Fehlgeburt: Das Trauma vieler Schwangerer
Für viele Frauen (und deren Partner) ist eine Fehlgeburt nur schwer zu verkraften: Ein Interview mit Prof. Dr. Helge Rüttgers zu diesem schwierigen Thema.
Interview mit Professor Dr. Helge Rüttgers
Eine Fehlgeburt, der Verlust eines Babys in den ersten 25 Schwangerschaftswochen, ist für die betroffenen Paare ein traumatisches Erlebnis. urbia sprach mit Professor Dr. Helge Rüttgers, dem Chefarzt der größten Geburtsklinik in Nordrhein-Westfalen, über die medizinischen Hintergründe und die psychischen Folgen des Verlustes eines Kindes.
urbia: Wie viele Schwangerschaften gibt es in Deutschland pro Jahr und wie viele enden dabei mit einer Fehlgeburt? Wie liegt diese Quote im internationalen Vergleich?
Prof. Dr. Rüttgers: Auf jede Geburt kommt in etwa auch eine Fehlgeburt – ein Verhältnis, wie es nicht allein für Deutschland, sondern auch für andere Länder der EU gilt und das zunächst überraschen mag. Eingeschlossen ist hier eine Dunkelziffer. So werden laut Gesetz Kinder unter 500 Gramm nur registriert, wenn sie lebend zur Welt kommen.
Wenn man genauer aufschlüsselt, was unter dem Begriff "Fehlgeburt" zusammengefaßt werden muss, relativiert sich das gerade genannte Zahlenverhältnis: Zunächst gibt es die Fehlgeburt im gynäkologischen Sinne. Dies ist die Geburt eines lebensunfähigen Kindes etwa bis zur 25. Schwangerschaftswoche. Diese sind von einem Abort abzugrenzen, dem Verlust des Fötus bis zur 12. Schwangerschaftswoche. Diese Fälle eingeschlossen, ergibt sich das genannte Verhältnis von etwas 1:1 zwischen Geburten und Fehlgeburten. Nach Vollendung der 12. bis zur 25. Schwangerschaftswoche ergibt sich etwa eine Zahl von 1,5 bis 3 Prozent Fehlgeburten.
Ursachen sind weitgehend ungeklärt
urbia: Welche Ursachen für Fehlgeburten gibt es?
Prof. Dr. Rüttgers: Sie sind weitgehend ungeklärt, im Einzelfall auch selten zu ermitteln. Es können äußere Einwirkungen – Verkehrsunfälle, andere Traumata der Gebärmutter – gynäkologische Eingriffe und Krankheiten, insbesondere Infektionskrankheiten, dafür verantwortlich sein. Am häufigsten sind genetische Aberrationen, die zu einem vorzeitigem Absterben der Frucht oder der Plazenta-Zellen führen. Dabei kommt es entweder zum schnellen Ausstoßen der Frucht (Abort im eigentlichen Sinn) oder zum verhaltenen Abort, bei dem sie unbemerkt abstirbt und erst entdeckt wird, wenn die Frau zur Schwangerschaftsvorsorge geht. Diese Art von Abort kommt nach meiner Beobachtung zur Zeit sehr häufig vor bzw. wird häufig diagnostiziert. Dies erklärt sich aber nicht durch eine tatsächliche Häufung, sondern liegt in der weiter entwickelten Diagnostik, zu der sehr frühe Ultraschalluntersuchungen gehören.
urbia: Können diese Ursachen nach der Fehlgeburt in jedem Fall geklärt werden? Wie hoch ist der Anteil "unklarer" Fehlgeburten?
Prof. Dr. Rüttgers: Der Anteil unklarer Aborte ist sehr hoch, etwa 90 Prozent. Als Auslöser kommen generell in Frage: Vorzeitige Wehentätigkeit, vorzeitiger Blasensprung sowie der Zustand nach einer Amniozentese zur Bestimmung des Chromosomensatzes des Fötus. Darüber hinaus spielen mütterliche Infektionserkrankungen und Mehrlingsschwangerschaften eine Rolle.
In den ersten zwölf Wochen besonders anfällig
urbia: Warum sind Schwangerschaften in den ersten zwölf Wochen so überaus anfällig?
Prof. Dr. Rüttgers: Weil die Implantation des befruchteten Eies und die Ausbildung der Plazenta ein sehr differenzierter Vorgang ist, der an vielen Stellen gestört werden kann. Hier spielt der Ort der Implantation des Eies eine Rolle, die Durchblutung des Uterus, die Qualität der Gebärmutterschleimhaut und die der genetischen Anlage.
urbia: Abgesehen von der Behandlung der körperlichen Folgen einer Fehlgeburt wird in Deutschlands Kliniken und den gynäkologischen Praxen ausreichend für die Seele der Patienten und ihres Partners gesorgt? Ist die Fehlgeburt aus Ihrer Sicht ein großes Tabuthema, weil es vielleicht nicht in unsere perfekte und planbare Welt passt?
Prof. Dr. Rüttgers: Wahrscheinlich leidet die psychologische Zuwendung Not. Einerseits hängt es damit zusammen, dass die Ursachen – wie oben beschrieben - meist im Dunkeln liegen und von daher ein Erklärungsnotstand besteht. Außerdem liegt das Problem noch auf einer anderen Ebene: Im Erfahrungshorizont des Gynäkologen ist das Ereignis naturgemäß - weil es sehr häufig vorkommt und er aus seiner Praxis damit fast täglich Umgang hat – zumindest in einem frühen Stadium der Schwangerschaft "üblich". Das galt auch ehedem für die Frau. Diese geht jetzt aber anders als das noch vor zehn oder 15 Jahren der Fall war, ganz gezielt die Schwangerschaft an. Sie hat ihre Berufs- und Familienpläne darauf abgestellt und ist von daher bisweilen verzweifelt, wenn es dann beim ersten Mal nicht klappt. Das ist eine zunehmend zu beobachtende Haltung, nicht nur bei den jungen, sondern auch bei den mittelalten Patientinnen. Von daher ist die Enttäuschung groß, wenn das eine oder andere jetzt schief geht, das dadurch massive psychische Probleme entstehen, denen in den Praxen womöglich kaum entgegen gewirkt werden kann, in den Kliniken vielleicht häufiger, weil hier ein größeres Team mit verteilten Aufgaben zur Verfügung steht. Wir bemühen uns, der Situation nach einem solchen Ereignis gerecht zu werden, indem wir es thematisieren.
Tabuthema Fehlgeburt?! So würde ich die Fehlgeburt heute nicht ansehen, wobei man insgesamt fragen muss: Was ist heute eigentlich ein Tabu. Ein mögliches Kriterium: Was noch in keiner Nachmittags-Talkshows angeschnitten worden ist. Sind Fehlgeburten dort schon abgehandelt worden? Ich weiß es nicht!
urbia: Wie groß ist die Chance nach einer Fehlgeburt oder auch mehreren Fehlgeburten wieder schwanger zu werden?
Prof. Dr. Rüttgers: Die Chance ist ungetrübt. Nach einer Fehlgeburt ist am ehesten mit einer normal verlaufenden Schwangerschaft zu rechnen. Sollten sich Fehlgeburten – vor allem frühe Aborte häufen – ist das Risiko naturgemäß ein anderes.
Professor Dr. Helge Rüttgers ist Chefarzt der Frauenklinik Vogelsangstraße der Kliniken Sankt Antonius in Wuppertal. Die Klinik ist mit rund 2400 Geburten pro Jahr die größte Geburtsklinik in Nordrhein-Westfalen.