Gleichberechtigte Elternschaft

Liebe Frau Dr. Retz,

Mein Partner und ich haben den Wunsch, unseren fast 5 Monate alten Sohn möglichst gleichberechtigt zu versorgen. Derzeit bin ich noch in Elternzeit, nach 7 Monaten geht der Vater in Elternzeit. Der Vater war den ersten Lebensmonat auch Zuhause und arbeitet derzeit im Home Office und verbringt entsprechend viel Zeit mit unserem Sohn. Tagsüber scheint unser Sohn mit uns beiden "zufrieden" zu sein, der Papa ist morgens oft mit dem Kind alleine oder geht viel mit ihm in der Trage spazieren, das ist nie ein Problem. Das abendliche zu-Bett-bringen durch den Vater war schon immer etwas schwieriger, jedoch seit ich nun vor etwa einem Monat alleine mit dem Kind verreist war, geht das überhaupt nicht mehr. Wenn ich das Kind ins Bett bringe, dauert es vielleicht eine halbe Stunde und das Kind weint kaum, beim Vater fängt er bereits beim wickeln an zu jammern und steigert sich dann in wirklich panisches Schreien. Zuletzt fing es sogar schon am Nachmittag an, dass ich 2 Stunden aus dem Haus war und das Kind davon 1 Stunde wie am Spieß geschrien hat bis ich wieder kam.
Das ganze zerrt ganz schön an unseren Nerven und wir sind sehr verunsichert, wie wir damit umgehen sollen. Wir wollen verhindern, dass sich das ganze noch weiter verstärkt, aber auch das Baby nicht völlig überfordern. Dazu kommt, dass ich eigentlich im Rahmen einer Weiterbildung ab nächstem Monat gelegentliche Abendtermine hätte, die derzeit nicht vorstellbar sind. Außerdem werden wir ja in 2 Monaten auch generell wechseln, ich gehe wieder arbeiten und der Vater bleibt Zuhause. Den Papa macht es auch ziemlich traurig, so abgewiesen zu werden. Wie würden Sie mit der Situation umgehen? Gelassen akzeptieren, dass es eben so ist und ich das Kind eben grundsätzlich ins Bett bringe, bis dieser von selbst (?) soweit ist oder eher Augen-Zu und durch und wir versuchen weiterhin uns abzuwechseln? Vielleicht ist noch wichtig, dass ich unseren Sohn stille, er jedoch danach auf dem Arm meist einschläft. Wenn der Papa ihn ins Bett bringen will, stille ich davor auch noch und verlasse dann den Raum.
Vielen Dank und beste Grüße!

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P.s. vielleicht ist noch wichtig zu erwähnen, dass der Kleine tagsüber in der Trage oder auf dem Arm recht problemlos beim Vater einschläft...

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Hallo,

im Buch "Wild Child" finden Sie einige Impulse zu ihren Fragen: S. 41ff. sowie S. 338 ff.

Fast alle Kinder haben eine Hauptbindungsperson, die sie dann vor allem in den Abenstunden sowie nachts bevorzugen. Dieses Verhalten löst oft Unsicherheiten bei den Eltern aus und häufig fühlt sich der andere Elternteil zurückgewiesen.

Wichtig ist aber auch zu betonen, dass sich diese Bevorzugung wieder sehr verändern kann und dann der Vater plötzlich die bevorzugte Bindungsperson ist (oft ist das im Verlauf des Kleinkindalters so).

Es ist schön, dass Sie Elternschaft so gleichberechtigt leben. Begleiten Sie ihr Kind zusammen liebevoll und geduldig. Oft kann diese Trennung aufgehoben werden, wenn sich die Eltern nicht mehr so viel aufteilen, sondern sich in Alltagssituationen ganz bewusst gemeinsam wieder um das Kind kümmern. Dann entsteht wieder mehr ein "Wir-Gefühle", was sehr wichtig für eine Familie ist.

Herzliche Grüße,

Eliane Retz

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