Eigene Kindheit mit großem (negativen) Einfluss auf Gegenwart als Familienvater

Hallo liebe Gemeinde,

ich befinde mich seit längerer Zeit in einer schwierigen Situation und frage mich, ob es hier Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und interessiere mich natürlich brennend für ihre Lösungen.

Kurz zu mir:

-Mitte 30 männlich, eine Schwester
-seit bald 15 Jahren mit meiner Frau zusammen und einige davon auch verheiratet
-Vater eines wunderbaren kleinen Sohns

Mein Problem:

Das Verhältnis zu meinen Eltern ist quasi nicht mehr existent. Dies hat verschiedene Gründe, wovon ich hier nur die einschneidensten nennen werde. Das es sich um nachfolgende Auflistung nicht nur um meine subjektive Wahrnehmung, sondern um die Wahrheit handelt, wurde mir in allen Punkten von meinen Eltern in unserem ersten und letzten richtigen Gespräch vollumfassend bestätigt.

-mein Vater war berufsbedingt so gut wie nie zu Hause, er war sehr ehrgeizig und stellte seinen beruflichen Erfolg über die Familie
-sobald er mal eine freie Minute hatte, verbrachte er sie auch nicht prioritär mit mir (ich weiß noch... wir waren oft schwimmen… also er war schwimmen und ich im Kinderbecken und schaute zu ihm rüber und wünschte mir, dass wir Ball spielen)
-meine Mutter (100% Hausfrau, mein Vater hat mehr als genug verdient) hat sich kaum um mich gekümmert und mir offen ins Gesicht gesagt, dass ich im internen Familienranking an letzter Stelle (hinter den Haustieren) rangiere
-essenstechnisch bin ich mit Tiefkühlprodukten groß geworden, weil meine Mutter keine Zeit oder Lust hatte zu kochen (z. B. gab es nur einmal Waffeln, da das Reinigen des Waffeleisens zu aufwendig war…)
-sehr schlimm empfand ich die soziale Isolation, sei es dass ich nicht wie meine Freunde in einen Fußballverein eintreten durfte (das Wäschewaschen sei wohl zu aufwendig gewesen und die Fahrerei zu Auswärtsspielen erst…), als einziger meiner Grundschulfreunde auf ein Elitegymnasium in einem anderen Bezirk gehen musste (auf dem ich dann in der 10. natürlich scheiterte), die wenigen Freunde wurden aufgrund ihrer sozialen Herkunft negativ gesehen
-ständiger Druck in Form von Aussagen der Art, wenn du später nur halb so viel verdienst wie ich, wirst du keine Probleme haben
-meine Mutter sprach so gut wie nie mit mir, weil (und das hat sie mir so gesagt) ich als Baby und Kleinkind ja auch nicht mit ihr gesprochen hätte
-meine Mutter log nachgewiesenermaßen über mein Verhalten während der Abwesenheit meines Vaters mit entsprechenden negativen Konsequenzen für mich als mein Vater wieder da war
-Klamotten kaufen für mich war meiner Mutter zu stressig, sodass Oma übernehmen musste
-es gab keine gemeinsamen Familienabende auf der Couch (ist auf den ersten Blick vllt. Nicht so wichtig, hat aber Auswirkungen...)
-leider musste ich auch erfahren wie es anfühlt sich mit einer heißen Wange oder warmen Ohren in den Schlaf zu weinen, wenn man z. B. als kleiner Junge die Anforderungen an Essmanieren nach Knigge nicht erfüllt
-die Entscheidung zum Studium traf ich nur indirekt selbst (Druck...)
-mit 18 Jahren musste ich mich entscheiden, ob ich von zu Hause ausziehe oder an der Scheidung meiner Eltern Schuld haben möchte (meine Mutter stellte mich vor die Wahl); unter Tränen antwortete ich, dass ich meinem Vater zuliebe dann ausziehe
-aus finanziellen Gründen zog ich mit meiner Freundin temporär wieder bei meinen Eltern ein, mit der Folge, dass wir nach 2 Jahren auf übelste Art und Weise (Entwendung von Eigentum, Lügen, Sachbeschädigung) von meiner Mutter herausgeekelt wurden

