte ich trotz kleinerem Kopfumfangs mehr Abschürfungen)
20:30 dürfen wir das Krankenhaus verlassen. O-Ton mein Mann: „Einkaufen gehen ist anstrengender!“ (für ihn vielleicht ;-))

Es war ein langer Weg bis zu unserem zweiten Sohn. 3 Fehlgeburten mussten wir in Kauf nehmen. 4 Packungen Utrogest brauchten wir um die ersten 12 schwangerschaftswochen zu überstehen. Ich hatte ne Laktoseunverträglichkeit, ne Beckenblockade, ne verschobene Symphyse, Übungswehen seit der 18.ssw… War schon eine turbulente Zeit. Immerhin liefen nebenbei noch Studium, Praktikum, Arbeit und mein großer Sohn.
Aber nun ist mein kleines Wunder da. Und alles, was vorher war, ist nur noch eine Erinnerung.
Meine Söhne dagegen sind Gegenwart. Und die ist wichtig

1

ich gratuliere dir zu deinem Söhnchen#freu das hast du aber sehr schön alles beschrieben und wenn man das so liest wünsche ich mir auch solch eine Geburt ;-) hab schließlich auch seit der 18. ssw Übungswehen.

2

Willkommen kleiner *Orang Utan*#baby und Herzlichen Glückwunsch#fest

so ein süßer toller Bericht, da fühlt man sich als wäre man mittendrin und versucht mit zu pressen...#rofl#rofl#rofl

Alles Gute Für Euch#klee

3

Wunderbar geschrieben!

Hab richtig mitgefiebert... und mit gelacht, Ketchup oder Majo, Groß oder klein....#rofl#rofl#rofl#rofl#rofl#rofl#rofl#rofl#rofl

4

zauberhafter geburtsbericht, der beste den ich bis jetzt gelesen habe.
alle gute für euch.#winke

5

Herzlichen Glückwunsch zum Sonnenschein.
Ich hoffe ich mach es Dir bald nach. :-)

#winke

6

Herzlichen Glückwunsch zum zweiten Sohnemann!#herzlich

Du warst letztes Jahr glaube ich mit mit zusammen im ET Januar 2012 Club und musstest ihn dann vorzeitig verlassen. Um so mehr freut es mich, dass dieses Mal alles gut gegangen ist!#liebdrueck

Genießt eure Zeit zu viert!

Liebe Grüße
Sabine

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