Schuldgefühle gegenüber Mutter mit behindertem Sohn

Hallo zusammen,

ich bin ganz neu hier und durch Google-Suchen auf dieses Forum gestoßen. Ich selbst habe (noch) keine eigenen Kinder, es geht vielmehr um meine Familie, bestehend aus Mutter und Bruder. Durch Google-Suchen bin ich auf dieses Forum gestoßen und hoffe, dass mir hier vielleicht einige Ratschläge oder einfach nur Beiträge gegeben werden können, da sich hier ja auch viele Mamas usw. rumtummeln :) Falls ich hier falsch bin, bin ich auch für einen Hinweis dankbar.

Es fehlt um folgendes Problem: Mein Bruder ist 4 Jahre älter als ich (30) und schwerbehindert, und zwar an der Grenze geistiger/psychischer Behinderung. Er kann reden usw., hat eine starke Lernbehinderung und ist auf die ständige Hilfe anderer (meiner Mutter) angewiesen, da er nicht für sich alleine sorgen könnte; zudem fließt bei ihm ein Autismus mit ein. Ich habe vor ein paar Jahren die Betreuung für ihn übernommen, da der damalige Richter sie meiner Mutter entzogen hatte auf Grund eines Arztbriefs und er dann einen Anwalt als Betreuer hatte, der aber irgendwie total gegen uns arbeitete, woraufhin wir beantragt hatten, dass ich sie bekommen, was dann Gott sei Dank auch geschah.

Er wohnt noch bei unserer Mutter, die sich auch wirklich sehr gut um ihn kümmert. Wie eingangs erwähnt besteht unsere Familie nur noch aus uns dreien. Freunde der Familie oder meiner Mutter gibt es keine, da sie sich irgendwie mit allen im Laufe der Zeit zerstritten hat. Generell muss man sagen, dass meine Mama psychisch vermutlich auf Grund schlimmer Kindheit nie wirklich stabil war und es sich im Laufe der letzten Jahre stark verschlimmert hat. Obwohl ich meine Kindheit an sich ganz schön war, gab es auch einige Vorfälle und Dinge, die ich schlecht in Erinnerung habe (viel Geschrei als meine Eltern sich scheiden ließen (da war ich knapp 8), auch Jahre danach noch, das ist nur ein Beispiel), und ich würde zumindest behaupten, dass auf Grund einiger Dinge das Verhältnis zu meiner Mama eher unterkühlt ist und ich, gerade ab dem jugendlichen Alter, mich von den beiden eher distanziert verhalten habe; das ging wohl auch einher damit, dass meine Mama mich mit ihren Problemen immer sehr belastet hat und ich das mit der Behinderung meines Bruders auch ganz lange nicht so ganz kapiert habe, da er als ich klein war für mich ganz normal war und es einfach recht lange dauerte, bis ich damit klar kam...bzw es verstanden habe. Ich war dann immer gerne mit Freunden unterwegs und wenn meine Mama mich bat, dass ich einige Zeit nach der Arbeit immer heimkommen soll, damit ich da bin und sie sich wieder wegen diesem und jenen beruhigen kann, bin ich trotzdem mit Freunden unterwegs gewesen usw.

Mit 21 bin ich dann ausgezogen und habe etwas egoistisch mein eigenes Leben gelebt, wobei meine Mutter noch kurz davor oder kurz danach (das weiß ich nicht mehr so genau) mir mal schrieb, dass sie und mein Bruder nun alleine klar kommen und das ok wäre. Ich habe mich dann einige Zeit lang nicht mehr so extrem viel blicken lassen, was mir an sich auch ganz gut getan hat.

An sich gesehen war das aber eher ein kürzerer Zeitraum, vlt. so 1-2 Jahre. Generell ist es so, dass ich zwar inzwischen ca. 40 Minuten Autofahrt von beiden weg wohne, ich aber 2-4x im Monat zu den beiden fahre. Ferner habe ich sie finanziell immer unterstützt wenn irgendetwas war, auch bei behördlichen Sachen usw. helfe ich immer (bzgl. meines Bruders mache ich das eh, da es ja in meinen Betreuungsbereich fällt).

