Verzweifelt - Rechtliche Situation zu Nahrungsverweigerung im Pflegeheim?

Hallo, ich hoffe sehr, dass meine Frage hier richtig ist, denn wir sind als Angehörige unserer geliebten Mutter und Großmutter sehr verzweifelt und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Ich bitte deshalb schon jetzt um Entschuldigung für den vermutlich sehr ausführlichen Post.

Meine Großmutter (89 Jahre alt) leidet an schwerer Demenz und befindet sich seit gut 2,5 Jahren im Pflegeheim. Ihr geht es körperlich und geistig zunehmend schlechter. In der Anfangszeit im Pflegeheim konnte sie noch mit Rollator selbst laufen und sich bewegen sowie mit uns kommunizieren. Seit einem Kreislaufzusammenbruch und Krankenhausaufenthalt vor etwa einem Jahr sitzt sie aber dauerhaft im Rollstuhl und spricht immer weniger, nun im Frühjahr kam sie erneut wegen eines Kreislaufzusammenbruchs ins Krankenhaus. Davon hat sie sich nicht mehr erholt, sie schläft seitdem den Großteil des Tages und ist vollständig bettlägerig. Sie kommuniziert/spricht nicht mehr, hat die Augen meist geschlossen oder starrt an die Decke - schon seit etwa April/Mai. Meine Mutter (aufgrund von Corona darf nur sie zu Besuch) spricht von einem "Deliriumsartigen Zustand".

Seit Frühjahr wird sie über Flüssig-/breiartige Nahrung mit einer Spritze in den Mund ernährt, sie kann selbstständig nicht mehr essen. Der Körper ist komplett kraftlos. Wenn meine Mutter oder das Pflegepersonal ihr allerdings Essen oder Trinken zuführen wollen, verweigert sie die Aufnahme soweit sie es kann. Sie verschließt dann augenblicklich die Lippen fest, sodass der Mund dann mit mehr oder weniger Gewalt vom Pflegepersonal geöffnet und ihr die Nahrung in den Mund gegeben wird.

Meine Großmutter will einfach nicht mehr in diesem Zustand leben, dessen sind wir uns sicher. Sie handelt nicht aus Bosheit oder Trotz oder um das Personal zu ärgern, denn sie war immer eine so dankbare und gutmütige Persönlichkeit, selbst, als die Demenz schon weit fortgeschritten war. Sie war also nie "schwierig". Meine Mutter hat sie so lange es ging zu Hause gepflegt und besucht sie seitdem täglich im Pflegeheim. Wir können das nicht mehr ertragen - Meine Großmutter wird trotz Nahrungsverweigerung zwangsernährt und kann nichts tun - und meine Mutter bekommt von den Pflegern nur an den Kopf geworfen "Sollen wir sie denn verhungern lassen?" Dabei ist es doch schon seit Frühjahr kein lebenswertes Leben mehr für sie.

Meine Frage deshalb: Dürfen Pfleger einen Patienten überhaupt zum Essen zwingen wenn dieser es gar nicht mehr will? Nur, um ihn um jeden Preis körperlich am Leben zu erhalten? Der Zustand ist nicht mehr (er)tragbar für uns - zu sehen, wie einem geliebten Menschen alles genommen wird und selbst der letzte Wille des Sterbens verwehrt wird. Können wir auf anwaltliche Hilfe hoffen, dass diese Nahrungsverweigerung vom Personal akzeptiert wird? Meine Großmutter hat eine Patientenverfügung, in der die künstliche Ernährung übrigens als Grund zur Einstellung der lebenserhaltenden Maßnahmen angegeen ist - aber soweit ich weiß, gilt die Verabreichung dieser Spritzen wohl nicht als solche.

Ich hoffe sehr, hier Hilfe zu finden. Was können wir nur tun? Haben wir rechtlich gesehen eine Chance auf den freien Willen unserer Angehörigen in diesem Fall? Vielen Dank schon jetzt für die Zeit, dies zu lesen. Wir sind über jede Hilfe dankbar.