Ich denke ihr könnt euch von meiner Jugend nun ein Bild machen.
Unterm Strich wies ich meine Eltern dann auf das Unrecht, dass sie mir angetan haben hin und fand auch etwas Gutes, da sie mich zu einem besseren Menschen gemacht haben als es beide zusammen sind. Einem Menschen der voller Liebe ist, der verletzlich ist, der mitfühlt, der Angst hat, der seine Frau und seinen Sohn über alles liebt, der weiß wie sich Gewalt körperlich anfühlt und wie es eine Beziehung zerstört, der Familie immer über den beruflichen Erfolg stellt, der gerne Hausmann ist und seiner Frau den Rücken freihält.

Auch nach Gesprächen mit einer Psychologin weiß ich, dass ich mich glücklich schätzen kann, dass meine Eltern ihr Versagen vollumfänglich eingeräumt haben. Vielen Opfer wird diese Einsicht nicht zu teil. Einerseits tut es zwar gut zu wissen, dass man sich das alles nicht einbildet, andererseits hilft es für die Bewältigung der Zukunft nur bedingt weiter. Denn obwohl ich in meiner eigenen kleinen Familie mein absolutes Glück gefunden habe, mein Studium sehr erfolgreich abgeschlossen habe, gut verdient habe und eigentlich zufrieden sein kann, versprüre ich insbesondere nach der Geburt meines Sohnes zu häufig Momente tiefer Traurigkeit.

Hier nun einige Beispiele, bei denen meine Zukunft immer noch durch meine Vergangenheit beeinflusst wird

-trotz meines Studiums und erster Arbeitserfahrung habe ich aktuell ein zweites Studium angefangen, welches mir sowohl jetzt als auch nach Abschluss im Ergebnis mehr Zeit mit meiner Familie ermöglicht
-ich gebe alles für meine Familie, mache den Haushalt gerne weitestgehend alleine, bringe meinen Sohn jeden morgen in die Kita und genieße dabei die Fahrt mit den Öffentlichen, weil wir dort immer rumalbern; dennoch habe ich Angst ihm irgendwann zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken und er mich wie meinen Vater sieht
-die Eltern meiner Frau sind sehr herzlich und hieraus ergeben sich für mich an sich schöne Situationen, die ich aber so nicht kenne und die mich überfordern und ich sie deshalb oft nicht so zulassen kann
+zusammen auf der Couch sitzen und quatschen
+Nähe zu meinem Schwiegervater aufbauen, da ich (irgendwie) Sorge habe, dass er alles besser macht als mein Vater…
+die Eltern meiner Frau sind sehr liebevoll mit unserem Sohn, irgendwie wird mir dann bewusst, dass unser Sohn nur eine Oma und Opa haben wird (schade!)
+besonders schlimm sind diese Momente, wenn ich mit meinem Sohn kuschel, wir toben und er lange und niedlich lacht, er mir lange in die Augen schaut, ich Bilder von von meinem Sohn sehe, Filme mit Vater-Sohn Themen sehe, Lieder mit Vater-Sohn Themen höre, von meinen Schwiegereltern höre wie stolz sie auf mich sind… hier kommen mir echt schnell die Tränen und ich frage mich immer warum ich nicht geliebt werden konnte, warum durfte ich nicht erfahren wie es ist in einer richtigen Familie aufzuwachsen; diese Momente kommen leider häufiger vor.

Mir schwirrt die ganze Zeit ein Bild im Kopf herum, das Silhoutten von mir zu verschiedenen Zeiten (zwischen Kleinkind- und Erwachsenalter) zeigt wie ich meine Hand nach oben strecke und darauf warte, dass mein Vater sie ergreift.

Meine Frau steht mir bei und nimmt mich auch in besonders schlimmen Fällen, wenn es aus mir herausbricht in den Arm.
Seit dem erneuten Auszug habe ich übrigens keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern. Zum Geburtstag oder Weihnachten noch oberflächlich mit meinem Vater per E-Mail.
Als ich meinem Vater von meinem Zweitstudium berichtete reagierte er übrigens als einziger in meinem Umfeld negativ. Ich solle doch bedenken, was dies für ein zusätzlich Aufwand ist und welche finanziellen Einbußen dies mit sich bringt…

Eine Annäherung ist meiner Ansicht nach ausgeschlossen, da selbst wenn man sich irgendwie versöhnt, ist ja keine gemeinsame Basis vorhanden. Anderseits weiß ich nicht wie man so ein Versagen mit nachhaltigen Auswirkungen auf mein Leben verzeihen soll.

