Beziehung zu den Eltern

Hallo ihr Lieben, wollte nur Mal hören, ob es jemandem ähnlich geht. Ich bin sehr traurig, dass ich eigentlich kein wirklich gutes Verhältnis zu meinen Eltern bzw. zu meiner Mutter habe. Vordergründig hatte ich eine schöne Kindheit, gehobene Mittelschicht, Haus mit Garten, ein bis zwei Mal Urlaub in Jahr, nach außen eine Bilderbuchfamilie. Wir wurden nicht geschlagen ( bis auf die damals durchaus verbreiteten Klapse), allerdings mit Liebesentzug bestraft, was bei mir bis heute Spuren hinterlassen hat. Ich bin zum Beispiel überhaupt nicht konfliktfähig und es fällt mir sehr schwer meine eigenen Interessen durchzusetzen, sei es beruflich oder privat. Ich würde auch nie mit Problemen zu meinen Eltern gehen, aus Angst vor Vorhaltungen oder Verurteilung. Das Schlimme ist ja, dass ich früher dachte, das sei ganz normal und in jeder Familie gibt es ja Ungereimtheiten, aber jetzt wo ich selbst Mutter bin, finde ich es erschreckend und hoffe, dass meine Kinder später eine andere Beziehung zu mir haben. Meine Mutter ist auch sehr fordernd und schreibt ständig Nachrichten und möchte telefonieren, skypen, etc... Und wenn ich nicht gleich zurückschreibe, ist sie beleidigt und macht mir Vorwürfe, weil sie ja immer alles für uns getan hat und für sie ist nie jemand da...Ach sorry für den Roman, aber ich wollte das einfach Mal loswerden und fragen, ob es jemandem ähnlich geht? LG eine traurige Tochter

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Mir gehts sehr ähnlich wie dir. Aufgewachsen in "gutem Umfeld", vordergründig alles bilderbuchperfekt, aber da wir 5 Geschwister sind sind leider einige (oder zumindest mindestens ich) nicht sehr gestärkt worden. Genau wie du bin ich nicht konfliktfähig, was mein Leben sehr erschwert. In den Augen meiner Eltern gibt es keine Konflikte in der Familie, die werden unverzüglich unter den Teppich gekehrt. Dass eine Schwester von klein auf bis heute absolut bevorzugt wird, können oder wollen die Eltern nicht eingestehen. Dass die anderen Geschwister sich nicht wehren, macht mich zur Aussenseiterin. Aber ich kann das nicht mehr akzeptieren.

Wie ist denn heute dein Verhältnis zu deinen Eltern? Siehst du sie oft? Haben sie Kontakt zu deinen Kindern? Und hast du auch Geschwister?

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Ja, das mit dem unter den Teppich kenne ich... . Ich habe noch einen älteren Bruder, dem es ähnlich geht wie mir. Vordergründig ein gutes Verhältnis, aber auch eher auf Distanz. Zum Glück wohnen wir 500 km entfernt, so dass wir uns nicht allzu oft sehen können/müssen. Als Großeltern sind sie allerdings ganz anders, als zu uns und die Kinder lieben sie, sind ja allerdings noch klein, und vergöttern Oma und Opa. Es wird spannend, wenn sie Mal andere Meinungen haben werden, in der Pubertät, fürchte ich...

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Hallo und herzlich willkommen im Club.
Liebesentzug und Schuldzuweisung sind äußerst effektive "Erziehungs" oder genauer gesagt Manipulationsmaßnahmen die IMMER funktionieren. Daher sind sie weit verbreitet. Leider ist es vielen Eltern nicht bewußt welche tiefe Wunden solche Aktionen verursachen. Keine Mutter will ihr Kind bewusst kränken, das geschieht meist aus Unwissenheit und der eigenen Traumata. Sie wurden genauso "erzogen" und geben es an dich weiter. Betrachte es als deine Lebensaufgabe diesen Teufelskreis zu durchbrechen damit deine Kinder sich frei entfalten können.
Es ist zwar ein langjähriger Prozess, aber dennoch absolut realistisch sich davon zu befreien. (Mir ist es mit 37 Jahren endlich gelungen). Wenn du dich selbst annimmst, mit allen Besonderheiten und Schwächen, dich anfängst zu lieben - befreist du dich vom Bedürfniss nach Anerkennung und Bestätigung anderer, inkl deiner Eltern. Dann lässt du auch die Enttäuschung los von ihnen nicht so angenommen zu werden wie du es dir wünschstes. Du verstehst warum sie so ticken und machst den dafür keinen Vorwurf. Du erkennst ihre Taktik mit der sie dich erpressen und unter Druck setzen und kannst ihr ausweichen. Ob Abwerung oder Kritik - nichts davon wird dich kränken. Das prallt an dir ab, weil du selbst weißt wie außergewöhnlich und liebenswert du bist. Dann kannst du ihnen verzeihen und abnabeln.
Auch wenn es auf dich anders wirken mag - sie lieben dich tatsächlich. Sie sind es gewohnt auf ihre Art mit dir umzugehen. Aber auch du ziehst den Schuh an. Es ist deine Entscheidung ob du die Kritik annimmst oder sie ablehnst.
Eine Therapie kann helfen (allerdings muss man bei den Wartezeiten einen langen Atem haben)
Behandele dich selbst wie deine beste Freundin - mit Liebe und Respekt, das stärkt dein Selbstvertrauen und gibt dir die nötige Kraft dich vom Einfluss deiner Eltern zu lösen. Bleib hartnäckig und lass dich nicht unterkriegen!
Wünsche dir alles Liebe! Du schaffst das!

