Sie fehlt mir nicht

Hallo,

Ich hatte vor einer ganzen Weile schon mal geschrieben, als es um die Sterbebegleitung für meine extrem Narzisstische Mutter ging.
Falls sich noch jemand erinnern kann.
Am Ende war es so, dass ich sie trotz allem bis zum letzten Atemzug begleitet habe, auch wenn es zuvor wirklich noch schwierig war. Sie hat auch eine ganz wunderbare Beerdigung bekommen, genau wie sie es sich vorgestellt hat, keiner kommt in schwarz, mit Saxophonmusik im Friedwald.

Mittlerweile ist sie seit über 3 Monaten tot und nun kommt der Punkt, der mir in manchen Momenten zu schaffen macht. Sie fehlt mir nicht. Es gibt nur einige wenige Momente, wo ich mir denke, dass es schade ist, dass sie nicht sieht, wie toll ihre Enkel sind, aber mir persönlich geht es verdammt gut. Allerdings meldet sich doch immer mal sehr das schlechte Gewissen, vor allem wenn ich mich darüber freue, dass ich mir mit dem Erbe einen lang gehegten Traum erfüllen konnte, auch wenn sie es quasi noch abgenickt hat. (ihr letzter Wunsch, war dass wir den Kindern die Welt zeigen und sie wollte sich auch einen zulegen, nun haben wir es getan und haben auch die erste Tour schon hinter uns und sind irre glücklich darüber).

Ich weiß, dass ich mir einen professionellen Therapeuten suchen muss um die Verletzungen, die mit einer Narzisstischen Mutter (und auch Oma) einhergehen aufarbeiten muss, aber noch habe ich Angst davor und brauche da noch etwas Zeit. Aber hat das jemand auch schon erlebt und kann mir sagen, wie ihr mit dem schlechten Gewissen umgegangen seid, dass ihr eine "normalerweise" nahestehende Person wie Mutter oder Vater, etc nach ihrem Tod nicht vermisst habt. Ich bin gerade etwas mit dem Zwiespalt und dieser ambivalenten Gefühle überfordert.

Danke fürs Lesen

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Mit dem Tod der Mutter kommt natürlich auch nochmal die Sehnsucht nach der Mutter, die man nie hatte hoch, die Qualitäten, die Eigenschaften, die man immer vermisst hat.
Aber wenn es die nicht gab, dann hat man die Wünsche, die Träume, die Sehnsüchte ja schon zu Grabe getragen als derjenige noch quietschlebendig war und vielen dieser positiven Eigenschaften höchst persönlich den Dolchstoß verpasst hat.
Was soll Dir also fehlen?
Dir fehlt eine liebende Mutter, die für Dich da ist, bei der Du Dich sicher und beschützt und unterstützt fühlen kannst. Das ist aber nichts Neues, also kann das Gefühl nicht Bestandteil Deiner Trauer sein.

Sei froh, dass du ein positives Erbe bekommen hast, seh es als Teil der Versöhnung an. Viele Narzissten schaffen es noch Belastung als Erbe zu hinterlassen, dann kann man ja posthum noch Unruhe stiften #augen

Du bist erwachsen geworden, Du bist über das verletzte verlassene Kind hinausgewachsen, dass Du einmal warst und hast den Abschied der Sterbenden und der Verstrbenen nach bestem Wissen und Gewissen als erwachsene Frau gestaltet, die der Hilfebedürftigen gegeben hat was sie geben konnte. Such in Deiner Trauerarbeit nicht nach Verlustgefühlen, wo keine sein können, sondern such nach dem Stolz auf den eigenen Wachstum, die Stärke. Vielleicht kannst Du ihr in allem Schlamassel und Verletzung daran ein bisschen Anteil geben und Dich mit ihrer "Kaputtheit" versöhnen und sehen wie Du selber darüber hinausgewachsen bist.
Du darfst das Gefühl von "Endlich Ruhe!" genießen. RIP requiescat in pacem Rest in peace Ruhe in Frieden ... das hatte schon immer ambivalente Untertöne ;-)

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Sehr schoen geschrieben!
Genau so war es nach dem Tod meines Vaters.
Finde deinen Text extrem hilfreich fuer die TE (und fuer mich auch).