Nun zu meinem generellen Problem. Seit ca. 1 Jahr ist das Verhältnis zu meiner Mutter exrem schlecht geworden, wirft mir u.a. vor, dass ich mich nie um meinen Bruder kümmere bzw. um sie beide früher gekümmert habe, sie nicht einlade und dieses und jenes, teilweise extrem sinnlose Vorwürfe (insbesondere auch Dinge, die ich als Jugendliche gemacht habe, z.B. meinte ich wohl mal, dass ich mich für sie schäme - ok, sagt man nicht, aber vielleicht hätte man mir erklären sollen, warum so ne Aussage Schmarrn ist), und dass ihr größter Fehler war, damals auf mich zu hoffen und ich sie nur enttäuscht hätte. Es sind noch einige andere Dinge vorgefallen, deren Erwähnung jetzt jedoch den Rahmen sprengen würde.

An sich kann man viele dieser Anschuldigungen auf die Verfassung meiner Mutter schieben (ist zwar nicht immer so einfach, aber ok). Jedoch frage ich mich, ob ich meiner Mutter vielleicht wirklich nicht mehr hätte helfen können/sollen, da sie allein erziehend war (meinem Vater hatte sie 5 Jahre nach der Scheidung den Kontakt untersagt), insbesondere einfach wegen meinem behinderten Bruder. Ich denke alleinerziehend ist ja schon sehr schwer, mit einem behinderten Kind bestimmt noch viel mehr. Natürlich hatte ich diese Erkenntnis als z.B. 11-Jährige noch nicht. An sich habe ich mit meinem Bruder ein ganz gutes Verhältnis, ich habe es einfach nur mit meiner Mutter nicht daheim ausgehalten.

Was mir aber am m

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Hallo next,

da fehlt noch was, oder? Schreib weiter, bitte. Ich hab die Ohren aufgestellt...

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Ja, kam jetzt, der PC war vorhin schneller als ich :)

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...warum auch immer, bin ich versehentlich auf "Beitrag abschicken" gegangen, ich war noch nicht fertig :D

Jedenfalls macht mich am meisten der Gedanke fertig, dass meine Mutter zwar an sich wirklich unmöglich sein kann, sie aber andererseits ein ganz lieber Mensch ist, der sich seit über 30 Jahren aufopfernd um ihren behinderten Sohn kümmert, um mich hat sie sich ja an sich auch immer recht gut gekümmert. Es gab wie gesagt einige Dinge, die halt nicht so schön waren, aber ich denke, sie kann und konnte einfach manchmal nicht anders, was auch ihrer Psyche zuzuschulden ist. Und dass eben genau meine Mutter, die eigentlich so viel für meinen Bruder macht, und eigentlich so lieb ist, irgendwie nie ein wirklich schönes Leben hatte - nie einen lieben Partner (nach meinem Vater kam nie wieder ein Mann), nie eine wirklich schöne Arbeit (bevor ich 15 war, hatte sie immer Arbeit, allerdings war da dann auch immer irgend etwas...) und Freunde irgendwie auch nicht so wirklich... außerdem wohnen sie seit 10 Jahren in einer Sozialwohnung (ich wohnte dort auch knapp 2 Jahre mit), der Wunsch nach einer kleineren Wohnung für die 2 ist sehr bis hin zu gar nicht realisierbar...irgendwie kann ich nichts wirklich schönes in ihrem Leben finden. Auch ihre Kindheit muss miserabel gewesen sein, deswegen denke ich mal, dass sie eben auch so ist, wie sie manchmal ist. Eine Aussprache mit ihr ist schwierig bis unmöglich, da sie Empathie usw. einfach nicht kann (außer vielleicht bei meinem Bruder).