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Da fällt mir noch was ein: genau wie du hab ich mich nach Wünschen und Erwartungen meiner Eltern verbogen. Mir wurde ständig vermittelt: entweder bist du wie wir dich haben wollen, oder wir ignorieren dich.
Dieses gefährliche und krankhafte Gehorsam endete schließlich in meiner Krise, wo ich völlig depressiv kurz vom Suizid fast drei Jahre isoliert von der Außenwelt im Bett verbrachte. Meine Eltern waren ratlos und begriffen nicht was auf einmal mit ihrer fröhlichen braven Tochter los war.
Zum Glück hab ich diese Zeit am Rande des Abgrunds überstanden und wieder zu mir gefunden.
Damit will ich dir keineswegs Angst einjagen, bloß Hoffnung geben, daß man sogar aus so einer scheinbar auswegslosen Situation heil rauskommen kann.
Wenn man sich selbst verleugnet, lebt man das Leben anderer. Deinen Eltern zuliebe damit du bloß ihre Anerkennung bekommst, deine eigene Wünsche, Ziele und Bedürfnisse beiseite zu schieben - behindert dich an deiner persönlichen Entfaltung.
Hör auf niemanden, mach dein Ding, daß was dein Herz erfreut. Er ist DEIN Leben indem die alle Wege frei stehen, du musst nur Mut aufbringen sie zu beschreiten.

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Danke für deine ermutigende Nachricht! Ich weiß ja, dass das alles auch aus ihrer eigenen Kindheit kommt und hab es lange damit entschuldigt, aber gerade jetzt, wo ich selbst Mutter bin, denke ich oft, dass man doch Mal ein bisschen selbstkritischer sein könnte. Aber man kann ja andere Menschen nicht ändern, nur sich selbst und das ist ja das Schwierige. Aber ich versuche mit meinen Kindern anders umzugehen, allerdings klappt es leider nicht immer...

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Bei mir war es komplett anders. Ich war das 2. Kind einer Alleinerzieherin in den 70ern. Ich habe nur Ablehnung und Hass kennen gelernt. Hauptsächlich von meiner Schester und und von meinen Großeltern.
Meine Mutter war eigentlich ganz nett aber völlig überfordert.
Meinen Vater hab ich nicht kennengelernt.
Und so bin ich aufgewachsen,

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Bildungsungewohnt aufgewachsen, Eltern geschieden, kein Kontakt zum Vater, Mutter vorzugsweise arbeitslos und depressiv, aber Erwartungen an die Kinder hoch 3. Sie ist dann unbekannt verzogen und hat ihre Kinder, gerade volljährig, alleine zurück gelassen.
Kinder haben sich nach harten Kämpfen gut entwickelt, aber Kontakt blieb bei null. Mutter hatte kein Interesse daran. Tja und das Ende der Geschichte? Mutter lag tagelang tot in der eigenen Wohnung, bevor die Kripo sie gefunden hat...

Freut euch, wenn eure Eltern Interesse an eurem Leben haben, auch wenn sie mal auf die Nerven gehen. Eltern zu verlieren, weil sie keine Kinder mehr wollen, ist tausend mal härter. Ein echter Tod ist leichter.

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Achso, Misshandlungen- psychisch und physisch braucht man da wohl kaum noch extra erwähnen....

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Als Abschluss: die Kinder haben heute beide studiert, gute Jobs, Familie, Haus, Auto.... so richtig spießig. Wir haben uns nicht unterkriegen lassen und weder zu viel analysiert noch Therapien gemacht sondern das Leben angepackt und aus der ganzen Misere herausgearbeitet. Rückzug war nie ein Thema.
Wer bis zum Hals im Wasser steht, sollte den Kopf nicht hängen lassen!

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Lass dich drücken und die sagen, dass du großartig bist wie du bist.
Ich hab mich in vielem was du geschrieben hast wiedererkannt. Wohlhabende Eltern, nach außen alles toll, aber irgendwie fehlte das angenommen werden, die Liebe. Der erste Satz den ich geschrieben habe kommt nicht von ungefähr.
Ich bin durch eine Schulung auf das Thema Achtsamkeit gekommen und habe mich damit auseinandergesetzt, so dass ich inzwischen mich und meine Eltern besser verstehe. Ich weiß auch warum meine Eltern sind wie sie sind.
Bei meinem Kind versuche ich es besser zu machen. Das ist doch ein schönes Wissen.