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Was meine Mutter an psychischer und physischer Gewalt an mir abgeliefert hat, würde Bücher füllen.
Als sie dann tot im Sessel vor mir saß - ich hatte sie schon länger nicht mehr gesehen - war es vorbei.
Sie tat mir nur noch leid. Ich habe ihr die Beerdigung ausgerichtet, wie sie es sich gewünscht hat, obwohl ich wenig Geld hatte und pflegte auch immer das Grab, weil meine Schwester es nie für nötig hielt.
DU musst abschließen können und verzeihen - für DEINEN Frieden, vergessen kann man es eh nicht, und wenn Du in Dauertherapie gehst.
Ich selber kam zu dem Schluss, dass sie mit ihrem Leben wohl gestraft genug war und ich trotzdem ein vollkommen anderer Mensch geworden bin. Das ist meine alleinige Leistung und der doch durchschlagende gute Charakter meines Vaters.😉
Alles Grübeln bringt nichts, Du kannst die Vergangenheit ohnehin nicht nochmal leben, also - freue Dich an der Gegenwart, an Deinen Kindern, Deinem Leben - dann rutscht alles andere irgendwann mal automatisch hinten runter.
Krampfhaft Schlechtes immer und immer wieder hochholen, hilft vielleicht manchen, aber nicht allen. Verstehen wird man es ohenhin nie, warum Menschen so und nicht anders handeln.
Mach's besser - und mach Deinen Frieden mit der Vergangenheit.
LG Moni

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Ich habe den Kontakt zu meiner Mutter vor Jahren gelöst und dennoch gibt es Situationen, in denen ich "gezwungenermaßen" etwas hören, wissen, sehen muss, obwohl ich es nicht will.

Daher weiß ich jetzt schon, dass ich ebenfalls nicht traurig sein werde.
Damit bin ich aber vollkommen fein, es ist, wie es ist und ich empfinde keine Schuld. Der Weg dahin war allerdings lang und hat viel Eigenarbeit erfordert.
Eine Therapie ist da wirklich hilfreich.
Hab immer auf dem Schirm, dass ein wirklich echter "Abschluss" oft erst dann eintritt, wenn du mit deinen Gefühlen im Reinen bist.
Die Therapie würde ich daher nicht mehr aufschieben. Der Fall, den du dadurch evtl erleben wirst, den hast du unhabhängig davon, wann du die Therapie beginnst.
Dafür besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass es dir dann viel viel besser gehen wird.

Gern kannst du mir auch eine PN schicken, wenn du magst :)

Alles Liebe dir!

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Huhu
ich kann dir sagen wie es bei mir war als ein nahes Familienmitglied gestorben ist, das mir einiges angetan hat. Es war mir egal und es tut mir nicht leid, dass es mir egal ist. Dieser Mensch hat jeden moralischen Anspruch auf Trauer durch seine Taten verwirkt! Ich habe damit mehr oder weniger abgeschlossen aber ich fühle mich nicht schlecht, weil ich durch den Tod nicht traurig bin. Zu erben gab es nichts, deshalb kann ich zu dem Punkt nichts sagen.

Eine gute Freundin hatte aber auch einen ähnlichen Fall mit hohem Erbe und sie hat es als "Schmerzensgeld" angesehen.

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Das Problem bei ihr ist einfach, dass sie selbst so unter ihrer Mutter gelitten hat und man manchmal bei Narzissten gar nicht so genau definieren kann, was sie einem angetan haben, bzw hat mein dabei keinen funktionierenden inneren Kompass.

Aber das mit dem Schmerzensgeld, dieses innere Gefühl habe ich auch. Ich war jetzt mal dran, dass ich mir einfach ohne darüber nachzudenken einen großen Traum erfüllt habe. Das tat auch gut.
Es ist schwierig zu beschreiben, was da in einem vorgeht. Mir geht es verdammt gut (zumal ich auch jetzt noch den Kontakt zur Oma abgebrochen habe, die noch einen Zacken schärfer war und alle mit ihrer mentalen Kraft ausgelaugt hat), aber manchmal klopft eben das schlechte Gewissen an: "es war doch deine Mutter"