Eigentlich hoffe ich, dass es nur sehr wenige Menschen hier im Forum mit ähnlichen Erfahrungen gibt, dennoch wäre ich froh, wenn einige Positivbeispiele hier ihre Lösung präsentieren wie sie die Vergangenheit aus ihrer Zukunft herauslassen.

Sohnemann

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Ich antworte dir mal relativ emotionslos. Letztendlich hat doch jeder sein Päckchen zu tragen. Du kannst es einfach nur besser machen. Die Zeit lässt sich nicht mehr zurück drehen. Es ist traurig, dass du so wenig Liebe erfahren hast. Umso wichtiger ist es jetzt, einen Cut zu machen und nach vorn zu blicken.

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Vielen Dank für deinen Beitrag.

"Du kannst es einfach nur besser machen."

Das ist nicht schwer :-)

"Umso wichtiger ist es jetzt, einen Cut zu machen und nach vorn zu blicken."

Ja, mein Problem ist weniger das bewusste erinnern und bedauern, sondern diese Flashbacks u. a. in sehr schönen Momenten mit meiner eigenen Familie.

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Ich habe zwar keine schlimme Kindheit gehabt, aber dafür extrem schwierige Eltern.

Es tut mir sehr leid was du alles durchmachen musstest. Und es ist schön zu lesen, dass du trotz dessen dein Leben im Griff hast und glücklich bist.

Ich ziehe immer das positive aus allem, vielleicht kannst du dich auch mehr auf das positive konzentrieren?

Mein Sohn wurde sehr schwer krank, er lag zeitweise so auf der Kippe, dass die Ärzte mir nicht sagen konnten, dass er überleben wird. Während andere Eltern (gleiche oder ähnliche Situation wie ich) den halben Tag weinten und sich selbst bemitleidet haben, habe ich nur gesehen, dass ich mehr Zeit mit meinem Kind habe als andere. Denn ich war rund um die Uhr mit ihm zusammen, vorher war er unter der Woche 8,5 Stunden täglich in der Kita und ich hatte praktisch kaum was von meinem Kind.

Nicht falsch verstehen, ich wollte nie dass er so schwer krank wird und es war auch keine leichte Zeit, aber das jammern hätte niemandem geholfen...

So ist es mit allem anderen auch. Ich bin überzeugt davon dass alles einen Grund hat. Und alles schlechte etwas gutes hervorbringt. Nicht immer erhalten wir eine Antwort auf das warum, muss man auch nicht. Das vergangene kann nicht mehr verändert werden, aber du kannst deine Gegenwart beeinflussen und damit deine Zukunft neu gestalten.

Dein Sohn hat nur eine Oma und einen Opa? Nicht schlimm, es gibt viele Kinder (Ich zum Beispiel), die haben gar keine Großeltern. Sei dankbar, dass dein Sohn eine so liebevolle Oma sowie fürsorglichen Opa hat. Dafür kannst du dich freuen.

Freu dich und lass die liebe zu, die sie dir entgegenbringen. Du schreibst du mit ein Mensch voller Liebe, dann Teile sie mit deiner neuen Familie.

Deine Frau unterstützt dich, sie gibt dir halt und Kraft und wenn du doch mal überfordert bist, dann sag ihr das, sie wird dir helfen damit umzugehen.

Versuche dich einfach auf die guten Dinge zu konzentrieren und Frage dich nicht mehr warum, akzeptiere deine Vergangenheit und ziehe dir das positive daraus um deine Zukunft zu gestalten.

Ich wünsche dir alles gute

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Puh, es ist nur schwer vorstellbar, daß Eltern so zu ihren Kindern sein können. Es tut mir sehr leid, daß du so viel Schlimmes erleben musstest.

