Fall fürs Jugendamt? Was tun?

Hallo zusammen,

wir wissen nicht so recht weiter...
In unserer Straße schräg gegenüber lebt eine Familie: Mama, Papa, Junge 5 Jahre alt.

Seitdem wir selbst eine Tochter haben, ein Jahr jünger, haben wir etwas mehr Kontakt. Die Kinder sehen sich über den Gartenzaun und spielen ab und an.

Der Nachbarsjunge ist immer blass, sehr dünn und ein deutliches Stück kleiner als Alterskameraden. Selbst unsere eher kleine Tochter, die ein Jahr jünger ist, überragt ihn. Er ernährt sich laut Aussage einer Nachbarin nur von Würstchen, Nudeln und Chips. Sonst nix. Er schläft jeden Abend vor dem TV ein. Er ist oft abends lange draußen (23/24 Uhr). Ich würde auch sagen, er lebt in seiner eigenen Welt und ist sehr speziell. Er trägt oft viel zu große Schuhe und Klamotten mit mehreren, großen Löchern. Er ist jeden Tag zu Hause. Wir haben bisher nur ein anderes Kind dort gesehen. Die Familie macht keine Ausflüge, kein Freibad, kein Urlaub. Jeden Tag der gleiche Trott. Er geht aber vormittags in den Kiga.

Das eigentliche Problem sind aber die Eltern. Die Mutter arbeitet in Schichten als Verkäuferin, der Vater ist arbeitslos. Es wird sehr, sehr viel Alkohol getrunken. Und extrem oft gebrüllt. Die Eltern untereinander und natürlich mit dem kind. Jeden Tag, mehrmals und so, dass es die Nachbarn wortwörtlich verstehen können. Nach einem Saufgelage ist oft den ganzen Tag niemand zu sehen, die Jalousien sind unten, niemand im Garten bewegt sich.

Wir haben einfach ein ganz schlechtes Gefühl. Aber ist das Geschilderte ein Fall fürs JA oder 'einfach nur traurig'?

Danke für eure Meinungen!

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Die Kleidung müsste doch auch dem Kindergarten auffallen, wundert mich, dass hier scheinbar nichts geschieht. Deswegen alleine würde ich kein JA informieren, aber regelmäßige Saufgelage und Brüllen mit dem Kind wären für mich ein Anlass, dort anzurufen. Ich möchte mir nicht vorstellen, unter welchen Umständen dieses Kind leben muss. Wenn es als "nur traurig" vom JA eingestuft wird - tja.....aber auf alle Fälle würde ich nicht tatenlos zusehen. Die Frau braucht vielleicht Hilfe und ist dankbar, wenn ihr diese vom JA angeboten wird.
Als Nachbarin würde ich mich persönlich bei einer Familie nicht anbieten, wo zuviel Alkohol eine Rolle spielt, zu riskant - sonst schon.
LG Moni

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Genau so würde ich es auch machen.

Klingt schlimm, da blutet mir auch mein Mama-Herz; aber wie oft oder ob eine Familie raus geht und was sie essen sollen, da kann man nix vorschreiben leider. Da wird auch das JA nix machen können...

Aber Brüllen und Alkohol, da sollte man mal genauer hinschauen.

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Kurze Ergänzung: Sie verlassen ihr Grundstück eigentlich nie. Keine Spaziergänge, kein Fahren mit Laufrad, Rad, etc. Der Junge scheint auch wenig Spielzeug zu haben. Vieles kennt er nicht. Er hat kein Dreirad, kein Fahrrad...

Ich denke es gibt auch große finanzielle Schwierigkeiten.

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Vielleicht wären sie auch hier über Familienhilfe einfach dankbar und wissen nur nicht, wohin sie sich wenden können - gibt es ja auch.

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Ich würde das JA informieren. Das heisst ja nicht, dass die sofort das Kind da rausholen, aber gerade wegen des Alkoholthemas sollte da jemand nach dem Rechten sehen.
Ich finde es wird viel zu oft weggeschaut. Vielleicht braucht die Familie auch einfach nur Unterstützung.
Aber das was Du schilderst klingt schon sehr nach Verwahrlosung.
Wäre sicher gut, wenn da mal jemand nachschaut.

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Ohje,
ich denke schon, dass das ein Fall für das Jugendamt ist. Kinderwohlgefährdung umfasst auch Vernachlässigung. Du kannst anonym eine Meldung beim JA machen und die Situation schildern. Die Sozialarbeiter*innen vor Ort können die Lage besser einschätzen und ggf. auch aktiv werden. Sie nehmen i.d.R.auch nicht das Kind aus der Familie, sondern reden vielleicht erstmal mit der Kita, oder machen der Familie entsprechende Angebote. Zum Beispiel, wie schon genannt, eine Familienhilfe.

Ich verstehe, dass man in direkter Nachbarschaft Skrupel hat. Aber was du schilderst, ist wirklich schlimm. Ich bin übrigens Sozialarbeiterin ;-)

Toll, dass du so mutig bist und überlegst diesen Schritt zu gehen!

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Leider kenne ich solche Fälle auch aus der schule (bin Lehrerin an einer Grundschule) und vermute, dass das JA nichts unternehmen kann/will außer halt eine Familienhilfe anzubieten. Da müssen die Eltern dann aber auch die Hilfe annehmen. Trotzdem würde ich dem Kind zu Liebe das JA einschalten. Man weiß nie ob es dann vielleicht wenigstens bei einem Elternteil mal "klick" macht...

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Oder eben die Abteilung kinderschutz. Selbst mit familienhilfe ist schon viel getan.... Aber wegsehen ist keine Option.

