Physiotherapeuten hier? (vielleicht sogar Lehrer?)

Hallo,

meine Tochter möchte unbedingt Physiotherapeutin werden. Bitte keine Hinweise auf die Gehälter, das haben wir schon durch :-)))

Jetzt ist sie zweimal durch den Aufnahmetest gefallen, weil es bei ihr selbst mit der Koordination "etwas hapert". Ist das denn wirklich so wichtig? Klar, man muss den Patienten die Übungen selbst zeigen können, das funktioniert ja auch, aber ich sage mal, Rhythmik und Eleganz ist jetzt "nicht so stark ausgeprägt" (bitte entschuldige, meine Süße, bist ansonsten ein tolles Mädchen).

Sie hat jetzt schon ein halbes Jahr Praktikum in einer Praxis gemacht und weiß auch, was auf sie zukommt. Viel, viel lernen (klar, muss immer sein) und sie ist auch bereit, an sich selbst hart zu arbeiten. Aber wie bringt man das in einem Gespräch am besten vor.

Ein grundsätzliches Problem, dass sich echt wie ein roter Faden durch ihr bisheriges Leben zieht, ist, dass sie immer wieder von Fremden sehr unterschätzt wird, weil sie extrem zurückhaltend ist. Selbstbewusstsein gleich null. Da ist es halt auch schwierig, selbstbewusst und überzeugend in einem Vorstellungsgespräch rüberzukommen.

Muss sie sich wirklich von ihrem Traumberuf verabschieden?

LG

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Hallo,

Ich bin Physiotherapeutin und habe Ihre Frage gelesen und weiss gar nicht wo ich anfangen soll.
Bitte bitte bitte nicht diesen Weg gehen!!!
Es ist ein Traum der zum absoluten Albtraum wurde.
1. Gesundheitlicher Aspekt:
Jede/r Physio hat nach wenigen Jahren in diesem Beruf körperliche Probleme. Die meisten haben mit spätestens 40 mind. 1 Bamdscheibenvorfall ( egal wie kinästhetisch man arbeitet). Die über wenigen Kollegen über 50 haben Arthrose in den Fingern und anderen Gelenke.
Man wird nicht gesund alt in diesem Beruf.
2.Arbeitsbedingungen
sind leiser katastrophal. In den Praxen gibt es Schichtarbeit ( Früh-und Spätschicht)oft bis 20 Uhr.

3.Fortbildungen
werden vorrausgesetzt und sind sehr teuer und man muss seinen Urlaub oder die Wochenenden dafür opfern. Man bekommt aber nicht mehr Geld und wenn dann ist es sehr wenig.
Eine meiner engagierten Kolleginnen hat die Manuelle Therapie Fortbildung gemacht die mehrere Jahre dauert und mehrere Tausend Euro kostet. Sie hat chronische Sehnenscheidenentzündungen und Rückenbeschwerden UND kann nun keine Manuelle Therapie machen.

4.Man will Menschen helfen
20 Min in der Praxis sind fast sinnlos, wenn der Patient nicht die Übungen macht.
Viele wollen nur massiert werden.
Es ist frustrieren wie wenig man oft tatsächlich ausrichten kann.

5. Gehalt
Sie sollten ja keinen Kommentar dazu.
Es steht in keinem Verhältnis zu dem was man leisten muss.

6.Veränderung über die Jahre:
Ältere Kollegen raten den Jüngeren was anderes zu lernen weil es immer schlimmer wird und es einmal viel besser war.

Und ja:
Für diesen Beruf braucht man tatsächlich Rhytmusgefühl und man sollte, wenn möglich sportlich sein und ein gutes Körpergefühl haben.
Die Anforderungen für diese Ausbildung sind um einiges höher als bei den meisten Ausbildungen. Es ist wie ein kleines Medizinstudium und die meisten die es gemacht haben ( und geschafft haben) bereuen es zutiefst.
Die meisten studieren danach oder machen was ganz anderes.
Ich habe für diese Ausbildung mein Studium, dass ich davor begonnen hätte, geschmissen und studiere jetzt nach 4,5 Jahre in diesem Beruf wieder.
Nach meinem Bachelor hoffe ich, dass ich nie wieder als Physiotherapeutin arbeiten muss

Ich hoffe für Ihre Tochter, dass sie etwas findet, dass ihr Spass macht und das sie nicht auf Dauer arm und krank macht.

Leider ist meine Antwort nicht übertrieben.

Alles alles Liebe für Sie und ihre Tochter.

LG Igelchen

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Sorry, hab meinen Text mehrfach umformuliert und habe erst im Nachhinein gesehen, dass sich einige Schreibfehler eingeschlichen haben.

Ihre Tochter hört sich nach einem ganz lieben und tollen Mädchen an. Selbstbewusstsein wird sie bekommen wenn sie etwas findet, indem sie gut ist und wofür sie positives Feedback bekommt.