Auch wenn meine Kindheit viele liebevolle Momente hatte, kenne ich den Druck und Manipulation der Eltern. Ich habe praktisch bis Mitte 30 mein Leben nach ihren Erwartungen ausgerichtet. Jede Entscheidung mit ihren Augen getroffen, weil mir vermittelt wurde: entweder bist du so wie wir es wollen oder wir ignorieren dich. Ich hatte Angst vor Ablehnung und befolgte brav den Weg, den sie für mich ausgesucht haben (zu meinem eigenen Wohl selbstverständlich). Bis mir irgendwann klar wurde, daß ich mich komplett von meinen eigenen Wünschen und Träumen entfernt habe und das Leben meiner Mutter lebte. Darauf hin kam dann der Ausbruch: innerhalb weniger Wochen stellte ich alles auf den Kopf und rebellierte gegen die besitzergreifenden Strukturen. Es kam wie es kommen musste: meine Eltern waren entsetzt, enttäuscht, wütend und wendeten sich von mir ab, nachdem sie mir die Schuld für ihre zerplatzen Träume aufbürdeten.
Ich stürzte zuerst in eine tiefe Depression ab, Klinik, Pillen - über zwei Jahre kurz vom Suizid. Doch dank Therapie und einigen ganz lieben Menschen, fand ich in das Leben zurück. In MEIN Leben. Ich fand die Freude wieder und bin unsagbar dankbar für meine Kinder, Freunde und jeden einzelnen Tag.

Die Vergangenheit prägt uns, aber sie ist nicht existent. Genau so wenig wie die Zukunft. Es gibt nur das Jetzt. Jetzt hast du deine eigene Familie. Menschen, die dich lieben und deine Liebe brauchen. Das ist unheimlich viel Wert.
Nachdem ich begriffen habe warum meine Eltern so sind wie sie sind, konnte ich ihnen verzeihnen. Jetzt nach 4 Jahren nach meiner Revolution haben sie mich als eigenständigen erwachsenen Menschen akzeptiert und wir begegnen uns auf Augenhöhe. Nach wie vor gibt es Auseinandersetzungen, die mich aber in keinster Weise erschüttern. Weil ich ihre Bestätigung nicht mehr brauche. So wie ich bin, so liebe ich mich und es ist mir völlig egal wer was von mir hält. Diese Selbstliebe tut nicht nur unheimlich gut, sie befreit.
Ganz unabhängig davon was wir in unserer Vergangenheit durchgemacht haben, absolut jeder von uns hat die gleiche Chance glücklich zu sein. Für unser Glück sind wir selbst verantwortlich. WIR selbst entscheiden was wir sein wollen - Opfer der äußeren Umstände oder selbstbestimmte glückliche Wesen. Ich habe meine Entscheidung getroffen und wie ich es so herauslese - du bereits auch :-)
Alles Liebe

Aljöna

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Ich hatte auch keine gute Kindheit, bin selbst Ende 30 und weiblich.

Meine Eltern hatten jahrelang Rosenkrieg mit reichlich psychischer und physischer Gewalt seitens meiner Mutter, auch gegenüber den Kindern.

Ich habe mit Mitte 20 den Kontakt zu ihr abgebrochen.
Mein Mann ist sehr liebevoll, meine Schwiegerfamilie ebenso. Wir haben eine kleine Tochter, und es geht mir sehr sehr gut.

Ich denke, du musst dich davon lösen, deiner Kindheit nachzutrauern. Sie wird niemals eine gute sein!

Das muss dich als Erwachsenen aber nicht negativ beeinflussen, im Gegenteil.
Ich zB weiß, dass ich mit Leichtigkeit eine bessere Mutter sein kann als meine für mich war. Ich überhaupt ein Leben führe, welches nicht drauf aufbaut, anderen absichtlich wehzutun.
Mich macht das sehr zufrieden und glücklich.

Deine Kindheit definiert nicht, wer du heute bist, das machst du selbst.

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Vielen Dank für deinen Beitrag!

"Ich denke, du musst dich davon lösen, deiner Kindheit nachzutrauern. Sie wird niemals eine gute sein! "

Das stimmt. In meinem Beitrag wurde es vielleicht nicht ganz deutlich, dass es kein direktes aktives nachtrauern ist, sondern mehr passiv durch plötzliche, unbewusste Verknüpfung aktueller Situationen mit der Vergangenheit. Vielleicht auch gar nicht so einfach zu erklären...