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Vielen Dank für deine lieben Worte! Ja, habe mich auch schon ein bisschen mit Achtsamkeit und GfK beschäftigt und weiß ja auch, woher das Verhalten meiner Eltern, vor allem meiner Mutter kommt. Habe es oben schon Mal beschrieben, früher habe ich auch viel damit entschuldigt und gehofft, dass sie jetzt, wo wir Erwachsenen sind auch was dazugelernt haben, aber das wird ja eher schlimmer... Aber das Gute ist, dass ich so langsam auch keine Erwartungen mehr habe. Habe nur Angst, dass ich die gleichen Fehler bei meinen Kindern wiederhole, auch wenn ich es bewusst zu vermeiden versuche... . Sich selbst anzunehmen, wie man ist, finde ich das Schwierigste, wenn man nie bedingungslose Liebe kennengelernt hat. Hast du denn evt. ein paar Literaturtipps in diese Richtung? LG und danke nochmal

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Literatur kann ich dir leider nicht empfehlen. Ich hatte einen tollen Schulungsleiter, der uns gezeigt hat wie man sich Dinge verbildlichen kann und einfach generell geholfen hat den Zusammenhang zu verstehen, so dass einen Situationen zwar noch treffen können, man aber besser reagieren kann. Ist leider eine Weile her, ich müsste echt nachdenken wie er hieß. War südlich von Stuttgart.
Das mir der Liebe ist etwas was ich durch meinen Mann gelernt habe, auch dass man sich auf andere verlassen kann und Hilfe bekommt. Ich habe mich früher ständig entschuldigt, er hat als wir noch nicht lange zusammen waren zu mir gemeint: entschuldig dich doch nicht ständig. Ist mir vorher nie aufgefallen.
Ich hab zwar noch immer - auch besonders mit meiner Mutter - so Situationen in denen ich mich sehr ärgere und wenn sie beleidigt ist nimmt mich das total mit, aber ich kann mir dann die Situation logisch erklären und bin auch in der Lage mit meinem man darüber zu reden, so dass es deutlich schneller geht drüber hinweg zu kommen.
LG und eine Umarmung

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Auch ich bin in einer „gut“ behüteten Familie aufgewachsen.
Meine Eltern haben sich in Wirklichkeit viel gestritten und ich komme bis heute mit den Ausrastern meiner Mutter gegenüber meinem Vater nicht klar.
Hatte sogar schon einige Therapiestunden um das ganze aufzuarbeiten.
Bis heute ist meine Mutter für mich der Negativpol und mein Vater der Positivpol. Obwohl ich meine Mutter trotzdem mag. Sobald es aber Streit gibt, ist sie für mich der Teufel. Manchmal denk ich es ist unfair so zu denken, aber leider bekomm ich die Kindheit nicht aus meinem Kopf.

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Ähnlich? Dein Text könnte von mir sein! Nette Kindheit, aber wenig Liebe und viele Schuldzuweisungen, egal wofür. Wie oft habe ich mir Eltern gewünscht, die hinter mir stehen und nicht welche,die mir sagen, dass ich es sowieso nicht schaffe. Trotzdem habe ich alles erreicht was wollte. Das wurde aber nie honoriert. Oft hatte ich schlaflose Nächte. Sehr oft und konnte nichts dagegen tun. Ich musste an mir arbeiten und mit mir klar kommen.
Und jetzt? Sind sie alt geworden und brauchen Hilfe. Meine Geschwister wohnen weiter weg als ich. Was soll ich also tun? Ich helfe ihnen, wenn ich kann. Warum auch nicht? Die nötige Liebe dabei fehlt aber. Ich habe sie nie kennen gelernt...

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Es ist schlimm, du hast recht! Mir geht es ähnlich:

Mein Vater hat sich nie auch nur für eine Sekunde für mich interessiert!
Jetzt hat er eine Freundin, die jünger ist als ich und seine größte Sorge ist, wie er IHR alles vererben kann.

Plötzlich hat er Interesse an mir und will mir erklären, warum SIE alles bekommen soll...

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Hier ist noch so eine.

Behütete Kindheit, "gutes" Elternhaus, aber emotional hat halt immer was gefehlt. Ich tu mir immer noch schwer, jemanden wirklich an mich ran zu lassen. Immer muss ich funktionieren. Ich würde mich gerne vorbehaltlos hingeben können. Vielleicht arbeite ich das irgendwann mal auf.

Mir kommt es immer vor wie jammern auf sehr hohem Niveau. Ich wurde nie geschlagen, materiell hat es an nichts gefehlt...hm.

Ich mache meinen Eltern übrigens keinerlei Vorwürfe, sie kannten es ja selber nicht anders.