Hätte ich mich wirklich mehr kümmern sollen um sie, wegen meinem behinderten Bruder usw.? Ich weiß nicht, wie ich mal damit umgehen soll, wenn sie stirbt, der Gedanke daran, dass sie irgendwie immer so viel Pech im Leben hatte, nicht mal einen lieben Partner, zerbohrt mir manchmal mein Herz. Auch wenn ich weiß, dass ich vermutlich eigentlich keinen Grund für Schuldgefühle habe, mein eigenes Leben leben soll usw. ...

Ich hoffe, es ist verständlich, worauf ich hinaus möchte, es ist einfach ein sehr komplexes Thema, und schwer so kurz zusammenzufassen (ist jetzt eh schon recht viel geworden...).

Ich würde mich über die ein odere andere Antwort freuen.

Liebe Grüße

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Hallo,
ich denke, dass du nicht für das Leben deiner Mutter verantwortlich bist.
Sie ist die Mutter, du bist das Kind. Eine Rollenverteilung sollte nicht passieren. Egal wie selbstsicher und selbständig du geworden bist und ihr Leben (traurig aber wahr), nicht so rosig verlaufen ist.
Wichtig ist, sich keine Schuldgefühle einreden zu lassen. Ich glaube, dass du einen sehr reflektierten Blick auf deine Mutter hast und das gut einschätzen kannst.

Selbstverständlich ist es toll, wie sie sich weiterhin um ihren Sohn kümmert.
Natürlich ist ihr Leben dadurch vorbestimmt und erschwert.

Aber eine Unterstützung von deiner Seite solltest du selbst entscheiden.
Wenn du mit keinem guten Gefühl öfters die Beiden besuchen fährst und mehr Aufgaben übernehmen möchtest, dann lass es auch.
Wenn es dir selbst besser geht mit Abgrenzung, dann behalte das bei.

Hilfe, Unterstützung mehr Zeit opfern muss von dir selbst kommen und nicht erzwungen oder aus Pflichtbewusstsein.

Ich glaube wichtig ist auch, sich über die Zukunft Gedanken zu machen.
Wenn die Beiden nicht mehr selbständig zu Hause leben können, was dann?
Ist das geplant oder durchdacht?
Hast du das mal angesprochen oder hast du dir selbst mal Gedanken gemacht, zu was du bereit bist?
Ich glaube, dass sollte irgendwann mal Thema sein.

Gruß

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Hallo,

das Thema ist sehr komplex, Du brauchst gegenüber Deiner Mutter aber keine Schuldgefühle zu haben.

Unser 2. Sohn ist schwer mehrfachbehindert, er wird im März 20.
Mit der Volljährigkeit zog er um in ein Wohnheim, wir holen ihn aber auch mal übers Wochenende oder über Feiertage nach Hause. Täglich wäre seine Pflege nicht mehr zu schaffen gewesen, wir arbeiten beide und haben noch 3 kleine Jungs. Unser Ältester ist fast 25, zog mit 22 aus und lebt sein eigenes Leben. Das soll er auch, die Pflege oder Verantwortung soll nicht den gesunden Geschwistern aufgebürdet werden, wir haben ein gutes Verhältnis.

Wir haben die gesetzliche Betreuung, Du hast sie für Deinen Bruder, damit bringst Du Dich schon viel mit ein.

Ist geregelt was aus Deinem Bruder wird, wenn Deine Mama nicht mehr da wäre?
Gibt es ein Behindertentestament?

Wenn unser behinderter Sohn jetzt noch täglich zu Hause wäre, könnte ich nicht mehr arbeiten, konnte es jahrelang kaum, seine Pflege wurde von Jahr zu Jahr schwerer, er ist Epileptiker, infektanfällig, komplett unselbstständig, spricht nicht.

Seit 2 Jahren arbeite ich wieder und bin sehr froh darüber, mir tut der Job gut.

Deine Mama hat sich all die Jahre aufgeopfert und sich dabei selbst vergessen, Dein Bruder ist ihr Lebensinhalt, sie ist unzufrieden und Du bekommst es ab, das ist nicht gut.

Es gibt Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege, zusätzliche Betreuungsleistungen, nutzt sie davon was?

