Was ist für Euch ARMUT??

Moin Ihr Lieben,

da es hier ja seeeeehr oft darum geht, wie schlecht es einem doch geht, was man eigentlich haben muss, dann der Vergleich mit anderen "armen" Leuten hierzulande oder sonstwo kommt und ich am Schluss den Eindruck habe, hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, frage ich Euch:

Was ist für Euch Armut?

Kann man in Deutschland arm sein?

Sollte man sich weltweit vergleichen oder kommt es nur auf die Umgebung an?

Ich bin da etwas zwiegespalten. Einerseits ist mir klar, dass Armut immer im Vergleich zur Umgebung entsteht. Wenn alle reich sind und einer ist mittelreich, dann fühlt derjenige sich arm.

Andererseits sollte man doch über seinen Tellerrand schauen und sehen, wie gut es einem hierzulande geht im weltweiten Vergleich.

Offizielle Definitionen mit Pro-Kopf-Vergleichen haben mich nicht weitergebracht.

Für mich habe ich eine Definition gefunden bzw. zwei:

1) Die "eigentliche" existenzielle Armut, also der Mangel von Nahrung, Wohnraum, Infrastruktur (Schule etc) = danach ist hier überhaupt niemand arm.
Wenn es an diesen Dingen in Deutschland mangelt, dann aufgrund von Problemen mit der Lebensführung oder Suchtkrankheiten oder Schulden und und und. Nicht, weil man hier ohne Geld sitzt.

2) Die zweite Armut, also im Vergleich zu den anderen wesentlich schlechter abzuschneiden, gibts hier dagegen recht viel.

Da kommt man zu der Frage, ob man als Betroffener der zweiten Variante auf die erste gucken soll? Um sich dann besser zu fühlen? Oder um selbst aktiv werden? Oder sollte das untere Feld mehr unterstützt werden? Führt das dann aus der Armut oder schraubt es nur das Niveau höher? Kann Armut überhaupt abgeschafft werden?

Und wenn ich als "Reicher" spende, dann für die Armen nach Definition 1).?? Oder für die zweite Gruppe?

So, bevor es hier zu philosophisch wird, stell ich das mal zur Diskussion :-)

Danke für die Antworten!

LG, Nele

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Für mich gibts auch mehrere Definitionen von Armut... natürlich fällt mir als erstes die 3. Welt ein. Viel dazu erklären muss ich jetzt nicht: Kein Haus, kein Essen, keine Bildung etc.

Dann gibts aber noch andere Armut. Und die wird, wie du schon sagst, von der Umgebung bestimmt. Wenn ein Kind mit kaputten Hosen zur Schule kommt, weil die Eltern nicht das nötige Geld dafür haben... oder von mir aus, nur 3 Hosen zum wechseln hat, dann wird es in der Schule ausgegrenzt (ich spreche aus eigener Kindheitserfahrung) und das ist die 2. Armut. Denn die "Reichen", die sich mehr leisten können, sind arm an Sensibilität, Verständnis und Weitsicht. Oder sagen wir es mal mit den Worten eines 5-jährigen, der mich letztens auf die Klamotten meines Sohnes ansprach, die nicht dreckig sind und auch nicht abgenutzt, aber halt auch keine Markenklamotten:"Warum hat Joshua denn keine "normalen" tshirts? Ich hab ganz viel Ed Hardy..."

Diese Eltern, die ihren Kindern sowas beibringen, sind für mich die ärmsten.

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Hi Nele,
nur kurz da ich wenig Zeit habe. Aber spontan sag ich mal dass in Deutschland keiner arm ist/sein muss. Reichtum ist für mich kein Haus, kein grosses Auto oder Markenklamotten.. Ich gebe zu - es macht sicher das Leben angenehmer, aber es kommt eben immer drauf an wie man seine Massstäbe setzt. Ich vergleiche mich nicht mit anderen und ich fühlte mich beispielsweise in meinem FordKa immer sauwohl (ist leider weg). Mein Nachbar kann 20 Porsche haben - mir wäre es so egal. Und: ich fahre übrigens auch sehr gern Bus (um mal beim Themal Mobilität zu bleiben). Kurzum - ich hab immer genug zu Essen, ein Dach über dem Kopf, gesunde Kinder, bin selbst gesund, mein Mann auch und wir sind glücklich. Eigentlich reicht das doch aus oder?

Das auf die Schnelle meine Gedanken.
Lieben Gruss!
Britta

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Hallo Britta, ich bin da sehr ähnlich veranlagt wie Du.