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Hallo,
Ich kann mich igel-chen leider nur anschließen. Ich bin auch Physiotherapeutin, bin grade mal 32 Jahre alt und denke nicht erst seit gestern darüber nach, welche Alternative ich dazu irgendwann in Angriff nehmen muss. Fakt ist, dass man in dem Beruf kaum alt werden kann! Bis zur Rente wird man es schon mal gar nicht aushalten. Ich kann igel-chen in allen Punkten zustimmen. Hinzu kommt noch, dass man bei einem 20 Minuten Behandlungstakt auch viele Menschen in kurzen Abständen behandelt und sich somit immer schnell umstellen und auf einen neuen Menschen einstellen muss. Man sollte also schon vom Gemüt her sehr offen sein und kein Problem damit haben auf Fremde zuzugehen. Denn als Physio bist du eher der Animateur bzw derjenige, der die Behandlung leitet. Du gehst auf den Patienten zu und nicht andersrum. Wenn deine Tochter eher schüchtern ist, könnte das für sie eine große Herausforderung werden. Andererseits könnte sie natürlich durch so eine Tätigkeit auch lernen, etwas offener zu werden. Es könnte ihr auch gut tun, um ihre Schüchternheit abzulegen. Was mir allerdings in letzter Zeit auch eher zusetzt ist, dass viele Menschen in den Behandlungen nicht nur ihre körperlichen leiden erzählen, sondern auch ihre psychischen und familiären Probleme. Das empfinde ich teilweise als sehr anstrengend und Abends ist der eigene Kopf manchmal einfach so voll von den ganzen Geschichten die man am Tag so hört, dass es einem einfach manchmal auch zu viel wird. Da sollte man also ein dickes Fell mitbringen und sich nicht jedes Schicksal zu Herzen nehmen!
Also ich würde diesen Beruf, wenn ich noch mal 18 wäre nicht noch einmal ergreifen. Denn die Realität sieht nicht so rosig aus! Der Beruf hat aber auch schöne Seiten! Die Arbeitsatmosphäre ist sehr locker. Man rennt den ganzen Tag in Sportklamotten rum, kann schön dusselig quatschen und man hat nicht so einen starken Leistungsdruck von oben, wie es vielleicht in manchen Bürojobs der Fall ist. Allerdings kann ich mir auch vorstellen, dass ihre Tochter, wenn sie so sehr von dem Beruf schwärmt, auch dir Hürden überwinden kann. Wenn sie bereits Praktika gemacht hat, weiß sie ja wie der Alltag läuft! Ich denke, dass man alles erreichen kann, wenn man es wirklich von Herzen möchte. Und ihre Tochter scheint sich ja dieses Ziel gesetzt zu haben, und wenn es ihr Traumberuf ist, dann soll sie üben! Sie kann doch versuchen, sich mit Youtube Videos ein wenig zu trainieren, etwas tanzen oder aerobic oder zumba machen. Einfach und die eigene Koordination etwas zu verbessern! Übung macht den Meister! Ich wünsche dir und deiner Tochter alles Gute und halte uns gern auf dem laufenden, wie es weiter gegangen ist!

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Guten Morgen.

Ich würde an der stelle deiner Tochter weiter versuchen, einen Platz zu bekommen. Es gibt eigentlich genug private Schulen, die die Klassen nicht voll bekommen. (kp, wie das dieses Jahr wird, mit der Anschaffung des Schulgeldes). Nach zwei absagen nicht den Kopf in den Sand stecken. Ich hatte damals auch Kollegen in der Klasse, die nicht zu sportlich waren. Sich selbst gut zu verkaufen lernt sie in den Praktika und hinterher im Job.
Ich kann meine Vorrednerin gut verstehen, der Beruf kann ein großes Frustpotential haben. Er kann aber auch echt Spaß machen. Alles in allem würde ich sagen wie jeder andere Beruf auch. Wenn man bei einer Arbeitsstelle ist, die einem nicht gefällt oder bei der man sich selber körperlich schadet wechselt man halt. Der Stellenmarkt ist riesig. Nach so einem langen Praktikum (was macht man überhaupt ein halbes Jahr! Als Praktikantin in einer Praxis?) hat sie den Arbeitsablauf ja gesehen. Sollte deine Tochter später merken, dass es dann doch nicht ihr Beruf ist kann sie ja immernoch umsatteln.
Ich selber habe nach 4 Jahren am Patienten auch noch ein Medizinstudium angefangen. Aber ich bereue es kein Stück, die Ausbildung gemacht zu haben.

Liebe Grüße und viel Spaß beim lernen.

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Hallo, ich bin seit 2006 ausgelernt und arbeite in meinem Beruf von Herzen gerne.
Ich kann mich der ersten Antwort nicht anschließen.
Ja man muß genau schauen wo man arbeitet und gewisse Vorstellungen entwickeln was man machen will bzw in welche Richtung man gehen will.
Man muß keine fachmännische tanzausbildung oder irgendwas der gleichen haben. Ja ein gutes Körpergefühl sollte da sein, aber in erster Linie ist die Frage, will man diesen Beruf machen oder nicht.
Ich bin sehr glücklich in meinem Beruf und ich muß auch sagen habe eine super Anstellung gefunden wo es auch gehaltstechnisch prima passt und Weiterbildungen gefördert werden.

Liebe grüße und viel Glück.

Kleiner Tipp.... Lass deine Tochter selbst fragen, auch wenn wir Mamas es sehr gut meinen aber sie kann nur ein gewisses Selbstbewusstsein entwickeln wenn sie schon vorm Start in beruflicher Richtung selbst spricht (nicht als Angriff verstehen, wir würden eben alles für unsere Kinder tun)
Und ich habe es schon oft erlebt... Auch schüchterne Kollegen, sehr lieb und augenscheinlich sehr zurück haltend, die am Patienten aufblühen und sich selbst übertreffen und im privaten trotzdem zurück haltend bleiben. Verkehrt ist das aber auch nicht.

Ich würde diesen Beruf jederzeit wieder erlernen und ausüben.

Liebe grüße

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Ich möchte noch etwas hinzufügen.... Wir arbeiten zum Bsp im 30min Takt, unsere Chefin findet das auch wichtig um am Ende nicht nur 10min zu behandeln wenn einer mal länger zum ausziehen braucht.

Ich finde es traurig das dieser Beruf so abgewertet wird. Man muß gucken wo man arbeitet. Drück ist überall... Und wenn man im Büro sich Halswirbel und Hände und Augen kaputt macht, kann man diesen Beruf auch nicht bis zur Rente ausüben... Nur mal so erwähnt ;-)

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