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Ich habe nicht alle. Antworten gelesen, aber ich würde es lieber einmal mehr melden als einmal zu wenig. Es sollte wenigstens einer mal nach dem Rechten sehen und überprüfen ob das wohl des Kindes gefährdet ist.

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Zuviel Alkohol ist immer ein Grund das Jugendamt zu informieren.

Gegen eine gelegentliche Feier ist nichts einzuwenden, aber das was du beschreibst klingt nach mehr.

Inwiefern ist der Junge den speziell?

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Er scheint in einer Tierfantasiewelt zu leben und ahmt sehr oft Tiere nach und spricht ständig über kranke oder tote Tiere. Sie haben drei Hunde zu Hause, die vermutlich seine engsten Bezugs'lebewesen' sind. Oder er hat es aus dem TV? Er verhält sich einfach nicht altersentsprechend.

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Die kranken und toten Tiere symbolisieren wohl die Welt in der er lebt. Das Jugendamt wird aufjendefall was machen, wenn nicht würde ich Druck machen. Er hat jetzt schon massive Schäden. Ein Bekannter von mir, kann als Erwachsener immer noch nicht richtig schlafen. Weil seine Mama früher Alkoholikerin war. Sie hat ihn geschlagen, wochenlang allein gelassen und niemand, auch wirklich niemand hat was dagegen getan. Man sollte solchen Kindern helfen. Denn sie sind auf Außenstehende angewiesen und können alleine da nicht raus.

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Du hast ja schon viele gute Antworten bekommen, aber zwei Dinge möchte ich dir auch schreiben:

Super, dass du nicht wegschaust, dir Gedanken machst und dich um "unsere Ideen" scherst!

Da du ja weißt, dass der Junge in den Kindergarten geht, wäre es vielleicht möglich dort einmal mit einer seiner Erzieherinnen zu sprechen. Vielleicht sind die schon am Ball. Auf jeden Fall hätten sie Möglichkeiten. Ich drück die Daumen!

LG, nani1982

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Das mit dem Kiga ist eine sehr gute Idee! Danke :)

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Vielen Dank euch allen für die Ratschläge. Bin doch erstaunt, dass ihr alle meint, dass es dem JA gemeldet werden soll.

Ich finde gerade auch immer mehr heraus, wo mein eigentliches Problem liegt. Innerlich weiß ich genau, da stimmt was nicht und würde auch Dritten in einer solchen Situation immer zum Schritt mit dem JA raten. Aber: ich habe Angst! Angst, dass es auf mich zurück fällt, da sie ja sonst kaum bis keine Kontakte haben. Und der Kerl in meinen Augen, gerade im Suff, unberechenbar ist. Ich bekomme ja regelmäßig mit, wie er austillt und wie von Sinnen rumbrüllt. Habe Angst um meine eigene Tochter!

Mein Mann übrigens hätte wohl schon längst das JA informiert. Ich bin eher die zögerlich...

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Hey, ich klinke mich da mal als Erzieherin mit ein.

1. Melde es, du kannst auch anonym melden, falls deine Ängste zu groß sind. Lieber anonym, als geschwiegen und vll ist die Familie bereits bekannt. Auch wenn nur die Aussage kommt, dass sie sich den Fall ansehen, jede Stimme ist wichtig und kein Kind sollte ohne Hilfe dastehen. Aus deinen Schilderungen kann man eigentlich auch davon ausgehen, dass du keine übertriebene Helikoptermutti bist, die in einem Stückchen Schokolade oder dem Nutellabrot eine Gefährdung sieht. Also ist das wirklich berechtigt.

2. Du kannst es bei den Erziehern ansprechen, wir unterliegen der Schweigepflicht. Aber rechne nicht damit, dass du eine Auskunft bekommst. Sie können dir zuhören und deine Schilderung dokumentieren, aber eine Auskunft wirst du vermutlich nicht bekommen. Wir DÜRFEN anderen Eltern NICHTS über Kinder erzählen, keine familiären Umstände, keinen Entwicklungsstand, keine Probleme, Sorgen etc. Aber ich gehe davon aus, dass die Einrichtung den Jungen kennt und dementsprechend handelt. Vll dokumentieren sie noch, da wir auch handfeste Nachweise brauchen, ehe wir so eine Meldung machen können. Vll ist das JA auch schon in der Familie und erste Schritte werden im Moment eingeleitet. Auf jeden Fall wird es nicht schaden, wenn du nur das Gespräch suchst und schilderst was dir Sorgen bereitet.

Nur rechne nicht mit einer schnellen Veränderung... so traurig es klingt und so schwer es anzusehen ist, werden erst einmal familienerhaltende Maßnahmen ergriffen. In vielen Fällen reicht und hilft das schon, in manch anderen leider nicht. Aber dann entscheidet sowieso das JA was für das Kindeswohl besser ist.

Ansonsten ist kann ich dir nur danken, dass du die Augen nicht verschließt. Und ich wünsche dir genug Mut um den Fall zumindest anonym zu melden (dann kann auch der Vater nicht an dich ran).

Liebe Grüße,
Tee-Katze

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Danke dir, für deine Schilderungen.

Ich habe dem Kleinen, wenn er bei uns gespielt hat, schon desöfteren Obst angeboten. Er sagte, er mag kein Obst. Habe es mit Bananen, Birne, Weintrauben und Apfel versucht. Er hat dann ein Stück Apfel (aber nur ohne Schale... ) probiert und gesagt: schmeckt nicht. Wasser trinkt er übrigens auch nicht. Meine Tochter hatte Durst, ich holte Wasser. Er: habt ihr auch Capri-Sonne oder Kakao? Wasser trink ich nicht.

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Oh, die Antwort gehört zu unten stehendem Beitrag.

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