Wir wohnen in einem sehr reichen Umfeld, Porsche/BMWs/große Audis vor der Haustür (natürlich hat jede Familie mindestens 2 Wagen) sind völlig normal und das, obwohl die allermeisten nur Ein-Verdiener-Familien sind. Bei uns um die Ecke hat tatsächlich einer sogar 2 Ferraris in der Garage stehen.

Es ist mir total wurscht.

WIr haben ein Auskommen, das ausreicht, unsere Kinder gut großzuziehen, ihnen Wärme, Essen, Bildung zukommen zu lassen und wir können sogar hin und wieder ins Kino gehen oder eine kleine Urlaubsreise machen (keine Fernreise, aber das brauch ich auch nicht). Wir lieben uns und sind einfach zufrieden, mit dem, was wir haben. Mein Mann könnte sich mehr abstrampeln und einen stressigeren Job annehmen, um auch mehr zu verdienen - (bei mir ist da gehaltlich im Moment nicht mehr drin) aber wir wollen das nicht. Wir wollen lieber weniger Stress und mehr Zeit füreinander. Das ist uns lieber als ein tolles Auto.

Und da kann die ganze Ortschaft in Samt und Seide gekleidet auf Kreuzfahrt gehen, Kaviar essen, mit dem Ferrari ins Fitnessstudio fahren - wir sind mit Pizza und einem DVD-Abend hochzufrieden.

LG; liki

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bin völlig mit dir.

ich glaube wir mit unserem einen auto sind hier auch die totalen exoten. ist mir aber ehrlich gesagt sehr egal. auf all das kommt es mir auch nicht an. das war auch irgendwie noch nie so.
lg - britta

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Hallo,

der Mensch wird sich immer nach oben orientieren. Das hat uns schon Maslow mit siener Bedürfnispyramide gezeigt. In dem Moment, wo ein Bedürfnis befriedigt ist, ensteht die Motivation, das nächste zubefriedigen und dieses bedürfnis auszugleichen. Von daher birngt es keinem was, wenn ich sage: "Aber schau doch, Menschen in anderen Ländern geht es viel schlechter als dir." Schon gar nicht kann das ein Kind verstehen.
Mein Sohn war am Wochenende auf einen Fußballturnier, dort gab es Lose. Mein Schwiegervater konnte sich nicht bremsen und hat für 30 € irgendwelches Zeug gekauft, dass mein Sohn gerne wollte. Daneben stand ein kleiner Junge aus seinem Team. Die Eltern leben von ALG2. der hat die ganze Zeit mit großen Augen zugeschaut. Der Euiro für das Los konnten sich die Eltern einfach nicht leisten. Mein Schwiegervater hat ihm dann die Lose gekauft.
Arm bedeutet in unserem Land für mich nicht, dass jemand nichts zu essen bekommt. Ich denke, diese Sicherheit haben die meisten, auch wenn "nur" durch wohltätige Organisation. Arm ist für mich in diesem Fall auch schon der kleine Junge, der nicht mal einen Euro bekommen kann, um sich dieses Los zu kaufen.

vg, m.

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Hi,
ich weiss schon was Du meinst mit dem "Nach-Oben-orientieren" und ich hatte diesbezüglich bereits im zarten Alter von 17 eine rege Diskussion mit einem Freund. Nur, bin ich da anders? Ich führe mir oft vor Augen was ich alles habe, wie gut es uns geht, dass ich in erster Linie gesund bin.. Ich strebe nach keiner Villa und nach keinem schnellen Auto. Hängt es nicht auch damit zusammen wie zufrieden man mit sich selbst ist? Sind all die materiellen Dinge nicht lediglich eine Ersatzbefriedigung für was auch immer? Vielleicht für fehlende Emotionen? Ich stelle das hier nur mal zur Diskussion da ich mich das gerade gefragt habe.
LG!
Britta

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Fährst du in denUrlaub? Gehst du auch mal Essen? Könnt ihr problemlos mit den Kindern in Vergnügungsparks? Kann sich jedes Kind zu Weihnachten wünschen "was es will" und bekommt es das dann auch zumeist? Wenn ja... würdest du darauf verzichten?
Es gibt doch genug Sachen, die wir haben, aber nicht zum existieren gebrauchen. Z.B. dein Auto. Dennoch haben wir das. Aber wer will schon nur existieren?