"Ich zB weiß, dass ich mit Leichtigkeit eine bessere Mutter sein kann als meine für mich war." ..."Mich macht das sehr zufrieden und glücklich."
Geht mir eigentlich auch so. Nur dann frage ich mich, warum es manche Menschen anscheinend anders machen (also schlechter...)

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Vielleicht magst du dich mal über “Schematherapie“ erkundigen. Dabei geht es um die Arbeit mit dem “inneren Kind“. Klingt etwas eso, aber ist es nicht ;-) es ist vielmehr das was du beschreibst, nämlich dass ein Teil von dir immernoch die “kindliche“ Sehnsucht hat, von den Eltern geliebt zu werden, obwohl man als Erwachsener ja nicht mehr im eigentlichen Sinne darauf angewiesen ist.

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Vielen Dank für deinen Beitrag!
Sehr interessante Therapieform, werde hierzu mal weiter recherchieren. Aufstellung mit Holzfiguren habe ich auch schon gemacht, hat jetzt nicht so viel gebracht. Eine Familientherapie hat mein Vater übrigens damals abgelehnt.
Dieses Thema "inneres Kind" scheint erstmal gut zu passen. Danke hierfür!

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Aufstellung ist noch was anderes. Schematherapie an sich wird leider nicht von der Krankenkasse übernommen, aber es gibt viele Verhaltenstherapeuten, die auch Schematherapeuten sind. Dann geht's wieder :-)

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Ich hatte eine schöne, behütete Kindheit, habe jedoch mit 13 auf dramatische Art und Weise meine Eltern verloren. Dies hat mich in vielen Dingen geprägt, nicht immer positiv. Ich kenne meine daraus resultierenden Schwächen, und legte immer Wert darauf, diese anzugehen, wenn ihr Einfluss auf mein Leben oder das meiner Familie zu gross wurde.

Mein Mann wiederum hatte eine schwierige Kindheit, geprägt von Gewalt und grösster Armut, seine Mutter liebte ihn zwar innig, aus Überforderung übte sie jedoch selber auch Gewalt aus, Kontakt zu seiner Familie bestand/besteht nur sehr rudimentär, ausser zu seiner Mutter, sie ist ein sehr enger, von uns allen sehr geliebter Bestandteil unserer Familie.
Was er machte, vor Familiengründung und nocheinmal zu Beginn unserer Ehe: therapeutische, intensive Aufarbeitung.

Wir beide umgehen sehr bewusst den Konjunktiv, alle unsere Erlebnisse in der Vergangenheit betreffend, dieses was wäre wenn, ist Gift und zerfrisst. Es ist wie es ist und unsere Gegenwart und Zukunft baut auf der Summe dessen auf was war, und sich nun mal nicht ändern lässt.

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Danke für deinen Beitrag!
"Ich kenne meine daraus resultierenden Schwächen, und legte immer Wert darauf, diese anzugehen, wenn ihr Einfluss auf mein Leben oder das meiner Familie zu gross wurde."

Wie schaffst du es denn diese plötzlichen Erinnerungen (bzw. daraus resultierende traurigen Momente) abzuwenden/zu verhindern/mit ihnen um zu gehen?

"Wir beide umgehen sehr bewusst den Konjunktiv, alle unsere Erlebnisse in der Vergangenheit betreffend, dieses was wäre wenn, ist Gift und zerfrisst."

Da gebe ich dir Recht, wobei mir diese Fragen eigentlich nie kommen. Ich bin was ich bin und das ist auch gut so. Ich bin jetzt so glücklich, ob ich mit anderer Kindheit jetzt glücklicher oder unglücklicher wäre, beschäftigt mich nicht. Mich stören diese Flashbacks...

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Hallo,

für mich hört sich das auch eher danach an, dass du deine Probleme und alten Muster noch nicht wirklich verarbeitest hast.