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Ich habe das mit der Patientenverfügung nicht ganz verstanden.
Steht da also drin, sie möchte künstlich ernährt werden oder will sie eben nicht künstlich ernährt werden?
Wart ihr schon beim Hausarzt und habt Tacheles mit ihm geredet.
Dieser darf auch sagen, keine Kost, keine Infusion etc pp mehr...

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Vielen Dank für die schnelle Antwort und die Zeit. In der Patientenverfügung steht, dass sie nicht künstlich ernährt werden möchte. Der Tipp mit dem Hausarzt ist sehr hilfreich, das wird wohl dann auch unsere nächste Anlaufstelle sein

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Ah ok, danke für die Antwort.
Also erstens überhaupt darf niemand zu irgendetwas gezwungen werden, das geht gar nicht, bin ehrlich gesagt schockiert, dass die Pflege das dort so durchsetzt und zweitens, wenn es auch noch schriftlich so festgehalten ist in der Verfügung, dann erst Recht nicht.
Ich würde mit der Verfügung zum Hausarzt und ihm nochmals eindringlich schildern, was Sache ist und wie es dort gehandhabt wird, dieser müsste dann tatsächlich anordnen, dass keine Kost mehr verabreicht wird.
Was Nahrung etc angeht, tun sich viele immer noch sehr sehr schwer... Da versuchen immer noch viele Pflegekräfte Patienten zu überreden oder sonst was.

Wir hatten erst kürzlich so einen Fall, schwerkranke demekte Patientin, Nahrung und Flüssigkeit konstant abgelehnt, es wurden Gespräche mit den Angehörigen geführt und dann tatsächlich alles abgesetzt. Die Patientin ist 3 Tage später verstorben...

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Hallo,ich arbeite als Pflegehilfskraft in einem Seniorenheim.Bei uns wird keiner "zwangsernährt",wenn der /die Bewohnerin ganz klar zeigt,dass sie keinen Hunger hat oder die Nahrungsaufnahme verweigert,wird das bei uns so akzeptiert.Die Würde des Menschen ist das wichtigste.Das ganze wird dann dokumentiert und beobachtet.Sollte dieser Zustand auf Dauer so bleiben und keine Nahrungsaufnahme möglich sein,wird Rücksprache mit den Angehörigen gehalten und auch mit dem zuständigen Hausarzt.Er kann entscheiden,dass alle lebensotwenigen Massnahmen eingestellt werden.Sprich Tabletten absetzen , Infusionen verordnen oder auch absetzen.Der Bewohner kann dann palliativ versorgt werden.Sprich er kann würdevoll und schmerzfrei gepflegt und behandelt werden und darf seinen Weg gehen .

Ich würde ,falls das Pflegepersonal die Nahrungsaufnahme mit der Spritze weiter durchführt,Kontakt zu dem Hausarzt aufnehmen.Seit ihr die Betreuer?Wenn ja ,dürft ihr das dann abklären.Sollte jemand anderes der Betreuer sein,muss er dazu geholt werden .

Ich wünsche euch viel Kraft für die kommende Zeit.
LG Katrin

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Vielen Dank für den Input! Das hilft uns schon sehr und es ist gut zu wissen, dass es woanders auch anders laufen kann. Und ja, meine Mutter ist ihre nächste Bezugsperson/Betreuerin und in der Patientenverfügung auch eingetragen. Mir war gar nicht klar, dass der Arzt so etwas auch verordnen kann.
Liebe Grüße

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Genau so kann ich es unterschreiben. Dokumentieren, beobachten, Bezugsperson kontaktieren, Hausarzt kontaktieren. Anders darf es eigentlich nicht sein.

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Gibt es in dem Heim keinen Heimarzt, der regelmäßige Visiten macht???