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Armut ist für mich kein Dach über dem Kopf zu haben und die Gewissheit, daß ich keinen Cent mehr für ein Stückchen Brot habe, um meinen Hunger zu stillen.

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Hallo!

Ich sehe das wie du und mamavonyannick. Armut ist relativ, hier in Deutschland ist sie in der Regel nicht lebensbedrohlich, d.h. niemand muss sterben, weil er sich medizinische Versorgung nicht leisten kann oder verhungern. Zumindest nicht unmittelbar. Langfristig wirkt sich Armut und die damit verbundene Lebensweise sicher auch auf die Lebenserwartung aus.
Dennoch gibt es Armut auch hier, die Auswirkungen zeigen sich nur auf anderer Ebene: schlechtere Ernährung, weniger kulturelles Interesse bzw. Teilhabe, weniger Selbstwertgefühl, daraus folgend manchmal Lethargie/Resignation usw. usf.

Wie man "arm" empfindet, ist, glaube ich, auch stark davon abhängig, wie die Aussicht auf Besserung ist. Studenten, die Pfandflaschen zusammenkratzen, um eine Packung Nudeln zu kaufen, leiden sicher nicht so sehr unter der Situation wie ein Mittfünfziger mit ALG2.

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie es sein muss, wenn man mit abgeschlossener Ausbildung bei 800,- netto das Ende der Fahnenstange erreicht hat. Und das womöglich mit 40 oder älter. Ich würde also auch nochmal unterscheiden zwischen "hoffnungsloser" und "phasenweiser" Armut.

LG!

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Danke für den guten Beitrag!

Richtig, ich war als Studentin auch gelegentlich arm, aber das war ja irgendwie cool - selbstständig mit Nudeln und Ketchup statt mit Kohlrouladen unterm Pantoffel der spießigen Eltern :-)

Und, was am wichtigsten ist, man wusste, dass es besser wird.

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Ich bringe mal noch einen anderen Aspekt rein:

Was heute schon fast als arm gilt, war in den 50ern noch normal: Wenig Ausflüge, weniger Geld für Lebensmittel, insgesamt ein bescheideneres Leben.

Einmal die Woche Fleisch, dafür gab's einen Kartoffelkeller.

Natürlich muss und soll man nicht auf sämtliche Annehmlichkeiten des Lebens verzichten, aber die gefühlte Armut steigt mit dem gewünschten Konsum des Einzelnen. Und das nimmt bei manchen bestimmt Ausmaße an, die nicht unbedingt sein müssen. Stichworte Convenience Food, Elektronikgüter, Mobilität, ...

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Aber ich fürchte, es gibt keinen Weg mehr zurück... auch unsere Kinder werden sich höchstwahrscheinlich arm fühlen, wenn sie diese Dinge nicht haben.

Ich würde manchmal gern anders leben, fühle mich da aber auch als Gefangene der Zeit bzw. versuche dann halt, den Mittelweg zu gehen.

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Das ist ein guter Punkt.

Meine Eltern z.B. haben sich nach ihrer Hochzeit entscheiden müssen: Waschmaschine oder Fernseher? Meine Eltern (bzw. meine Mutter :-p) haben sich für die Waschmaschine entschieden. Den Fernseher gab's dann eben erst ein paar Jahre später, als Geld dafür da war. Und dennoch haben sich meine Eltern bestimmt nie "arm" gefühlt.

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Hallo,

für mich ist Armut dem Wortsinn nach die existenzielle Armut, also die nach Variante 1).

Die "Armut" nach Variante 2) definiere ich eher als "sozial schwach", was ich aber nicht abwertend meine, sondern durchaus glaube, dass es diesen Leuten subjektiv schlecht geht, dass sie auch Existenzängste haben, auch wenn diese Dank des sozialen Netzes vielleicht letztlich unbegründet sein mögen, für diese Menschen aber sehr real sind.

Ich glaube auch nicht, dass man sich subjektiv besser fühlt, nur weil es anderen noch schlechter geht. Diese Denke ist für mich eher eine Form von "political correctness".

Da Armut daher stets aus einer subjektiven und einer objektiven Komponente besteht, kann man theoretisch - wenn überhaupt - nur der objektiven Komponente beikommen, eine Abschaffung auch der subjektiven Armut scheidet m.E. nach jedoch aus.

Was ich aber zugebe, ist dass meine Spendenbereitschaft für die Armut der 2. Gruppe hier im Inland eher gen 0 tendiert und nur für die Armut der Gruppe 1 wirklich vorhanden ist, nämlich für solche Menschen, die auf gar kein Netz zurückgreifen können, weil es das schlicht bei ihnen nicht gibt.