Weiter oben hat jemand was zu dem inneren Kind geschrieben - find ich super, damit solltest du unbedingt arbeiten.
Etwas in dir ist noch sehr jung und sehnt sich nach Aufmerksamkeit, das merkt man auch an deinem Nicknamen.

Es ist sehr schwer und nicht besonders erfreulich, alte Themen aufzuarbeiten. Hab Mut, es wird sich lohnen.

Ich hatte auch eine schwierige Kindheit und dadurch absolut kein Urvertrauen.
Ich habe mittlerweile Frieden damit gefunden und auch meinen Eltern verziehen. Sie wussten es nicht besser oder konnten es nicht.

Mittlerweile bin ich länger kein Kind mehr als ich eins war. Und finde es seltsam wenn man sich davon noch so bestimmen lässt.
Als Erwachsener hat man die Möglichkeiten und die Wahl diese Dinge zu ändern und zu heilen.

Es ist deine Entscheidung, ob du dich selbst bemitleidest und dich weiter in der Opferrolle findest, oder lernst Selbstverantwortung für dich zu übernehmen.
Du bist jetzt ein erwachsener Mann, deine Eltern haben diese Macht über dein Leben nicht mehr - ausser du gibst sie ihnen.


Alles Gute!

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Danke für deinen Beitrag.
"Als Erwachsener hat man die Möglichkeiten und die Wahl diese Dinge zu ändern und zu heilen."
Beim Heilen hänge ich noch hinterher.

"Es ist deine Entscheidung, ob du dich selbst bemitleidest und dich weiter in der Opferrolle findest, oder lernst Selbstverantwortung für dich zu übernehmen. "

Es ist ja nicht so, dass ich hier tagelang absichtlich an meine Kindheit denke und im Selbstmitleid baden möchte. Mich stört das unbewusste, plötzliche Auftreten von Erinnerungen, gegen die ich mich nur schwer erwehren kann.

"Ich habe mittlerweile Frieden damit gefunden und auch meinen Eltern verziehen. Sie wussten es nicht besser oder konnten es nicht."

Gut, dass du dies leisten kannst. Meine Eltern wurden auch nicht müde ihre eigene Kindheit vorzuschieben (Nachkriegsgeneration). Auf meinen Hinweis, dass sie ja dann ganz genau wüssten wie sich so etwas anfühlt, wussten sie auch keine schlaue Antwort. Sie wussten es nicht besser oder konnten es nicht, finde ich keine zufriedenstellende Begründung. Selbst jetzt nach dem sie wissen was sie angerichtet haben, war keine Verhaltensänderung erkennbar.
Die Erkenntnis, dass man als Kind (gerade nach dieser Vorgeschichte) es nicht wert ist über den eigenen Schatten zu springen und gewohnte, falsche Verhaltensweisen nun abzulegen, ist mir nicht verständlich.

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Mhmmm, ich kann da durchaus ein bisschen Verständnis für aufbringen.

Besonders die Nachkriegsgeneration ist so weit weg von Ihren Gefühlen und aus der Not heraus da oft völlig stumpf.
Mein Opa hat Schreckliches erlebt und hat dieses Kapitel in seinem Leben völlig ausgeblendet und abgestossen.
Er war sehr streng und hatte für Befindlichkeiten gar keinen Platz. Bei Ihm gings ums überleben. Nicht darum ob sich alle wohlfühlen. Diese Verhaltensweise konnte er bis zum Schluss nicht loslassen.
Das ist natürlich nicht gut, kann ich aber verstehen.

"Es ist ja nicht so, dass ich hier tagelang absichtlich an meine Kindheit denke und im Selbstmitleid baden möchte. Mich stört das unbewusste, plötzliche Auftreten von Erinnerungen, gegen die ich mich nur schwer erwehren kann."

Natürlich nicht! Aber es ist deine Entscheidung wie du damit umgehst.
Lass es kommen, nimm es an und lass es ziehen. Das geht nicht immer sofort, kann man aber lernen.