Also grundsätzlich - eine Pflegekraft darf einen Patienten nicht verhungern lassen - diese Aussage stimmt schon irgendwie.

ABER: Wenn man merkt, dass Patienten weniger Nahrung zu sich nehmen, muss dies Protokolliert und dokumentiert werden um anschließen mit dem Heimarzt besprochen werden. Dieser bespricht dann mit den gesetzlichen Vertrauenspersonen des Patienten was dass -für den Betroffenen- beste weitere Vorgehen ist. Diese Anordnungen werden dann vom PP durchgeführt.

In eurem Fall gibt es eine Patientenverfügung. Diese würde ich dem Heimarzt vorlegen und eine „Palliative Versorgung“ anordnen lassen.
Dass bedeutet keine Zwangsernährung, keine Medikation, keine weiteren Krankenhauseinweisungen, keine Reanimation, usw.......

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Leider nein, wenn etwas ist, muss ein Termin mit dem Hausarzt für einen Heimbesuch gemacht werden und das dauert, warum auch immer, meist sehr lange. Oder es geht direkt mit dem Sanker ins Krankenhaus für Angelegenheiten, die man auch einfacher hätte klären können. Je länger wir dort Einblicke gewinnen, umso unzufriedener sind wir mit der Betreuung..

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Hallo.
Ich arbeite im Krankenhaus und kann den anderen nur zustimmen.
Bei uns wird es auch so gehandhabt, wie von den anderen beschrieben. Wenn ein Patient/in Nahrung und Flüssigkeit verweigert, wird das dokumentiert und seitens der Pflege mit dem Arzt gesprochen. Dieser bespricht dann mit den Angehörigen das weitere Vorgehen. Da ihr ja eine Patientenverfügung habt und deine Mutter auch schon Betreuerin ist, sollte eigentlich einer von euch (und ja offensichtlich auch der alten Dame) gewünschten palliativen Versorgung nichts im Weg stehen.

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Ich kenne es auch so, wie die anderen hier sagen von meinem Opa.

Er lebte aber bei uns zuhause und wurde dort gepflegt.
Er war kurz vor dem 100. Geburtstag und keineswegs dement.
Als sein Sohn starb und er auch längst alle seine Freunde und Geschwister verloren hatte, wollte er einfach nicht mehr, hat er auch gesagt.

Und dann hat er langsam aufgehört zu essen.

Es war so, wie bereits beschrieben. Alle seine Kinder und der Hausarzt haben es zusammen besprochen. Sie hätten ihn entmündigen können und zwangsernähren, theoretisch, aber gegen seinen Willen. Und wie gesagt, er war nicht dement.

Es war schon recht schrecklich, aber er wollte es so, hatte auch absolut keinen Lebenswillen, weil er so viele überlebt hat, besonders eben auch seinen Sohn.

Getrunken hatte er noch eine Weile.

Jedenfalls hat er das alles selbst entschieden.

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Ich arbeite auch in einem altenheim. Wir hatten auch schon ähnliche Fälle. An einen Fall kann ich mich noch erinnern. Der Mann war schwer dement, hat auch nicht mehr gegessen. Die Angehörigen wollten nicht, dass er gezwungen wird. Das haben die Angehörigen uns auch unterschrieben! Das ganze bekam der Hausarzt gezeigt (ich meine auch in kopie). Die Ehefrau war jeden Tag bei ihm. Sie gab ihm trinken, wenn er es zuließ und begleitete ihn so die letzten Tage. Diese Situation ging nicht lange, dann starb er. An eurer Stelle würde ich mit der patientenverfügung mit der pflegekraft oder der pflegeleitung sprechen.
Für uns war es eine belastende Situation. Wir verstanden die Frau, aber haben auch die Verpflichtung (und auch den willen) niemanden verhungern oder verdunsten zu lassen.