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Dieses "es war doch deine Mutter" kann ich irgendwie schon verstehen, allerdings ist es ja nun Mal so, dass du es es dir nicht ausgesucht hast. Und eine Mutter sollte ihre Kinder beschützen und vor schlimmen Dingen fernhalten und nicht selbst dafür verantwortlich sein. Bitte suche keine Entschuldigung weil sie es ja auch schwer hatte. Du bist doch deswegen auch nicht so geworden, oder?
Bitte fühle dich nicht schlecht weil es dir gut geht! Sie hätte sich schlecht fühlen müssen weil es dir nicht gut ging.
Du hast nur das eine Leben, versuche das Beste draus zu machen.

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Muss sie dir denn fehlen?
Hätte sie denn gesehen, wie toll ihre Enkelkinder sind - oder hätte sie es ignoriert.

Eine Freundin sagt es so: sie war vorher keine Mutter, also hat sie auch keine Mutter verloren.
Der Tod macht nur dadurch Unterschied, dass sie nicht mehr in Hab Acht Stellung ist, nicht mehr so nervös, nicht mehr zusammen zuckt, ob das Telefon klingelt - weil wieder Vorwürfe kommen.
Sonst hat sich nichts verändert
- die Person sah vorher schon nichts (gutes)
nur das Negative fällt jetzt weg
- die Person war vorher schon keine Mutter
also fehlt auch nichts
- die Person hat ihr zu Lebzeiten schon keine Liebe gegeben
also fehlt jetzt nach dem Tod auch nichts. Nur das bösartige fällt weg
- die Person war vorher schon mit nichts zu frieden
also wäre sie es weiterhin nicht! Nur die Sticheleien und Meckereien und Demütigungen deswegen fallen jetzt weg

Sie konnte es zu Lebzeiten schon nicht Recht machen
warum sollte sie es nach dem Tod versuchen? Dann würde sich die "Mutter" eben im Grab umdrehen. Dann soll sie doch fluchen. Der Unterschied: sie hört es nicht mehr, sie braucht keinen Anruf mehr fürchten wegen Vorwürfen.

Was auch immer sie jetzt nach deren Tod machen würde. Die "Mutter" kann es nicht sehen. Sie konnte es vorher nicht sehen (weil es nie gut genug war), durch den Tod ist es erklärerbarer, rationaler, nachvollziehbaerr, dass sie es nicht mehr sehen kann.

Die Versuchung sei da, jetzt nach dem Tod - ohne die Demütigungen - der "Mutter" gefallen zu wollen.
Dann greift bei ihr die Rebellion: es hat vorher schon nicht gereicht, um sich die Liebe zu erkaufen; dann würde es das jetzt auch nach dem Tod nicht reichen. Wegfallende Demütigungen sind kein Liebesbeweis, schon gar keiner, der sooo schön wäre, wenn früher ..... nur Freiheit. Denn wäre sie nicht gestorben, wäre es wie vorher. Mit Demütigungen.

Die Freiheit im Kopf zu bekommen
Die Freiheit in der Seele zu bekommen, nicht mehr nach Liebe zu suchen, wo nie welche war
war ein langer Weg.

Allerdings hat sie sich schon vor deren Tod langsam gelöst. Therapeutische Hilfe angenommen - entgegen dem Wollen der "Mutter". Das erste Widersetzen war schon, für sich selbst zu sorgen. Absolutes No Go, absolute Notwendigkeit für sie, um sich selbst kennen zu lernen.

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Sie muss mir nicht fehlen, aber manchmal denke ich, war sie wirklich so ein schlechter Mensch oder konnte sie nicht aus ihrer Haut? Ich weiß, wie sehr sie unter ihrer Mutter gelitten hat.
Ich bin ihr auch dankbar, weil sie mir recht unkonventionelle Erlebnisse beschert hat, von denen ich profitiere.
Wenn man mit Narzissten aufwächst, kann man manchmal schwer trennen. Wieviel Dankbarkeit ist angebracht, ist das jetzt ok einfach weiter zu machen, nur eben ohne die Vorwürfe, ohne all die Verletzungen und Herabstufungen. Rational ist die Frage eigentlich klar. Aber das schlechte Gewissen ist so tief einprogrammiert und das obwohl ich direkt nach dem Abi gegangen bin und nie wieder "nach Hause" gekommen bin und mich im Gegensatz zu meiner Mutter, meinem eigenen Leben gewidmet habe. Den Kontakt ruhen lassen, haben wir öfter, vor allem ich. Aber auch dann konnte ich nie wirklich einschätzen, ob nicht auch von meiner Seite Fehlverhalten da war (was selbst wenn es der Fall ist, auch von einer Mutter akzeptiert werden kann und im Nachhinein vernünftig drüber reden sollte).
Aber die Antworten helfen mir wieder etwas klarer zu sehen... Danke.