"Gut, dass du dies leisten kannst."
Das hat nichts mit leisten zu tun, das habe ich mir schwer erarbeitet.
Meine Eltern haben uns Kinder immer als störende Elemente angesehen, die möglichst schnell angepasst gehören.
Wenn ich Hunger hatte, aber es nicht Zeit war, hab ich nix bekommen. Wenn ich dann allerdings vor lauter Hunger schnell gegessen hatte, galt ich als gierig.
Wenn ich als Baby nicht schlafen konnte, haben sie mich rausgestellt und schreien lassen - schließlich wollten sie sich nicht von mir diktieren lassen.
Für ein sensibles Kind Alles in Allem nicht besonders gut geeignet seinen Platz und Sicherheit im Leben zu finden.
Meine Eltern hatten auch nie das Gefühl irgendetwas falsch gemacht zu haben. Da sind deine sogar schon einen Schritt weiter.

Trotzdem - es ist deine Entscheidung wie du damit umgehst und inwiefern du dir dein Leben davon bestimmen lassen möchtest.

Ich brauche meine Eltern heute nicht mehr damit sie mir die Anerkennung geben die ich gerne hätte oder mir als Kind gewünscht habe. Das übernehme ich selbst.
Das nennt man Selfcareing und kann man lernen.

Aber das schmeckt nicht immer und erfordert das auch du über deine Schatten springst und nicht nur die Schuld bei deinen Eltern suchst. Denn heute bist du ganz alleine für dein Leben verantwortlich. Niemand sonst!

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Uh

harter tobak ...

Tatsächlich war ich beim lesen deines Beitrags den Tränen nah.

Ich kann mich sehr gut in deine Gefühle mit einfühlen da ich einige Parallelen in unserer Kindheit sehe (wenn auch lange nicht so krass wie Du es erlebt hast)

Es gibt auch aus dem Stegreif nichts was ich dir raten könnte aber doch will ich Dir gerne mitteilen wie unglaublich stolz du auf dich sein kannst.

Du bist voller liebe, klar und reflektiert.
Das muss man nach so einem Elternhaus erstmal auf die Reihe bringen.

Mach weiter so #pro

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Hi Sohnemann

ich kann absolut nachempfinden was in dir vorgeht. Und deine Gefühlswelt spiegelt sich exakt in meiner wider.

Kurz und schmerzlos meine Geschichte

1985 in der DDR als Einzelkind gebohren. Der Vater 19 Mutter 20 Jahre alt. Die Beziehung schien damals schon Unstimmigkeiten zu haben was ich so eben mal vor kurzen im Nebenbri mitbekommen habe
- Vater hatte einige Affären und wurde zum alkoholiker was ich mitbekam. Gewalt gab es jedoch keine zuhause

Meine Mutter packte mich mal mit 6 oder 7 und nahm mich mit zu einer Affäre des Vaters um sie zur Rede zu stellen.

1998 erfolgte die Scheidung. Das hiess totaler Abschied von allem Grosseltern Tanten Onkel die immer sehr liebevoll waren Freunde Umfeld Heimat.
Umzug nach Bayern. Was das bedeutet als 12 Jähriges Ossikind in ein 2000 Seelendorf zu ziehen will ich gar nicht näher erläutern.

Ich hatte viele Jahre zu knabbern. Ein Kontakt zum Vater gab es praktisch nicht mehr.
Übrigens die Familie mütterlicherseits zog schon in den frühen 90ern nach Bayern um.
Sie war sicherlich froh weg vom Ehemann zu sein und froh wieder in der nähe Ihrer Familie zu sein. Ich würde jetzt im Nachhinein aber nicht alles auf meinen Vater schieben gehören ja immer 2 dazu.
Meine Mutter lernte wieder jemande kennen mit dem es unschön zuende ging. Da war ich dann schon 18 und beschloss eine Wohnung allein zu bewohnen. Aufarbwiten konnte ich nie so richtig da ich wie gesagt Einzelkind bin.
Mein Vater wurde trocken heiratete erneut bekam noch eine Tochter.
Meine Mutter verrannte sich unmittelbar nach dem Scheitern der letzten Beziehung sofort in die nächste die bis heute anhält. Der Freund ein sehr arroganter Typ mit schwierigen Charakter der übrigens jetzt der Opa sein soll aber dazu später mehr.

Liest der TE noch mit? Auf Wunsch würde ich gerne weitererzählen falls überhaupt jemand mitliest

Grüsse

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