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Ich möchte mich noch einmal für alle Antworten bedanken, in diesem Heim gibt es leider keinen Arzt, die ärztliche Verpflegung ist dort generell sehr schlecht wie wir feststellen mussten - lange Wartezeiten auf Termine, oft geht es dann direkt ins Krankenhaus. Leider ist auch vom Pflegepersonal in dieser Zeit noch niemand auf meine Mutter zuekommen. Vermutllich weiß sie auch nur, wie kritisch der Zustand wirklich ist, weil sie jeden Tag dort vor der Tür steht. Aber es ist zumindest ein gutes Gefühl zu wissen, dass dieser Zustand nicht die Norm zu sein scheint und dass wir sehr wohl etwas tun können. Natürlich ist das auch für das Personal belastend, das verstehe ich auch. Ich hoffe aber, dass der Hausarzt-Termmin uns helfen wird.

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Hallo,
Mir als Altenpflegerin sträuben sich alle Nackenhaare bei deiner Schilderung.
Ich arbeite auf einer reinen Demenzstation .
Wir achten gerade deshalb auf nonverbale Signale wie Gestik oder Mimik....
Ablehndes Verhalten wird immer respektiert, wir gehen auch gerne mit Angehörigen ins Gespräch und schildern unsere Wahrnehmungen.
Wir klären über die Konsequenzen einer Magensonde auf und unterstützen die Angehörigen auch ...
Gewaltsames Einflößen lehnen wir ab, trotz Demenz glauben wir, dass der Bewohner irgendwann zeigt, wenn es genug ist.
Setzt euch mit den Mitarbeitern samt Leitung an einen Tisch und besprecht das weitere Vorgehen.
Den Hausarzt gerne dazu nehmen....

Lg
Katja

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Der Umgang mit deiner Großmutter ist einfach nur erschreckend und würdelos. Auf den ersten Blick, auf den zweiten sieht es etwas anders aus. Solange deine Mutter nur mal Bedenken äußert und nicht Klartext spricht läuft das weiter.

Ich würde da jetzt gar nicht weiter an die Pfleger gehen, sie haben Anweisungen und sind auch nur Menschen. Sie tragen dafür nicht die Verantwortung.
Ich bin allerdings erstaunt, das deine Mutter da so lange tatenlos zuschaut. Es liegt jetzt an ihr, für ihre Mutter die Verantwortung zu übernehmen und deren Interessen durchzusetzen. Der Pfleger ist da nicht der Ansprechpartner. Bitte umgehend Gesprächstermin mit der Stationsleitung oder Heimleitung machen, Verfügung habt ihr. Das ihr einen externen Hausarzt habt, das ist sogar von Vorteil. Denn bei ihm könnt ihr euch sicher sein, das er im Sinne der Oma spricht. Mich wundert wirklich, warum dort noch keine Gespräche stattgefunden haben...das lässt wirklich Raum für Spekulationen, leider. Aber auch das sollte jetzt egal sein.
Deine Mutter muß jetzt aktiv werden und im Heim Tacheles reden. Eigentlich muß das ohne Anwalt gehen.
Ihr seid ja sehr klar in euren Gedanken. Gibt es die Option, die Oma zum Sterben nach Hause zu holen? Wäre das etwas für euch? Deine Worte klingen fast so.
Legt euch da jemand vom Heim Steine in den Weg, dann könnt ihr immer noch einen Anwalt einschalten, also wenn es um die Einstellung der Ernährung geht.
Mach dir mal bewußt, das es auch den umgekehrten Fall geben kann...Lebenserhaltung um jeden Preis. Wenn ihr nicht klar mit den Verantwortlichen (nicht den Pflegern!) im Heim kommuniziert, woher sollen die dann eure Vorstellungen kennen? Ja, sie würden es mit eurem Okay noch Jahre so weiter machen.

Setzt sofort alles daran, das die Dame nicht auch noch eine Magensonde bekommt, dann wird es kompliziert.

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