Wo ist Dein Bruder tagsüber, besucht er eine Tagesförderstätte, oder eine Werkstatt?

Kennst Du Rehakids?
Dort sind viele Eltern mit inzwischen erwachsenen behinderten Kindern, bei rehatalk schreiben Selbstbetroffene, Geschwister schreiben auch immer wieder mal.

Vielleicht tut es Dir gut mal zu lesen, wie es anderen geht, wo die behinderten Kinder noch zu Hause leben, oder im Wohnheim. Wie andere Eltern damit umgehen und wie das Verhältnis untereinander ist.

LG Anja

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Hm, du bist die Betreuerin deines Bruders, aber nur auf dem Papier? Das müsstest du vielleicht noch näher erläutern, vielleicht liegt da der Hund begraben.
Ansonsten würde ich nie erwarten, dass sich ein Geschwisterkind um das andere kümmert, so lange ich, bzw. mein Mann noch da sind.
Vielleicht ist deine Mutter depressiv und ihres Lebens, das sie sich wahrscheinlich anders vorgestellt hat, überdrüssig und sucht jetzt ein Ventil für ihren Frust.

Nimm es dir nicht so zu Herzen, nimm es nicht so ernst. Sei weiterhin für die Beiden da, aber lebe DEIN Leben.

LG

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Hey,

bei der Art von Betreuung, geht es um die rechtliche Betreuung.
Schau mal hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Betreuung_(Recht)

#winke

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Hallo,

"nur auf dem Papier" sozusagen, ich muss mich um alle rechtlichen Belange kümmern, Anträge ausfüllen, Schriftverkehr mit dem Betreuungsgericht, Zahlungseingänge überwachen, kann über seinen Wohnort und medizinische Betreuung usw. verfügen. So gesehen ist es kein großer Aufwand für mich, zumal ich mit so Schriftzeug auch recht gut klarkomme. Alles andere ist dann wohl eher die moralische Verpflichtung :D

Ich denke ich fühle mich irgendwie so verantwortlich für sie und will versuchen, dass ICH ihr wenigstens noch ein bisschen ein schönes Leben geben kann, nachdem es bisher wohl kein anderer geschafft hat. An sich ist sie wie gesagt ein total lieber Mensch, der halt leider schon von Geburt einen schlechten Start hatte, und das tut mir so weh. Andererseits verschließt sie sich (inzwischen) auch gegen eigentlich alles und macht mir parallel Vorwürfe, dass sie früher so auf mich gehofft hat und sie enttäuscht wurde.

Grüße

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Du bist nicht für das Leben deiner Mutter und ihr Glück verantwortlich.

Mein Vater ist seit einer schlimmen Krankheit arbeitsunfähig. Obwohl er es immer sagte, hatte er keine Versicherung und nicht vorgesorgt. Das ganze gute Geld was er über Jahre verdient hat, alles weg. Keinen Pfennig zur Seite gelegt. Da er selbstständig war gab es auch keine schöne Rente oder so. Sein Haus musste er verkaufen, jetzt wohnt er in einem kleinen Mietwohnung, fährt eine alte Karre (früher immer dicke Autos gefahren) und soziale Kontakte haben sich fast alle verlaufen.

Meine Tante machte mir oft Vorwürfe, weil ich ja bis 25 zu Hause gewohnt habe bla bla dabei hab ich immer nebenbei gearbeitet, meine Großeltern haben Uni und Auto bezahlt und Kinder sind nun mal nicht für die Ersparnisse der Eltern verantwortlich.

Was ich sagen will: ja, die Eltern tun einem oft leid wenn sie in solchen unschönen Umständen stecken. Aber es ist nicht deine Schuld dass deine Mutter ihren Job nicht mag oder keine Freunde oder Partner hat. Wir alle sind unseres Glückes Schmied, und Kinder ziehen nun mal irgendwann aus und stehen auf eigenen Beinen. Du wirst niemals in der Lage sein, für sie Freund und Partner zu ersetzen. Außer Tipps und Hilfestellungen geben kannst du nicht viel machen.

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