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Ich weiß, was es bedeutet, habe es bei einer Freundin ja mitbekommen.

Teil dessen ist ja das manipulative. Schuldzuweisungen , die emotional tief gehen.
Nicht du selbst sein dürfen.
(weil ja sie ...... denk gar nicht erst weiter !)

Du bist du und darfst du sein
- nur weil sie was anderes behauptet hat, stimmt das nicht.

Sie ist tot. Du bist ihr NICHTS schuldig. Auch wenn sie - das ist ja das manipulative gefährliche daran - dich glauben lässt, dauerhaft.

Das Selbstzerstörerische ist, dass du dich selbst mit den alten Mustern zerstörst. Obwohl sie tot ist. Weil du den Mustern mehr Bedeutung gibst, als dir selbst. Wie auch. Du durfest ja nie du sein.

Such dir am besten schon mal jetzt eine Therapie. Auch wenn du noch nicht bereit bist.
Die Wartelisten sind oft lang.
Wenn du dann soweit bist, wird es ein Hoffnungsschimmer sein, nur noch vier Monate warten zu müssen, statt mehrere Jahre.

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Ja, sie war deine Mutter. Aber das gilt doch in beide Richtungen.
Sie war deine Mutter - warum vermisst du sie nicht?
Sie war deine Mutter - warum war sie nicht liebevoller im Umgang mit dir, ihrer Tochter?

Ihr hattet/habt beide Gründe für euer Verhalten, das nicht der Norm entspricht. Ihr hattet auch keine Beziehung zueinander, die der Norm entspricht. Da fände ich es eher ungewöhnlich, wenn nun plötzlich alles normal wäre.

Ihr seid nicht alle. Ihr seid du und deine Mutter und dementsprechend ist auch der Umgang mit Trauer und die Verarbeitung all dessen, was dir widerfahren ist, etwas ganz Persönliches. Das passt in keine Norm. Das ist einfach so, wie es ist und mit niemand anderem vergleichbar. Du musst nicht in die Schablone anderer passen, du hast deine eigene Form und das ist doch total in Ordnung so.

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Lieben Dank für alle Antworten. Das hat mir heute tatsächlich sehr geholfen. Ich gehe mir mal einen Therapeuten suchen und werde trotzdem dieser immer größer werdenden Leichtigkeit einfach viel mehr Raum geben. Es ist gut dass einfach mal von jemandem neutralen zu hören, dass es ok ist, so zu fühlen und dass diese Ambivalenz auch ok ist.

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Meine Mutter lag vermutlich 2 bis 6 Tage auf dem Balkon wie ein gefrorenes Fischstäbchen, bevor sie gefunden wurde. Sie fehlt mir keinen Tag - und weist du was? Ich habe kein schlechtes Gewissen. Nur weil es sozial erwünscht ist, dass man um seine Mutter trauert, heißt es nicht, dass es für den Betroffenen persönlich nicht genau richtig sein kann, nicht zu trauern.

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Du hast bereits mit dem Verlust deiner Mutter abgeschlossen. Nicht mit dem physischen, ihrem Tod. Aber du scheinst bereits zuvor akzeptiert zu haben dass sie dir nicht die Mutter ist die du dir gewünscht hast. Das „Bild“ der liebenden Mama war schon tot. Und da tut der physische Weggang auch nicht mehr so weh.

Passt das was ich da schreibe?
Wenn ja, dann hast du eine gute Seelenhygiene. Es ist nichts falsch daran. Und wenn noch was hoch kommt dann geh es an wenn es raus will… alles zu seiner Zeit.

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