Gefangen in Streitspiralen

Liebe Frau Meyer,

ich weiß nicht mehr weiter. Mein Mann und ich sind in einer fürchterlichen Streitspirale gefangen.
Zu Beginn unserer Beziehung war er sehr aufmerksam und rücksichtsvoll. Er tat gerne Gefallen, nahm ohne Worte auch mal gern mir etwas ab.
Nach der Hochzeit änderte sich das alles. Er veränderte sich beruflich, geriet dort unter der höheren Verantwortung sehr unter Stress. Er meckerte und motzte sehr viel an mir/ über mich obwohl ich alle Familienarbeiten trotz Job übernahm. Er zog sich emotional und auch physisch aus dem Familienleben zurück und wurde in Streits äußerst verletzend. Immer war seiner Meinung nach ich schuld an den Streits. Er fing irgendwann an mit Trennung zu drohen, er habe genug vor mir und ließe sich nicht xy bieten. Er habe mit seinem Job genug am Hals, da müsse er sich nicht noch mit mir herumstreiten.

Er ist psychologisch seit längerem in Behandlung, nahm dann Antidepressiva, die er aber dieses Jahr wieder absetzte. In der Zeit mit Antidepressiva wurden die Streits seltener und weniger aggressiv. Das Ganze wird nun wieder schlimmer.
Stimme ich ihm nicht zu, setzt er mir derart mit Beleidigungen und Drohungen zu, dass ein Streit entfacht, dann wirft er mir meine Worte vor die Füße, deutet Trennungssituationen an, die dann angeblich nie so gemeint waren wenn man nachfragt ob er sich trennen möchte.
Inzwischen schwanke ich zwischen "Ich bin stark, ich möchte nicht so leben und schaffe es alleine" und heftigen Angstzuständen. Ich fühle mich klein und hilflos und gelähmt. Meinem Mann habe ich das so auch schon gesagt - entweder übertreibe ich oder bin selbst schuld - sagt er dazu.
Es gibt noch gute Phasen aber meist enden die so abrupt an einem Thema, bei dem ich - seiner Meinung nach - wieder völlig austicke und alles zerstöre.
War ein Streit entschuldigt er sich meist nie für irgendwas, ist abweisend und kalt für längere Zeit.

Ich weiß gar nicht mehr weiter. Mir raubt das ganze meine Kraft... seit 3 Jahren, die Streits werden heftiger und schlimmer. Ich weiß nicht was ich noch tun soll..?
Trennen? Etwas anders machen? Paarberatung möchte er keine. Mit ihm sei ja alles in Ordnung bzw er ließe sich ja schon beraten.

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Liebe I.,

es hört sich so an, als hätten Sie es mit einem waschechten Narzissten zu tun. Dagegen hilft tatsächlich nur ein sehr dickes Fell und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, denn er wird immer recht haben und Sie die Schuldige sein. Es gibt zahlreiche Tipps zum Umgang mit dieser Persönlichkeitsstruktur. Wenn Sie mögen, lesen Sie sich das durch, vielleicht hilft es Ihnen. Vielleicht können Sie aber auch sagen: „Ich bin (zwar im Moment) nicht stark, möchte aber auch trotzdem so nicht leben und schaffe es natürlich auch allein.“
Denn, so wie Sie sagen: Er ist beratungsresistent und mit ihm ist alles in Ordnung. Was bleibt da? Denn eigentlich ist es doch immer 50:50, beide müssen einander entgegenkommen.

Viel Glück und liebe Grüße
Frauke

2

Liebe Frauke,

ich habe mir einiges durchgelesen und musste das Gelesene erst einmal verdauen.... ein ganz schöner Schock.
Im Moment befinde ich mich noch im Nicht-Wahrhaben-Wollen-Modus bzw hoffe ich, er entspricht nicht wirklich dieser Persönlichkeitsstruktur. (obwohl ich mir eingestehen muss, es trifft so vieles zu)

Was ich noch rückfragen möchte:
Bei Trennung vom Narzissten berichten Frauen eigentlich fast alle, dass sie die Kinder verloren haben. Dh entweder sind sie ohne Kinder ausgezogen oder die Kinder schnell zum Vater "übergelaufen" und haben angeblich von sich aus den Kontakt zur Mutter abgebrochen.
Ist das tatsächlich eine Tendenz, die man beobachtet (dh Mutter trennt sich von narz. Vater und verliert die Kinder) oder sind das schlimme Einzelfälle?

Wie sollte man überhaupt mit Narzissmus umgehen wenn Kinder da sind? Eher bleiben und versuchen, sich schützend vor die Kinder zu stellen wenn der narzisstisch geprägte Elternteil die Kinder schlecht macht? Oder gehen und hoffen, die Kinder bekommen beim Umgang/ Wechselmodell nicht zuviel ab?

Herzlichen Dank für Ihren Rat!!

3

Liebe I.,

tatsächlich lässt sich auf diesem Weg natürlich nicht hundertprozentig sagen, wie stark die narzisstische Prägung Ihres Partners ist, aber ich möchte Ihnen auf jeden Fall raten, sich – wenn Sie sich denn für eine Trennung entscheiden – Unterstützung bei einer Erziehungsberatungsstelle oder der Diakonie oder pro familia zu holen, einfach, damit Sie nicht alles allein durchstehen müssen. Und die Leute kennen sich aus mit Umgangsrecht und können Sie sicher gut begleiten. Nutzen Sie das ruhig, denn je klarer und entspannter Sie sind, umso besser geht es Kindern mit einer Trennung.

Herzlich
Frauke Meyer

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