VG,

kitty

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Was ich aber zugebe, ist dass meine Spendenbereitschaft für die Armut der 2. Gruppe hier im Inland eher gen 0 tendiert und nur für die Armut der Gruppe 1 wirklich vorhanden ist, nämlich für solche Menschen, die auf gar kein Netz zurückgreifen können, weil es das schlicht bei ihnen nicht gibt.
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Sehr interessant. Ist bei mir auch so, ich spende mehr für die Dritte Welt als in Deutschland.

Gefühlte 80% der Bevölkerung sehen es aber andersrum!

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"Gefühlte 80% der Bevölkerung sehen es aber andersrum!"

Bei uns im Bekanntenkreis ist grundsätzlich wohl die Spendenbereitschaft für`s Ausland höher, als für`s Inland, ob wir damit eine Ausnahme darstellen entzieht sich meiner Kenntnis.

Mich schockierten gerade bei Fernreisen in Schwellenländer die dortigen "normalen" Lebensbedingungen sehr, 3. Welt Länder habe ich noch nicht bereist, da es aber nochmal schlimmer als in den Schwellenländern sein soll, kann ich mir vorstellen wie dringend dort Mittel gebraucht werden.

Ich habe zwar keine Erfahrung wie es ist in D auf Sozialleistungen angewiesen zu sein und kann daher eigentlich keine qualifizierte Aussage treffen, aber ich habe den Eindruck, dass man hier sehr viel bekommen kann, wenn man sich nur auf die Hinterfüße stellt und es entsprechend beantragt. Daher habe ich den Eindruck, dass gefühlte Armut hier oft Unwissenheit bzw. leider auch oft Faulheit geschuldet ist, nämlich weil man schlicht nicht weiß, wo es Gelder gibt, oder die Leute glauben, der Staat müsse zu ihnen kommen, nicht umgekehrt.

Es ist sehr schwierig hier passende Worte zu finden, weil natürlich immer Leute dabei sein mögen, auf die das eben nicht zutrifft und diesen möchte man auch nicht Unrecht tun ;-).

Grundsätzlich kommt man dieser Problematik aber wohl kaum durch Spenden bei, sondern es mangelt schlichtweg an der entsprechenden Verwaltungsorganisation zum gerechten Umverteilen der Güter - die wird durch Spenden aber auch nicht besser.

Wofür ich jedoch auch im Inland spende, ist Tierschutz - aber auch dafür muss man sich ja schnell rechtfertigen, wie man eher für Tiere als Menschen spenden kann...

VG,

kitty

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Ich sehe es ähnlich wie Kitty.

Richtig erbärmliche Armut sehe ich hier in Deutschland nicht, das soziale Netz ist glücklicherweise immer noch eng genug.

Aber: BILDUNGSarmut gibt es hier leider immer mehr.

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Das stimmt - z.B. eklatante Benachteiligung von Kindern infolge diverser familiärer Probleme.

Aber keine existenzielle Armut.

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Hallo Nele,

ich bin der Meinung in Deutschland gibt es Armut aber eine andere als zB. in Indien!

Deshalb muss unterschieden werden. Hier in D gibt es sicher Familien oder Alleinstehende, die Arm sind.

Aber in anderen Ländern ist die Armut schlimmer, die Slums in Indien, die Dörfer in Afrika, die Slums in Brasilien etc...
Diese Menschen haben kein Gesundheitssystem, kein ALG2 usw! Wenn ich spende dann dahin, wobei man da auch wieder aufpassen muss, dass das Geld auch ankommt.

Susi

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"Wenn ich spende dann dahin, wobei man da auch wieder aufpassen muss, dass das Geld auch ankommt."

Das ist ein guter Punkt! Man muss schon sehr genau hinschauen, dass nicht 80% der Spende auf dem Verwaltungsweg liegen bleiben. Alles in allem also gar nicht so einfach "richtig" zu spenden.

VG,

kitty

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Ein bisschen Verwaltung muss aber sein :-)

Irgendjemand muss die Spendenbriefe schreiben, Transporte organisieren etc...

Das geht, wenn es verlässlich sein soll, nicht alles ehrenamtlich.

Ich spende an die UNO und an die Diakonie-Katastrophenhilfe. Ausdrücklich aber immer OHNE Angabe des Zwecks, dann geht das Geld dahin, wo die anderen nicht spenden wollen...

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